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Alltag der Mormonen in Amerika:Die Zweifler treffen sich im Internet

Berühmte Mormonen

Heilige Unterwäsche!

Heute schüttelt Forbyn den Kopf, wenn er an die Zeit in Provo denkt: "Wenn eine Andacht stattfand und du nicht sofort hingestürmt bist, wurde ein enormer sozialer Druck aufgebaut: Zweifelst du, rebellierst du?" Dabei wollte er mit Anfang 20 nur selbst entscheiden, ob er einen Film schaue oder zum family home evening gehe.

Die Mormonen, schreibt der Historiker Matthew Bowman in The Mormon People, schätzen Selbstdisziplin und Konformität. Forbyn hat sich von der Kirche entfernt, weil er deren hierarchische Struktur ablehnt und entsetzt ist, wie homosexuelle Mormonen schikaniert werden. Auch die Tatsache, dass Schwarze erst seit 1978 in die Priesterschaft aufsteigen dürfen, bestürzt den jungen Mann mit dem Backenbart.

Forbyn ist froh, dass seine Eltern seine Sinnsuche akzeptieren. Er weiß, dass es vielen zweifelnden Mormonen anders geht: Da die Familie eine zentrale Rolle spielt, fällt es den Angehörigen oft schwer, zu akzeptieren, wenn jemand kritische Fragen stellt. In den vergangenen Jahren sind viele Online-Foren entstanden, auf denen sich Zweifler austauschen. Eine der bekanntesten Internetseiten ist Mormonstories.org, die der 42-jährige John Dehlin betreibt.

Im Internet entdeckte er Schockierendes

Dehlin war bis vor elf Jahren ein vorbildlicher Mormone. Auch als er als Missionar in Guatemala merkte, dass sein Chef Kinder taufen ließ, um die Bilanz zu schönen, brachte dies seinen Glauben nicht ins Wanken. Nach der BYU ging er in die IT-Branche und arbeitete bei Microsoft in Seattle.

2001 stürzte Dehlin in eine tiefe Krise, als er eine besondere Aufgabe übernahm: Er sollte Jugendliche vor der Schule in Religion unterrichten - ein typisches Ritual für Mormonen außerhalb Utahs. "Ich habe alles gelesen, was ich finden konnte, weil ich ein guter Lehrer sein wollte", berichtet er. Doch im Internet entdeckte Dehlin Schockierendes: "Obwohl ich jede Woche in den Gottesdienst gegangen war, hatte ich nie davon gehört, dass Joseph Smith mit 30 Frauen verheiratet war."

In Büchern fand er weitere Details: Der Prophet hatte die Polygamie vor seiner Gattin verheimlicht und andere Mormonen auf Mission geschickt, damit er in deren Abwesenheit die Frauen ehelichen konnte. Und in alten Zeitungsartikeln fand er Belege, dass der Mob Joseph Smith 1844 nicht auf Befehl des Teufels ermordete, wie es die LDS-Kirche lehrt, sondern weil dieser eine Druckerpresse zerstören ließ, um Berichte im Nauvoo Expositor über sein Liebesleben zu verhindern.

"Ich möchte Zweiflern Informationen geben"

Dehlin war schockiert: "Ich fühlte mich verraten und enttäuscht. Und ich konnte nicht verstehen, wie ich mich so lange hatte belügen lassen." Er zog mit seiner Frau und vier Kindern nach Utah zurück. 2005 begann er den Podcast Mormonstories und interviewt seither Gläubige und Skeptiker, Schwule und Polygamisten, Farbige und Feministinnen. Es gehe ihm nicht darum, Leute zum Austritt zu bewegen, so Dehlin: "Ich möchte Zweiflern Informationen geben." Mittlerweile haben sich 80 Facebook-Gruppen gebildet und regelmäßig finden Mormonstories-Konferenzen statt.

John Dehlin findet es toll, dass Mitt Romney ins Weiße Haus einziehen will. "Die LDS-Kirche hat sich bisher wie ein Teenager benommen und die Aufmerksamkeit der Medien kann ihr helfen, erwachsen zu werden", meint der Blogger. Bisher hat Dehlin die Mormonen nicht verlassen, obwohl er im Gottesdienst gemieden wird und nie eingeladen wird, eine Predigt zu halten. Bedroht fühlt sich Dehlin nicht: "Allerdings hat mein Bishop mir jüngst erklärt, dass es mir nicht gestattet werde, meinen Sohn selbst zu taufen. Es wird schwer werden, ihm das zu erklären."

Neben den 60 Stunden, die Dehlin wöchentlich in Mormonstories investiert, arbeitet er an seiner Doktorarbeit in Psychologie. Er möchte später als Therapeut arbeiten, um schwulen und lesbischen Mormomen zu helfen - oder Paaren, deren Ehe in Gefahr ist, weil sich einer vom Glauben löst.

Verzweifelte Homosexuelle

Dehlin glaubt, dass es noch lange dauern wird, bis die LDS-Kirche ihren starren Kurs aufgibt oder nicht mehr aufrechterhalten kann und will bis dahin das menschliche Leid lindern. In keinem anderen US-Bundesstaat werden mehr Antidepressiva geschluckt als in Utah und der Staat hat eine der höchsten Selbstmordraten bei jungen Männern zwischen 18 und 24. "Ein Drittel sind wohl verzweifelte Homosexuelle", meint Dehlin. Eine andere Studie kam zu dem Ergebnis, dass Selbstmordgedanken bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren nirgends verbreiteter sind als in Utah.

Die 22-jährige Erin Henrie hat erfahren, wie schwer es sein kann, sich vom Glauben zu lösen: "Ich bin ein Nachfahre von Hyrum Smith, dem ersten Patriarchen der Kirche. In den letzten sechs Generationen ist niemand vom Glauben abgewichen." Bei den Henries sei es "nie nur um Religion, sondern stets um Familie" gegangen.

Die Verwandten des Vaters beschreibt Erin als "ultrakonservative Mormonen, die alle Regeln einhalten." Für sie brach eine Welt zusammen, als sie mit 19 entdeckte, dass sich ihre Mutter im Internet über ihre Zweifel an der Religion austauschte. Der Studentin ging es wie Dehlin: Je mehr sie recherchierte, umso mehr Widersprüche fand sie. Als Freunde und Kirchenvertreter mit Unverständnis reagierten, wuchs ihre Wut. Sie ist froh, über mormonstories.org Kontakt zu anderen Skeptikern gefunden zu haben, die sich gegenseitig stützen.

Henrie ignoriert die strengen Regeln, sie trinkt Alkohol und wird im Herbst standesamtlich heiraten - ihr Vater wird wohl nicht dabei sein. Trotz des klaren Schnitts weiß Erin, dass sie ihre Jugend als Mormonin immer prägen wird. Sie habe ihr Verhältnis zum Glauben noch nicht geklärt. Organisierte Religion lehne sie jedoch ab: "Die Tatsache, dass mein Verlobter und ich Sex hatten, bevor wir ein Paar wurden, sagt nichts darüber aus, ob ich eine gute oder schlechte Person bin. Wenn Leute so etwas sagen, dann wird die Wut in mir angeheizt und irgendwann explodiere ich."

Linktipps: Die New York Times berichtet ausführlich über den Einfluss des Glaubens auf Mitt Romneys Persönlichkeit. Eine lesenswerte Reportage über Mormonen in Utah, in der auch Mommy-Blogs eine Rolle spielen, erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung .