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Afghanistan:Rucksack voller Steine

Alles umsonst? Ein amerikanischer Soldat geht an einer US-Flagge auf einem Stützpunkt in Afghanistan vorbei.

(Foto: David Goldman/AP)

Die Nato vertagt eine Entscheidung über ihren Einsatz, wodurch sich dieser wohl noch einmal verlängert. Doch viele Afghanen haben die Hoffnung längst aufgegeben, dass ihr Land zur Ruhe kommt.

Von Tobias Matern, München

Er will nur noch weg. Jusuf Khan, der eigentlich anders heißt , aber darauf besteht, dass sein richtiger Name nicht genannt wird, weil er sich vor Repressalien fürchtet, setzt nun alles auf eine Karte, besser gesagt: ein Stück Papier. Ein Visum für ihn und seine Familie soll her, in die Türkei möchte er auswandern, um diesem permanenten Gefühl, dass dieser Tag sein letzter sein könnte, zu entkommen. "Ich will hier so schnell wie möglich raus", schreibt der Mann aus Kabul in einer Textnachricht.

Viele Afghanen sehen es wie Jusuf Khan. Sie haben nach fast 20-jährigem Einsatz für den Westen die Hoffnung fast komplett verloren, dass ihr Land zur Ruhe kommt. Nun macht sich die Sorge breit, die noch verbliebenen etwa 10 000 westlichen Soldaten würden Ende April ihr Land komplett verlassen. Darauf hatten sich die Diplomaten von Ex-Präsident Donald Trump und die Taliban verständigt - in dem Abkommen von Doha, das sie im vergangenen Jahr geschlossen haben.

Darin verpflichten sich die Taliban zwar auch dazu, terroristische Gruppen wie al-Qaida und den sogenannten Islamischen Staat in Schach zu halten. Und sie haben das Signal ausgesendet, dass sie bereit sind, mit der Kabuler Regierung Frieden zu schließen. Soweit die Hoffnung, doch die Realität ist eine andere.

Zwar hat die Nato am Donnerstag eine Entscheidung über das Ende des Einsatzes vertagt, wodurch sich dieser wohl noch einmal verlängert, doch ein robuster Fahrplan für den Frieden steckt in dieser Bereitschaft des Westens noch nicht. "Die Taliban wollen Klarheit darüber haben, wie die USA genau zu dem Abkommen mit ihnen stehen", sagte ein Mitglied der afghanischen Verhandlungsdelegation, die ihrerseits nun mit den Islamisten in Doha über die Zukunft des Landes sprechen soll. Es liefen gerade keine Friedensgespräche, nur noch informelle Treffen.

Militärisch sind die Taliban nicht zu besiegen

Die afghanische Verhandlungsdelegation ist von den USA mit einem Rucksack voller Steine in die Gespräche mit den Taliban geschickt worden. Die Islamisten können sich darauf berufen, dass sie einen Deal mit den Amerikanern haben, dass darin auch ein Abzugsdatum fixiert ist. Und sie können ihren Teil der Vereinbarung, in dem sie sich verpflichten, die Gewalt zu reduzieren, einfach ausklammern. Denn sie wissen: Was soll die afghanische Regierung anderes machen, als auf einen Friedensschluss am Verhandlungstisch zu hoffen? Militärisch sind die Taliban nicht zu besiegen. Ihr altes Mantra, der Westen habe die Uhren, sie aber die Zeit, besitzt mehr denn je Gültigkeit.

Die Islamisten haben bereits eine Reihe von Forderungen erfüllt bekommen: So sind etwa Tausende ihrer Gefangenen aus der Haft freigekommen, so ist der Friedensprozess in Doha nicht kollabiert, obwohl die Angriffe auf die afghanischen Sicherheitskräfte mehr statt weniger geworden sind. Da sie den USA eine Vereinbarung abgerungen haben, sind die Taliban nun der afghanischen Verhandlungsdelegation einen strategischen Schritt voraus. Seit sie das Gefühl haben, der neue US-Präsident Joe Biden fühle sich nicht gänzlich an die Afghanistan-Politik seines Vorgängers gebunden, drohen sie Washington unverhohlen "mit einem großen Krieg, dessen Verantwortung voll und ganz auf den Schultern Amerikas liegen wird".

Ein Abzug Ende April, wie Trump ihn eigentlich angepeilt hatte, wäre aus Sicht des Kabulers Jusuf Khan ein großer Fehler, der sein Land in "die Katastrophe führen würde". Die Regierung Joe Biden sollte aber auch nicht wieder mehr Truppen an den Hindukusch schicken, weil dies die Lage nur eskalieren lassen würde. Die Taliban könnten das zum Anlass nehmen, ihre Attacken wieder vermehrt gegen westliche Soldaten zu richten. Darauf haben sie seit dem bilateralen Abkommen mit den USA verzichtet, allerdings ohne das Blutvergießen insgesamt zu verringern.

Die Taliban attackieren Institutionen des afghanischen Staates und Sicherheitskräfte oder verüben Anschläge auf Personen des öffentlichen Lebens. Die Islamisten wollten offensichtlich "die alleinige Macht", zürnte Hamdullah Mohib, Sicherheitsberater der afghanischen Regierung, kürzlich. Sie seien an einem echten Friedensschluss offenbar nicht interessiert.

Nicht nur militärisch wähnen sich die Taliban in einer guten Position, durch immer massivere Gewaltakte den Preis für einen Frieden in die Höhe treiben zu können. Ihnen spielt auch lokales Missmanagement in die Hände. So sagten Parlamentsabgeordnete dem afghanischen Nachrichtensender Tolonews, in Kandahar führe ein Zusammenspiel von Missmanagement und Korruption dazu, dass die Provinz bald ganz den Islamisten in die Hände fallen könnte. Hinzu kommt: aus vielen Bereichen des Landes gibt es Berichte, wonach die Taliban ihre Macht ausbauen.

© SZ
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