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Ägypter in Libyen:Riskante Reisen für ein bisschen Wohlstand

Kämpfer der libyischen Regierungstruppen

Libyen ist gefährlich - und doch für viele ein Sehnsuchtsort. Im Bild ein Kämpfer der libyschen Regierungstruppen.

(Foto: AFP)

Viele Ägypter pendeln nach Libyen, weil sie dort deutlich mehr Geld verdienen. Der Bürgerkrieg im Nachbarland bringt sie in Lebensgefahr. Doch der Druck, die Familie ernähren zu müssen, ist oft größer als die Angst.

Von Paul-Anton Krüger, Minya

Die Hölle und das Paradies liegen auf Erden manchmal ziemlich nah beieinander. Bengasi kann das Grauen sein; die mit al-Qaida verbundene radikale Islamistenmiliz Ansar al-Sharia beherrscht große Teile der libyschen Hafenstadt und liefert sich dort sporadische, aber unerbittliche Gefechte mit Truppen des Generals Khalifa Haftar, der auf Seiten der international anerkannten Regierung in Tobruk steht.

Doch vom kleinen oberäygptischen Weiler Daoud Jussuf aus betrachtet bleibt Bengasi ein Sehnsuchtsort, der ein besseres Leben verspricht. Selim, Aschraf und ihre Freunde wollen nur eins: zurück nach Libyen - trotz Chaos und Bürgerkrieg.

Das ganze Dorf lebt vom Geld, das die Männer im Nachbarland verdienen, und es lebt dem Anschein nach besser als die anderen Menschen in der Gegend. Etwa 25 Kilometer von der Provinzhauptstadt al-Minya mit ihren 250 000 Einwohnern entfernt, bewässern mit dem Nil verbundene Kanäle die Felder. Junges Getreide steht in kräftigem Grün, Obststauden zeigen erste Triebe. Befestigt sind hier nur die Hauptverkehrsstraßen, auf den Wegen abseits davon ist noch der Esel das wichtigste Transportmittel. Die Dörfer sind einfach und bitterarm, die Häuser oft aus Lehmziegeln gemauert. Müll verrottet an den Straßen, schwimmt in den Wassergräben, die zugleich als Kanal für das Abwasser dienen. Mancherorts stinkt es erbärmlich.

Nur Gott weiß, ob die Reise nach Bengasi klappen wird

Daoud Jussuf sieht anders aus. Selim besitzt hier ein ansehnliches Haus, gebaut ist es aus Kalksteinziegeln, die Fassade gelb getüncht. Zwei Löwenfiguren aus Keramik wachen am Eingang der überdachten Veranda. Der Hausherr, 35 und stolzer Vater eines einjährigen Sohnes, kredenzt Tee und frische Orangen. "In vier bis fünf Tagen will ich wieder nach Bengasi zurück, inschallah", sagt er. Nur Gott weiß, ob das klappen wird.

Die Grenze ist gerade mal wieder dicht, mit dem Bus, so wie früher, kann man schon lange nicht mehr fahren. "Aber es gibt Flüge, von Kairo und auch von Alexandria", erzählt er. Zumindest hat er das gehört. Es gibt viele Gerüchte dieser Tage, und mit seinen Nachbarn diskutiert er sie jeden Abend im Hof. Sie sitzen auf den Holzbänken ums Feuer, Muslime wie Selim und Christen wie Aschraf, und tauschen Neuigkeiten aus, telefonieren mit denen, die in Libyen geblieben sind, beraten, wie sie zurückkommen können. Auch jetzt versammeln sich immer mehr Bekannte.

Selim treibt Handel dort, importiert Vorhänge, Bettlaken und andere Textilien aus China. Seit fünf Jahren pendelt er zwischen seiner Heimat Ägypten und seiner zweiten Heimat Libyen. Er hat zuvor ein paar Jahre in Saudi-Arabien gearbeitet, "aber da hast du keine Freiheiten", sagt er. "In Bengasi haben wir das Gefühl, zu Hause zu sein, da sind alle unsere Freunde, und das Essen ist wie in Ägypten." Und natürlich ist das Geld gut, besser noch, als das, was er in Saudi-Arabien bekam. Wie viel genau, will er nicht sagen: "Manchmal verdiene ich wochenlang nichts, dann an einem guten Tag 4000, 5000 Libysche Dinar", 2500 oder 3000 Euro. Offiziell lag das durchschnittliche Haushaltseinkommen in Ägypten 2012 bei knapp 2900 Euro - pro Jahr allerdings. Jetzt sitzt Selim bald seit zweieinhalb Monaten in Daoud Jussuf und verdient nichts.

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