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Absturz der polnischen Präsidentenmaschine:Lotsen im Nebel

Moskaus Ermittler erklären auf mehr als 20.000 Seiten, warum die Russen keine Verantwortung für den Absturz von Kaczynskis Maschine tragen. Die Regierung in Warschau ist damit nicht zufrieden - und stellt unangenehme Fragen.

Thomas Urban, Warschau

20.000 Seiten haben die russischen Ermittler zu dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine am 10. April vergangenen Jahres nahe Smolensk vorgelegt - und darin nichts gefunden, was eine Mitverantwortung von russischer Seite nahelegt. Das missfällt den Polen. Premierminister Donald Tusk kritisierte den Untersuchungsbericht als "unvollständig". Tusk war sichtlich bemüht, die Emotionen zu dämpfen, die der Bericht vor allem in den polnischen Medien und bei der nationalkonservativen Opposition um den früheren Premier Jaroslaw Kaczynski, den Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten, ausgelöst hatte.

Russian Interstate Aviation Committee presents the final report o

Mit einer Computersimulation haben die russischen Ermittler die letzten Minuten der Präsidentenmaschine rekonstruiert.

(Foto: dpa)

Einer der Hauptpunkte des Konfliktes ist die Rolle der russischen Fluglotsen bei dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine. Diese waren unmittelbar nach dem Unglück und in den Tagen danach von russischen Experten befragt worden. Doch wurde den polnischen Spezialisten eine eigene Befragung verwehrt.

Dass die russische Seite einen ursprünglichen Bericht über die Aussagen der Flugkontrolleure im Nachhinein geändert hat, steigerte das Misstrauen in Polen nur. Die erste Aussage ließ darauf schließen, dass die Radaranlagen die genaue Position der anfliegenden Maschine gar nicht anzeigen konnten. Diese Passage fehlt in der späteren Version. Auch unterscheiden sich die Entfernungsangaben, die die Lotsen angeblich gemacht haben, in beiden Berichten.

Warschau dringt auf eine Aufklärung dieser Unterschiede, hat bislang aber keine Antwort erhalten. Auch der nun vorgestellte kontroverse Moskauer Bericht weicht dieser Frage aus.

Überdies hatten russische Medien zunächst unter Berufung auf einen der Lotsen berichtet, in dem Kontrollraum habe ein Oberst vom Luftwaffenkommando in Moskau gesessen. Dieser habe in Moskau angefragt, ob der Flughafen wegen des aufkommenden Nebels geschlossen werden solle. Doch dessen Vorgesetzte hätten keine klare Entscheidung getroffen. Den russischen Zeitungen zufolge wollte man auf keinen Fall der polnischen Seite die Gelegenheit zu der Beschwerde geben, Moskau habe eine Delegation aus Warschau auf dem Weg nach Katyn behindert.

Umstritten ist in diesem Zusammenhang auch, ob es sich um einen zivilen oder einen militärischen Flug gehandelt habe. Die russische Seite besteht darauf, dass es sich um einen zivilen Flug handelte. Nach dem Chicagoer Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt sind die Behörden des Landes, auf dessen Gebiet sich die Absturzstelle befindet, für die Untersuchung zuständig. So aber konnte Warschau nur einen Beobachter in die russische Kommission entsenden. Dieser, ein ehemaliger Kampfpilot und Oberst der polnischen Luftstreitkräfte, beschwerte sich wiederholt, er habe nicht Einblick in alle Dokumente bekommen.

Auch ist es bei einem zivilen Flug den Piloten überlassen, ob sie bei widrigen Witterungsbedingungen landen oder abdrehen. Würde die Präsidentenmaschine, die ja tatsächlich zur polnischen Luftwaffe gehörte, als Militärflugzeug eingestuft, so müssten nach dem russisch-polnischen Abkommen über militärische Zusammenarbeit beide Seiten gleichberechtigt das Unglück untersuchen. Auch hätten in diesem Fall die Piloten ausdrücklich eine Landeerlaubnis einholen müssen, die Fluglotsen hätten diese verweigern können.

© sueddeutsche.de/woja
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