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Afghanistan:Die Generation 9/11 kennt die Talibanherrschaft nur aus Erzählungen

Tatsächlich machen bald die ersten Jugendlichen der Generation 9/11 Abitur. Sie kennen die Herrschaft der Steinzeitislamisten nur aus den Erzählungen ihrer Eltern. Najia Asghari gehört zu einem Teil der afghanischen Jugend, für den Bildung trotz aller Hindernisse ein Zukunftsversprechen darstellt. Asghari will Ärztin werden, weil sie darin die Möglichkeit sieht, ihrem Land beim Aufbau zu helfen und Leid zu lindern.

Ihr Abschlussjahrgang steht für einen klar erkennbaren Wandel: Als die Taliban regierten, in den Jahren von 1996 bis 2001, durften Mädchen nicht einmal in die Schule gehen. Nun machen auch Schülerinnen ihre Abschlüsse, obwohl von Gleichberechtigung keine Rede sein kann. "Im Vergleich zu der Zeit, als die Taliban an der Macht waren, ist die Situation für Mädchen sehr gut", sagt Anisa Asghari, Najias Mutter. Doch die Sicherheitslage müsse besser werden, "damit die Kinder ohne Angst leben können". Immer noch gibt es in Afghanistan Attacken auf Schulen, wie etwa im August in Kabul. Der sogenannte Islamische Staat reklamierte den Anschlag, bei dem mindestens 34 Menschen ums Leben kamen, für sich.

Auch bei der Qualität der Bildung gibt es noch Luft nach oben. Ghulam Ali leitet in der nördlichen Provinz Kundus eine Schule. Er sagt: Im Vergleich zu früher habe sich die Situation zwar deutlich verbessert, fließe auch mehr Geld in Schulen und Universitäten. Aber es mangele an Lehrern, zahlreiche Klassen an seiner Schule hätten kein Dach über dem Kopf, weil das Geld für den Ausbau fehle. "Und die Schüler werden es nach dem Schulabschluss schwer haben, ihre gewünschten Berufe zu ergreifen, weil ihr Wissensstand niedrig ist", sagt Ali.

Die Kinder, die nicht zur Schule gehen können, "tun mir leid", sagt der Vizebildungsminister

Aber immerhin: Ghulam Ali, der monatlich umgerechnet 125 Euro verdient, kann den Kindern zumindest regelmäßig Unterricht anbieten. Das ist nicht selbstverständlich. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) hat im Sommer eine Studie veröffentlicht. Demnach gehen 3,7 Millionen von 9,4 Millionen schulfähigen Kindern in Afghanistan nicht zur Schule. Nach Recherchen der US-Regierung zählt das Kabuler Bildungsministerium zudem etwa 20 Prozent Jungen und Mädchen als Schulgänger, die zwar eingeschrieben sind, aber nicht zum Unterricht erscheinen.

Auch wenn Statistiken in einem Land, in dem es kein funktionierendes Meldewesen gibt, mit Skepsis gelesen werden müssen, kann man davon ausgehen, dass nur etwa die Hälfte aller afghanischen Kinder zur Schule gehen.

Die Regierung in Kabul redet die Probleme nicht klein. Afghanistan habe etwa 200 000 Lehrer, es müssten dringend 45 000 weitere Stellen besetzt werden, erklärt das Bildungsministerium. Doch es sei schwierig, Personal zu finden. Die Kinder, die in Afghanistan nicht in die Schule gehen könnten, "tun mir leid", sagt Vizebildungsminister Mohamad Ibrahim Shinwari unumwunden.

Die Sicherheitslage, die mangelnde Infrastruktur und kulturelle Barrieren seien die Gründe für die Abstinenz. Manche Familien lassen noch immer ihre Mädchen nicht in die Schule, andere schicken ihre Kinder zum Arbeiten, um das karge Familieneinkommen aufzubessern. Aber Shinwari besteht darauf, dass im afghanischen Bildungswesen "schon viel erreicht" worden sei.

Das findet auch Najia Asghari. Sie weiß, dass die Parlamentswahl die Unwägbarkeiten in ihrem Leben nicht beseitigen wird. Ihr fehlen "wirtschaftliche Perspektiven. Es fühlt sich sehr ungewiss an, ob ich mein Ziel, Ärztin zu werden, wirklich erreichen kann". Trotzdem, sagt Najia. Sie könne zumindest ein Ziel formulieren.

Ein afghanischer Journalist in Kabul hat diese Geschichte mitrecherchiert. Aufgrund der Befürchtung von Repressalien durch die Taliban möchte er nicht als Co-Autor genannt werden.

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