Süddeutsche Zeitung

Ägypter in Libyen:Riskante Reisen für ein bisschen Wohlstand

Lesezeit: 5 min

Viele Ägypter pendeln nach Libyen, weil sie dort deutlich mehr Geld verdienen. Der Bürgerkrieg im Nachbarland bringt sie in Lebensgefahr. Doch der Druck, die Familie ernähren zu müssen, ist oft größer als die Angst.

Von Paul-Anton Krüger, Minya

Die Hölle und das Paradies liegen auf Erden manchmal ziemlich nah beieinander. Bengasi kann das Grauen sein; die mit al-Qaida verbundene radikale Islamistenmiliz Ansar al-Sharia beherrscht große Teile der libyschen Hafenstadt und liefert sich dort sporadische, aber unerbittliche Gefechte mit Truppen des Generals Khalifa Haftar, der auf Seiten der international anerkannten Regierung in Tobruk steht.

Doch vom kleinen oberäygptischen Weiler Daoud Jussuf aus betrachtet bleibt Bengasi ein Sehnsuchtsort, der ein besseres Leben verspricht. Selim, Aschraf und ihre Freunde wollen nur eins: zurück nach Libyen - trotz Chaos und Bürgerkrieg.

Das ganze Dorf lebt vom Geld, das die Männer im Nachbarland verdienen, und es lebt dem Anschein nach besser als die anderen Menschen in der Gegend. Etwa 25 Kilometer von der Provinzhauptstadt al-Minya mit ihren 250 000 Einwohnern entfernt, bewässern mit dem Nil verbundene Kanäle die Felder. Junges Getreide steht in kräftigem Grün, Obststauden zeigen erste Triebe. Befestigt sind hier nur die Hauptverkehrsstraßen, auf den Wegen abseits davon ist noch der Esel das wichtigste Transportmittel. Die Dörfer sind einfach und bitterarm, die Häuser oft aus Lehmziegeln gemauert. Müll verrottet an den Straßen, schwimmt in den Wassergräben, die zugleich als Kanal für das Abwasser dienen. Mancherorts stinkt es erbärmlich.

Nur Gott weiß, ob die Reise nach Bengasi klappen wird

Daoud Jussuf sieht anders aus. Selim besitzt hier ein ansehnliches Haus, gebaut ist es aus Kalksteinziegeln, die Fassade gelb getüncht. Zwei Löwenfiguren aus Keramik wachen am Eingang der überdachten Veranda. Der Hausherr, 35 und stolzer Vater eines einjährigen Sohnes, kredenzt Tee und frische Orangen. "In vier bis fünf Tagen will ich wieder nach Bengasi zurück, inschallah", sagt er. Nur Gott weiß, ob das klappen wird.

Die Grenze ist gerade mal wieder dicht, mit dem Bus, so wie früher, kann man schon lange nicht mehr fahren. "Aber es gibt Flüge, von Kairo und auch von Alexandria", erzählt er. Zumindest hat er das gehört. Es gibt viele Gerüchte dieser Tage, und mit seinen Nachbarn diskutiert er sie jeden Abend im Hof. Sie sitzen auf den Holzbänken ums Feuer, Muslime wie Selim und Christen wie Aschraf, und tauschen Neuigkeiten aus, telefonieren mit denen, die in Libyen geblieben sind, beraten, wie sie zurückkommen können. Auch jetzt versammeln sich immer mehr Bekannte.

Selim treibt Handel dort, importiert Vorhänge, Bettlaken und andere Textilien aus China. Seit fünf Jahren pendelt er zwischen seiner Heimat Ägypten und seiner zweiten Heimat Libyen. Er hat zuvor ein paar Jahre in Saudi-Arabien gearbeitet, "aber da hast du keine Freiheiten", sagt er. "In Bengasi haben wir das Gefühl, zu Hause zu sein, da sind alle unsere Freunde, und das Essen ist wie in Ägypten." Und natürlich ist das Geld gut, besser noch, als das, was er in Saudi-Arabien bekam. Wie viel genau, will er nicht sagen: "Manchmal verdiene ich wochenlang nichts, dann an einem guten Tag 4000, 5000 Libysche Dinar", 2500 oder 3000 Euro. Offiziell lag das durchschnittliche Haushaltseinkommen in Ägypten 2012 bei knapp 2900 Euro - pro Jahr allerdings. Jetzt sitzt Selim bald seit zweieinhalb Monaten in Daoud Jussuf und verdient nichts.

