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Truppenabzug:Letzte Bundeswehrsoldaten verlassen Afghanistan

Afghanistaneinsatz der Bundeswehr endet

Ihr Einsatz ist beendet: Bundeswehrsoldaten besteigen am Sonntag eine Transportmaschine der Luftwaffe. Nun sind auch die letzten ihrer Kameraden ausgeflogen worden.

(Foto: Torsten Kraatz/dpa)

Der Einsatz ist beendet. Das Camp Marmal im Norden des Landes ist geräumt. Mit Militärmaschinen werden die letzten Soldaten ausgeflogen.

Von Joachim Käppner und Mike Szymanski, Berlin

Aus Sicherheitsgründen hielt die Bundeswehr den Termin bis zuletzt geheim: Am späten Dienstagabend hat die letzte deutsche Transportmaschine mit Material und Soldaten Afghanistan verlassen. Sie wurde für Mittwochmorgen in Deutschland erwartet. Nach fast 20 Jahren endet für die Bundeswehr der Einsatz in Afghanistan.

Das eine verbliebene Bundeswehrfeldlager, Camp Marmal bei Masar-i-Sharif im Norden des Landes, ist an die afghanischen Streitkräfte übergeben worden. Knapp 20 Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) sicherten den Abzug ab und gingen dann ebenfalls an Bord der letzten Maschine, die vom Flugplatz der Stadt abhob. Zuletzt waren bis zu 1300 Soldaten regelmäßig in Afghanistan stationiert. In der Nato-Mission "Resolute Support" waren sie damit beauftragt, die afghanischen Streitkräfte in die Lage zu versetzen, selbst das Land zu verteidigen. Die Gesamtkosten für die Mission belaufen sich auf etwa 13 Milliarden Euro.

Damit findet der verlustreichste und kraftraubendste Auslandseinsatz für die Bundeswehr ein Ende. Fast 160 000 Soldatinnen und Soldaten sind am Hindukusch im Einsatz gewesen, 59 dort ums Leben gekommen. Etliche wurden im Einsatz verwundet.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) erklärte am späten Dienstagabend: "Ein historisches Kapitel geht zu Ende, ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat." Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hatte in der letzten Plenarwoche dieser Legislatur gesagt: "Die Erfahrungen am Hindukusch lehren uns Demut, zurückhaltender in unseren Erwartungen und in der Einschätzung unserer Möglichkeiten zu sein."

Eine ganze Generation junger Soldaten und Soldatinnen ist dort eingesetzt worden, das hat die Bundeswehr tiefgreifend verändert. Bis 2014 war dies ein von den UN mandatierter Kampfeinsatz als Teil der Nato-geführten internationalen Schutztruppe Isaf. Die Deutschen waren Führungsnation im Norden, der in den ersten Jahren relativ ruhig blieb.

Von 2006 an häuften sich Angriffe der Taliban, worauf die Bundeswehr materiell wie psychologisch nicht gut vorbereitet war. Zum Symbol der Krise wurde das Feldlager Kundus, wo es 2009 auch zum Tiefpunkt des deutschen Einsatzes kam, als ein von der Bundeswehr angeordneter Luftschlag neben Taliban auch zahlreiche Zivilisten tötete. Erst 2010/11 gelang es, die Aufständischen zu schwächen und zurückzudrängen.

Gut möglich, dass die Taliban an die Macht zurückkehren

Doch da nahte bereits das Ende des Kampfeinsatzes, den US-Präsident Barack Obama beenden wollte. 2014 war es so weit. Der Isaf folgte die Ausbildungsmission "Resolute Support" (RS), welche die afghanischen Sicherheitskräfte in die Lage versetzen sollte, aus eigener Kraft das Land gegen die Taliban zu schützen. Diese befinden sich allerdings inzwischen auf dem Vormarsch und haben zuletzt mehrere Distrikte erobert.

Der endgültige Abzug geht noch auf den damaligen US-Präsidenten Donald Trump zurück, der die US-Truppen heimholen wollte und 2020 ohne Beteiligung der afghanischen Regierung ein Friedensabkommen mit den Taliban aushandeln ließ. Sein Nachfolger Joe Biden stand vor der Wahl, dieses überhastete und die Taliban begünstigende Abkommen auszusetzen und damit eine neue Eskalation zu riskieren oder den fast ausgelaufenen Einsatz zu beenden. Er entschied sich für die zweite Lösung. Da die Mission mit den US-Truppen stand und fiel, beschloss der Nato-Rat am 14. April 2021 den finalen Abzug der Truppen.

Bis spätestens 11. September sollen die letzten ausländischen Soldaten das Land verlassen haben. Es ist der 20. Jahrestag der islamistischen Terroranschläge in New York und Washington. Sie gingen aufs Konto der al-Qaida, die einen sicheren Hafen im Afghanistan der Taliban gefunden hatte, und lösten den Krieg in Afghanistan letztlich aus. Jetzt ist es gut möglich, dass die Taliban an die Macht zurückkehren.

© SZ
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