Afghanistan:"Gefangen in einer humanitären Krise"

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Afghanistan: In Not: Afghanische Bauern stehen für Essen an, das eine Hilfsorganisation verteilt. Das Land leidet unter einer extremen Dürre.

In Not: Afghanische Bauern stehen für Essen an, das eine Hilfsorganisation verteilt. Das Land leidet unter einer extremen Dürre.

(Foto: Mstyslav Chernov/AP)

Die internationale Gemeinschaft stellt weitere Hilfsgelder für die Menschen in Afghanistan bereit. Die Taliban sollen davon nicht profitieren.

Von Tobias Matern

Die Staatengemeinschaft hat sich am Donnerstag auf Hilfszahlungen für Afghanistan in Höhe von 2,4 Milliarden Dollar verständigt, etwa 2,2 Milliarden Euro. Es ist eine Gratwanderung. Einerseits sollen die Taliban nicht das Gefühl bekommen, die internationale Gemeinschaft billige ihr Handeln und belohne sie mit finanzieller Unterstützung. Andererseits ist die Not der Menschen im Land groß. UN-Generalsekretär António Guterres sagte am Donnerstag, dass 95 Prozent der schätzungsweise 39 Millionen Menschen in dem Land nicht genug zu essen hätten. Das Land sei "gefangen in einer humanitären Krise", so die Vereinten Nationen. Afghanistan durchlebt eine der schwersten Dürren seit 30 Jahren.

Auf etwa vier Milliarden Euro hatten die UN vor der internationalen Geberkonferenz am Donnerstag den Bedarf für das Land beziffert, um die Menschen mit den Grundbedürfnissen versorgen zu können. Das Geld wird laut Vereinten Nationen für Lebensmittel, Gesundheitsversorgung, Bildungsangebote und Notunterkünfte benötigt.

Doch nach wie vor ist eine diplomatische Zusammenarbeit des Westens mit den Taliban nicht vorgesehen. Die in Kabul herrschenden Islamisten hatten vergangene Woche das neue Schuljahr mit der Nachricht eröffnet, dass Mädchen ab zwölf Jahren weiterhin nicht den Unterricht besuchen dürfen. Auch die Reise- und Bewegungsfreiheit von Frauen hatten die Islamisten weiter eingeschränkt.

Die Bundesregierung hält daher an ihrer Linie fest, die direkte Entwicklungszusammenarbeit mit Kabul auszusetzen. Berlin unterstützt indes Organisationen wie Unicef, das Welternährungsprogramm und das Internationale Rote Kreuz, damit diese in Afghanistan arbeiten können.

Berlin will darauf achten, dass die Taliban nicht direkt Zugriff auf die Gelder haben

"Die Notlage der Mädchen veranschaulicht auf düstere Weise das Leid der Menschen in Afghanistan. Die humanitäre Krise, die die afghanische Bevölkerung durchlebt, zählt zu den schwersten der Welt", sagte Außenministerin Annalena Baerbock bei der virtuell abgehaltenen Geberkonferenz am Donnerstag. Die Bundesregierung werde weitere 200 Millionen Euro für humanitäre Hilfe zur Verfügung stellen. Berlin will darauf achten, dass die Taliban nicht direkt auf die Gelder Zugriff haben.

"Die Taliban müssen Akteuren der humanitären Hilfe ungehinderten Zugang verschaffen und ihre Sicherheit gewährleisten, und sie dürfen die humanitäre Hilfe nicht einschränken", sagte Baerbock. Über die humanitäre Hilfe hinaus werde das weitere Engagements Deutschlands in Afghanistan vom Handeln der Taliban abhängen. "Wir werden sie an diesen Taten messen, nicht an ihren Worten", betonte die Außenministerin.

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping sieht Afghanistan an einem "kritischen Punkt im Übergang von Chaos zu Ordnung". Er betonte in einer schriftlichen Botschaft an die Teilnehmer eines Außenminister-Treffens von afghanischen Nachbarstaaten am Donnerstag in der südostchinesischen Provinz Anhui, ein "friedliches, stabiles, sich entwickelndes und florierendes Afghanistan" sei der Wunsch des afghanischen Volkes und im Interesse aller Länder.

Aber auch die Anrainerstaaten forderten die Taliban auf, die Rechte von Frauen zu achten und die Bildung von Kindern sicherzustellen. Sie forderten die Taliban zudem auf, "sichtbarere Maßnahmen" zu ergreifen, sich von terroristischen Kräften zu distanzieren.

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