Aschraf, Selims Nachbar, ist schon drei Monate hier. "Wir müssen unseren Lebensstandard halten", schaltet er sich ins Gespräch ein. "Ich habe vier Kinder, zwischen neun und fünfzehn Jahren, ich muss das Schulgeld bezahlen, das bin ich ihnen schuldig. Wir wollen, dass sie einmal eine bessere Ausbildung haben als wir und ein besseres Leben." Seit er 1997 nach Libyen gegangen ist, hat sich der 40-Jährige hochgearbeitet. Angefangen hat er als Tagelöhner, heute besitzt er ein Baugeschäft in Bengasi. Umgerechnet knapp 2000 Euro verdiente er nach der Revolution im Monat. "Das kann ich in Ägypten in einem halben Jahr nicht machen", sagt er. Ungelernte Arbeiter bekommen auf dem Bau 50 Euro pro Tag - in Ägypten sind es fünf bis sechs.

Es verwundert wenig, dass da die Warnungen der Regierung in Kairo über die Risiken in Libyen ungehört verhallen - denn Jobs in der Heimat hat sie nicht zu bieten. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 13 Prozent, aber viele Ägypter können von einem Job nicht leben. Jeder Zweite hier ist unter 25, und wenn Männer heiraten wollen, müssen sie eine eigene Wohnung finanzieren können - das verlangt die Tradition. Und so kommt es, dass nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sich noch etwa eine Million Ägypter in Libyen aufhalten, weitere 500 000 hätten das Land verlassen. Ägyptische Behörden nennen weit niedrigere Zahlen. Wirklich exakte Angaben gibt es nicht, weil Libyen sie nicht registriert und viele Ägypter mit gefälschten Visa reisen oder gar keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen. Sie lassen sich auch nicht davon abschrecken, dass zuletzt immer wieder Ägypter entführt wurden, zumeist koptische Christen.

Über die Angst und die Toten will niemand sprechen

"Es ist nicht so gefährlich, wie ihr im Westen glaubt", sagt Selim und wirft die Hände in die Luft. Wie soll er das erklären, was der Gast nicht glauben mag, angesichts der Berichte über schwere Gefechte in der Stadt, bei denen Islamisten und Regierungstreue zuletzt um die Kontrolle des Hafens kämpften? Er streicht über den akkurat gestutzten Bart und seine braune Gallabija. "Wir kennen die Leute dort", setzt er wieder an, "es gibt viele Ägypter, die in Libyen verheiratet sind" - er selbst hat eine libysche Frau. Er will nichts Schlechtes über das Land zu sagen, das ihm sein Auskommen gewährt. Ja, die Islamisten würden manchmal Leute entführen, "aber dabei geht es um Geld, nicht um die Religion", sagt er. Von ausländischen Söldnern berichtet er, aus dem Tschad kämen sie.

Aber seine Frau, würde er die jetzt mitnehmen nach Bengasi? Er dreht den Ring an seinem Finger herum, überlegt einen Moment. "Nein, die Situation ist nicht gut."

Aschraf hat alles schweigend mit angehört. Er wollte dem Freund ins Wort fallen, hat dann aber nur den Kopf gewogen und an der Zigarette gezogen. "Natürlich habe ich Angst", ruft er jetzt, "aber was soll ich denn machen?" Er stützt die Ellbogen auf die Knie: "Ich bin der Erhalter der Familie, ich muss sie ernähren!" Es gebe kein normales Leben in Libyen mehr, sagt er. Und die Tatsache, dass er Christ ist, trägt offenbar dazu bei, dass er sich stärker bedroht fühlt als sein muslimischer Freund. Es gibt Berichte, dass Islamisten Unterkünfte von Ägyptern überfallen und gezielt die Christen entführen - das wissen beide, andere Ägypter haben sie gewarnt. Anfang Januar erst wurden in Sirte 13 Kopten verschleppt.

In der Nähe schlug eine Bombe ein

Aber das ist nicht alles, Aschraf will mit seinen Erlebnissen jetzt nicht mehr hinterm Berg halten. Einmal waren sie auf einer Baustelle beschäftigt, als die Flugzeuge gekommen seien. "Wir konnten nicht weg, wegen der Arbeit", erzählt er. Sie hatten Glück, dass sie gerade Pause machten. Eine Bombe schlug ganz in der Nähe ein. Ein anderes Mal, vor ein paar Monaten, hätten sie nur hundert Meter von einer Kaserne entfernt gearbeitet, erzählt er weiter. Dann seien schwer bewaffnete Milizionäre von Ansar-al Scharia gekommen. "Sie haben alle Soldaten umgebracht, es waren Dutzende. Vier Tage lang hat sich niemand getraut, ihre Leichen zu bergen." Erst dann habe der Rote Halbmond unter dem Schutz weißer Flaggen die Toten abgeholt.

Die anderen schweigen betreten, Selim schaut abwechselnd auf die Orangen und den Boden. Sie wissen alle, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen - weil sie in Ägypten kein Leben haben. "Wir lieben unser Land", ruft einer der Jungen von der Seite herein. "Aber wenn wir morgen fliegen können, dann fliegen wir."

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Quelle:
SZ vom 07.02.2015
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