Bundeswehr:Vom "Pannenflieger" zum "super Flugzeug"

Konflikt in Afghanistan - Taschkent

Bisher wurden mehr als 1280 Menschen aus Kabul ausgeflogen: Kurz nach der Landung in Taschkent werden Passagiere von deutschen Soldaten aus einem Airbus "A400M" geleitet.

(Foto: Marc Tessensohn/dpa)

Der Airbus "A-400 M" hatte bei der Bundeswehr keinen guten Start, nun ist er das militärische Gerät der Stunde. Der brenzlige deutsche Afghanistan-Einsatz ist die erste wirklich große Bewährungsprobe.

Von Mike Szymanski, Berlin

Die Bezeichnung "Engel der Lüfte" ist schon für die Vorgänger vergeben, für die Transall-Transportmaschinen, von denen die letzten in diesem Jahr verschrottet oder an Museen abgegeben werden. Sonst hätte die Luftwaffe gute Gründe, ihrem neuen Transporter vom Typ Airbus A400M eben dieses schmeichelhafte Etikett anzuheften: Beim Evakuierungseinsatz in Afghanistan ist das Militärflugzeug mit den vier dröhnenden Turboprop-Triebwerken das militärische Gerät der Stunde.

Fünf Maschinen dieses Typs hat die Bundeswehr entsandt, um zwischen Kabul und der Drehscheibe in Taschkent, Usbekistan, eine Luftbrücke aufzubauen. Seit Montagabend sind die Maschinen im Pendeleinsatz und haben, Stand Donnerstagabend, mehr als 1280 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen.

Die Flüge sind riskant, weil am Flughafen Kabul immer wieder Schüsse fallen. Niemand kann sicher sagen, was die Besatzungen, zwei Piloten und ein Ladungsmeister, erwartet. Die Landung der ersten Maschine bezeichnete Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) als "halsbrecherisch", weil die Landebahn einerseits nicht beleuchtet war und dann auch nicht in voller Länge zur Verfügung stand. Außerdem kommt in Kabul der "Steilsichtanflug" zum Tragen. Um möglichst kurze Zeit feindlichem Feuer ausgesetzt zu sein, stürzt der Flieger aus großer Höhe mit der Nase voran steil auf den Boden zu. Im letzten Moment fängt die Besatzung die Maschine ab und setzt sie auf.

Für die Bundeswehr kommt der Wechsel auf die A400M gerade rechtzeitig. Mit der Transall hätte es laut Experten der Luftwaffe sicher noch einen Tag länger gedauert, die Luftbrücke aufzubauen. Sie fliegt deutlich langsamer, hat weniger Reichweite und verfügt über weniger Platz. Die A400M-Maschinen sind beim Lufttransportgeschwader 62 im niedersächsischen Wunstorf stationiert. Piloten berichten, bei dem Transporter handele es sich um ein "super Flugzeug" - wenn er denn fliegt.

Der erste Airbus A400M wurde 2014 an die Bundeswehr übergeben. Seine Geschichte begann indes als "Pannenflieger", weil die Industrie anfangs Schwierigkeiten hatte, die vielen technischen Probleme in den Griff zu bekommen. 2015 stürzte eine A400M bei einem Testflug ab. Noch heute ist im Bericht über die materielle Einsatzbereitschaft von einer "unbefriedigenden technischen Produktreife" die Rede, weshalb Maschinen häufig in der Instandsetzung seien.

Noch vor fünf Jahren wäre der Einsatz unmöglich gewesen

Der Evakuierungseinsatz in Afghanistan gilt nun als erste wirklich große Bewährungsprobe in einem echten, brenzligen Einsatz. Aufhorchen ließ am Mittwoch die Nachricht, dass eine Maschine ausgefallen war, ein Schaden am Fahrwerk nach einer Landung, so hieß es. Aber für diesen Fall hatte die Luftwaffe vorgesorgt, Ersatzmaschinen waren eingeplant. "Der Defekt beeinflusst die Evakuierung nicht", erklärte das Ministerium.

Je nach Version und Lage kann die A400M schweres Gerät wie den Schützenpanzer Puma oder Hubschrauber transportieren. Regulär bietet die Maschine Platz für bis zu 114 Soldaten. Bei Rettungseinsätzen wie jetzt in Kabul hebt sie auch mit mehr als 200 Leuten ab.

Das Transportgeschwader in Wunstorf verfügt über 36 Flugzeuge, 40 sollen es einmal werden. Aber auch nur ein Teil der Flotte ist bisher für Einsätze in Kampfzonen ausgestattet, verfügt über speziell geschützte Cockpits und Täuschkörper, die radargelenkte und wärmesuchende Raketen vom Flugzeug fernhalten können. Noch vor fünf Jahren hätte die Luftwaffe mit der A400M eine solche Luftbrücke gar nicht stemmen können, weil sie zu wenige Maschinen gehabt hätte.

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