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CDU:Kramp-Karrenbauer kann schon auch was

Ein gutes halbes Jahr nach ihrer Wahl steckt die CDU-Chefin in ihrer ersten Krise. Deshalb muss sie sich wieder auf ihre Qualitäten besinnen - und auf einen baldigen Bruch der großen Koalition hoffen.

Bevor die CDU nun anfängt, ihre neue Vorsitzende immer weiter zu bemäkeln, sollte sie sich daran erinnern, was eigentlich alle mal sehr respektabel an Annegret Kramp-Karrenbauer fanden: Die einstige Ministerpräsidentin hat ein Regierungsamt zugunsten der Partei abgegeben. Was das wert ist, sieht man ja gerade an jenen SPD-Politikern, die ihr Amt als Bundesminister, Ministerpräsidentin oder auch ihren Job nach der Politik alle der Partei verdanken, sich nun aber um Himmels willen nicht für die Führung eben dieser, ihrer Partei einspannen lassen wollen. Kramp-Karrenbauer hatte sich erst sogar mit dem Job der Generalsekretärin begnügt. Ein Freifahrtschein in den Vorsitz war das bekanntlich nicht. Sie hat Risikobereitschaft bewiesen.

Zusammen mit ihren Konkurrenten Friedrich Merz und Jens Spahn hat Annegret Kramp-Karrenbauer auch einen demokratisch vorbildlichen und fairen Wahlkampf um die CDU-Spitze geführt, der ihre Partei geradezu reanimierte. Man vergisst das leicht in Zeiten, da - dank der SPD - viel davon die Rede ist, wie brutal und destruktiv Politik geworden sei. Kramp-Karrenbauer hat damals manch populistisch angewehten Vorstoß der Konkurrenz couragiert abgewehrt. Sie kann schon auch einstehen für eine Sache.

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CDU/CSU

Brinkhaus: Kramp-Karrenbauer wird Kanzlerkandidatin

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Ein gutes halbes Jahr nach ihrer Wahl steckt die neue CDU-Chefin dennoch in ihrer ersten Krise. War lange Zeit viel von ihren Stärken die Rede, offenbart sie jetzt selbst ihre Schwächen. Konnte sie im CDU-internen Wahlkampf mit detailreichen Einsichten punkten, zeigt sich jetzt ein Mangel an bundespolitischer Übersicht. Konnte man im vergangenen Jahr bei wichtigen Auftritten noch mit der Leidenschaft der Rednerin manch wirre Formulierung entschuldigen, stellt sich jetzt manchmal die Frage: Was redet sie da?

Heute gilt der Schatten der Kanzlerin als Kramp-Karrenbauers größtes Hindernis. Angela Merkel wirkt dem Alltagsstreit entrückt, die Nachfolgerin müht sich in der Ebene. Als Kramp-Karrenbauer in der CDU-Spitze eintraf, suchte man noch gerne die Parallelen zu Merkel: Machtbewusstsein, Verbindlichkeit, Detailwissen, Orientierung in die Mitte, Selbstbehauptung in einer männlich dominierten Partei. Den Eindruck einer besonders engen Beziehung zu Merkel verstärkte die besondere Distanz von Friedrich Merz zur Kanzlerin. Es war Kramp-Karrenbauer selbst, die gegen den Ruf der "Mini-Merkel" anredete. Nun zeigt sich, wie recht sie hatte.

Als Merkel vor gut 20 Jahren unter dem Parteichef Wolfgang Schäuble zunächst in die CDU-Spitze rückte und dann seine Nachfolgerin wurde, hatte sie bereits acht Jahre am Kabinettstisch hinter sich. Als Umweltministerin musste sie einen Skandal um Atomtransporte durchstehen und sich der Angriffe eines grünen Fraktionschefs namens Joschka Fischer erwehren, deren Vehemenz und Publikumswirksamkeit dem Vergleich mit einem Rezo-Video von heute durchaus standhalten.

Auch Merkel hat anfangs Fehler gemacht. Dass sie politisch trotzdem durchkam, lag daran, dass ihr Stoizismus gegenüber Kritik und ihre Fähigkeit, Widersacher abtropfen zu lassen, damals schon ausgeprägt waren. Diese Souveränität vermittelt Kramp-Karrenbauer nicht. Ihre politische Programmatik erscheint diffus, ihre Kommunikation unsicher.

Der größte Unterschied zwischen Merkel und Kramp-Karrenbauer liegt in ihrer politischen Sozialisation. Der Quereinsteigerin aus dem Osten, die sich für ihren Blick auf die Verhältnisse immer eine gewisse Distanz bewahrt hat, fehlte stets jede konservative Nostalgie. Deshalb fiel es ihr leichter, von der CDU Modernisierung einzufordern, auch wenn sie damit nicht immer Erfolg hatte.

Annegret Kramp-Karrenbauer dagegen hat hinter sich gebracht, was man die Ochsentour nennt. Sie ist in der Partei aufgestiegen, sie kennt die CDU in- und auswendig. Sie hat für den Parteivorsitz kandidiert mit dem Versprechen, wieder mehr auf die Basis zu hören. Es ist aber in einer konservativen Partei ein gewisser Widerspruch in sich, eine Modernisierung der CDU aus sich selbst heraus zu erwarten. Es müssen einige vorangehen. Die Entwicklung der Familienpolitik unter Merkel ist dafür ein gutes Beispiel, die Migrationspolitik ein anderes.

Machtpolitisch müsste Kramp-Karrenbauer sich einen baldigen Bruch der großen Koalition wünschen. Je schneller es zu Neuwahlen käme, desto sicherer wäre sie die Kanzlerkandidatin der CDU - und auch der CSU, die für die Neue an der Spitze der Schwesterpartei ohnehin mehr Begeisterung zeigt als deren eigene Truppe.

Aber wäre eine Kandidatur aus Zeitnot wirklich erstrebenswert? Es würde Kramp-Karrenbauer generell viel mehr helfen, sich wieder auf ihre Qualitäten zu besinnen: Will sie zum Beispiel in der Europa- oder der Klimapolitik nicht in den Ruch trotzigen Beharrens geraten, wird sie sagen müssen, wohin sie will. Und zwar so, dass man es versteht - begleitet von zwei ihrer erwiesenen Fähigkeiten: Risikobereitschaft und Standhaftigkeit.

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