Studie "Europa muss die Rückkehr von Kindern nach Afghanistan stoppen"

"Afghanistan ist eins der gefährlichsten Länder der Welt", warnt Save The Children.

(Foto: AFP)

Heranwachsende sind in Afghanistan erheblich gefährdet. Das zeigt eine Studie von Save The Children. Die Hilfsorganisation wirft Staaten, die Kinder ausweisen, "innenpolitisches Kalkül" vor.

Von Clara Lipkowski

Er war gerade aus Österreich nach Kabul abgeschoben worden, da erlebte der 16-jährige Afghane ein Selbstmordattentat in dem Hotel, in das er einquartiert worden war. Ein 17-jähriger Landsmann reiste nach der Abschiebung von Kabul nach Teheran, wurde dort von einer Miliz angeworben und kämpfte anschließend sieben Monate in Syrien. Ein 18-Jähriger wurde aus Österreich nach Kabul geflogen, obwohl er dort keine Familie hat und in Iran aufgewachsen war. Er geht nun nicht zur Schule, weil ihm dafür ein Identitätsnachweis fehlt.

Fälle wie diese hat die Hilfsorganisation "Save The Children" zusammengetragen und damit erstmals die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen systematisch erfasst, die aus Europa nach Afghanistan abgeschoben werden. Am Dienstag stellte sie die Studie in Berlin vor. Ihr Befund ist eindeutig: Die europäischen Staaten, die afghanische Kinder ausweisen, gefährden ihr Leben erheblich. Das Kindeswohl werde durch die Abschiebung in "materieller, physischer, rechtlicher und psychischer Hinsicht verletzt", heißt es in dem Report.

Wie viele Minderjährige genau aus Europa nach Afghanistan zurückgekehrt sind, ist bislang unklar; Statistiken werden darüber laut "Save The Children" nicht geführt. Ebenso wenig war bislang bekannt, wie es den Betroffenen nach Ankunft in Afghanistan eigentlich geht - und auch nicht, ob sie dort wieder in die Gesellschaft integriert werden. Der nun erschienene 83-seitige Report gibt immerhin einen ersten Einblick.

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In Kabul ist am Morgen ein Abschiebeflug aus Deutschland gelandet. Es ist der erste dieser Art, seit sich ein abgeschobener Afghane im Juli selbst getötet hatte.

Die Kinderhilfsorganisation hat dafür im Frühjahr 2017 unter anderem in Herat und Kabul 57 Kinder und Jugendliche ausfindig gemacht und befragt. Sie waren etwa aus den Niederlanden, Deutschland, Schweden oder Griechenland gekommen und bei der Rückreise zwischen zehn und 18 Jahre alt. Zehn Minderjährige kehrten alleine zurück, die anderen 47 mit ihren Familien. 23 von 53 Kindern gaben an, auf Grundlage eines offiziellen Rückkehrprogrammes ausgereist zu sein.

Meike Riebau, Rechtsexpertin bei "Save The Children", fordert nun: "Die Rückkehr von Kindern nach Afghanistan muss gestoppt werden. Das Land ist eins der gefährlichsten Länder der Welt." In der ersten Hälfte dieses Jahres seien in Afghanistan 1700 Zivilisten durch Attentate und Angriffe gestorben, sagt Riebau. "Behörden in Deutschland und anderen europäischen Ländern nehmen Verletzungen fundamentaler Kinderrechte aus innenpolitischem Kalkül in Kauf."

Besonders problematisch ist für die Hilfsorganisation die Frage der Wiedereingliederung der Kinder und Jugendlichen in die Gesellschaft. Denn wie die Autoren befürchtet hatten: Die Zurückgeschickten sind nach ihrer Ankunft weitgehend auf sich alleine gestellt. Denn in dem Augenblick gäben die europäischen Staaten ihre Verantwortung an afghanische Behörden ab. Doch diese böten kaum Hilfen an. Zwar gebe es ein nationales Programm für Heimkehrer, aber nur für solche aus Iran und Pakistan.

Außerdem stellten die Autoren der Studie fest, dass es weder psychologische Hilfe noch Zugang zu Bildung gibt. Viele der Minderjährigen zeigten Symptome von Depressionen oder gaben an, diskriminiert zu werden. Und während in Europa noch 45 der heimgekehrten Kinder die Schule besuchten, waren es in Afghanistan nur noch 16.

"Afghanistan erlaubt keine sichere Rückkehr von Kindern, weder begleitet noch unbegleitet", schreiben die Autoren und widersprechen damit der Haltung der Bundesregierung, die Abschiebungen erlaubt, weil sie Afghanistan als "sicheres Herkunftsland" einstuft. "Save The Children" fordert die Bundesregierung auch dazu auf, Freiwilligenprogramme für Rückkehrer nach Afghanistan zu streichen.

2017 waren etwa 4300 Menschen aus der EU nach Afghanistan zurückgekehrt. Die Chancen, als Flüchtling aus Afghanistan bleiben zu dürfen, sind in der EU sehr unterschiedlich: Deutschland gab 38 Prozent von ihnen Asyl, in Ungarn waren es 45 Prozent, in Rumänien nur fünf Prozent. Deutschland schickt bislang keine Kinder, nur Volljährige zurück, mitunter aber kurz nach ihrem 18. Geburtstag. Die meisten der von "Save The Children" befragten Kinder wollen Afghanistan möglichst bald wieder verlassen. Für 43 der 57 Kinder ist Europa weiterhin der Ort, an dem sie leben wollen.

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