Abdelhamid Abaaoud:Ende eines Phantoms

  • Die Pariser Staatsanwaltschaft hat bestätigt, dass Abdelhamid Abaaoud bei dem Polizeieinsatz am Dienstag in Saint-Denis getötet wurde.
  • Abaaoud ist nach Ansicht der Ermittler der Drahtzieher hinter den Terroranschlägen von Paris.
  • Der 27-jährige Dschihadist ist den Behörden schon lange bekannt - mehrmals entging er nur knapp dem Zugriff der Polizei.

Von Paul-Anton Krüger

Vielleicht war es nur eine geschickt gelegte Spur, die in die Irre führen sollte auf der Suche nach dem mutmaßlichen Mastermind der Pariser Anschläge, Abdelhamid Abaaoud. Vielleicht war alles lange geplant. In der Februar-Ausgabe der Hochglanz-Propagandapostille des "Islamischen Staates", Dabiq, brüstet sich der 27 Jahre alte Belgier marokkanischen Ursprungs, wie er noch um den Jahreswechsel ungehindert von Syrien nach Belgien reisen konnte - und wieder zurück. Offenbar vermuteten ihn zunächst auch die französischen Ermittler im Kalifat des Terrors. Luftschläge nahe dem syrischen Raqqa, Hauptstadt des "Islamischen Staates" (IS), hätten auch ihm gegolten, hieß es in französischen Medien.

Am Mittwoch dann stürmte die Polizei noch vor dem Morgengrauen eine Wohnung im Pariser Vorort Saint-Denis. Abaaoud starb bei dem Einsatz, wie die Pariser Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilte. Einen Tag dauerte es, die Leiche zu identifizieren. Damit endet eine lange Jagd.

Ende vergangenen Jahres hatten Sicherheitsbehörden in Europa Abaaouds Spur wieder aufgenommen; sie kannten den Mann und wussten um seine Gefährlichkeit. Sie hatten sein Handy in Athen lokalisiert, dann verloren sie ihn wieder. Angerufen hatte er den Bruder eines den Behörden bekannten Dschihadisten, der in Belgien im Gefängnis saß. Durch den Anruf flog eine Wohnung in der ostbelgischen Stadt Verviers auf, die Terroristen als Unterschlupf diente.

Der Dschihadist hat seinen 13-jährigen Bruder für den IS rekrutiert

Als die Polizei sie am 15. Januar stürmte, kam es zu einer Schießerei. Der Bruder des inhaftierten Islamisten und ein weiterer Mann wurden getötet. Doch Abaaoud ging ihnen durch die Lappen. "Allah hat ihre Sicht geblendet und ich konnte Großsyrien verlassen und zurückkehren, obwohl ich von so vielen Geheimdiensten gejagt wurde", prahlte er in einem Interview mit Dabiq, in dem er als Abu Omar al-Baljīkī auftrat, der Belgier. Es habe ihn gar ein Polizist kontrolliert - aber nicht erkannt.

Er war den Behörden bekannt als mutmaßlicher Drahtzieher hinter mindestens vier Attentaten. Die Behörden wussten aber auch, dass er Kontakt zu einer IS-Zelle namens Katibat al-Battar al-Libi hatte, die als Sammelbecken für militante Libyer und Belgier mit marokkanischen Wurzeln gilt. Die beiden Männer, die in Verviers das Feuer auf die Polizei eröffneten, gehörten der Zelle an. In der Dabiq-Ausgabe spricht Abaaoud über die Razzia; ein Foto zeigt ihn zusammen mit den beiden Getöteten.

Katibat al-Battar al-Libi gilt den Geheimdiensten auch als eine der IS-Zellen, die für Anschläge im Ausland verantwortlich ist, die Schläfer-Zellen in Europa unterhält und eine Verbindungsplattform zu ausländischen Kämpfern des IS in Irak und Syrien ist, auch wenn unklar ist, ob die IS-Spitze Anschläge wie den in Paris direkt befiehlt oder die Gruppen unabhängig ihre Pläne machen. Mindestens acht Belgier stehen auf einer Liste von etwa 40 Märtyrern, die militante Islamisten der Gruppe im Oktober 2014 ins Internet gestellt haben. Ende Januar tauchten zudem Fotos eines weiteren in Syrien getöteten Kämpfers auf, Abu Omar, ebenfalls ein Belgier aus der Brüsseler Stadtgemeinde Molenbeek.

Womöglich wurde er verwechselt. Die Familie Abaaoud hielt erst Abdelhamid für tot, wie seine ältere Schwester damals der New York Times sagte. "Wir beten, dass Abdelhamid wirklich tot ist." Dass selbst seine Angehörigen ihm den Tod wünschten, hängt damit zusammen, dass er seinen damals nur 13 Jahre alten Bruder Younes ebenfalls nach Syrien brachte. Es gibt Fotos, die Younes inmitten belgischer Kämpfer zeigen. Auf einem trägt er eine blaue Adidas-Trainingsjacke, eine beige Hose und blaue Sandalen. Er steht inmitten einer Gruppe von sieben Männern, als Einziger hat er keinen Bart. Er sieht fast aus wie ein Maskottchen. Der jüngste ausländische Kämpfer in Syrien - rekrutiert vom eigenen Bruder.

In seiner Zeit in Molenbeek hing Abaaoud auch mit den Brüdern Ibrahim und Salah Abdeslam herum. Der eine sprengte sich in Paris in die Luft, der andere war Mittwochabend mutmaßlich auf der Flucht. Er soll den VW Polo gemietet haben, mit dem die Mörder zum Bataclan fuhren. Warum diese Verbindungen nach der Terror-Razzia in Verviers nicht unter die Lupe genommen wurden, ist nicht klar. Vielleicht vermuteten die Behörden Abdelhamid Abaaoud in Syrien.

© SZ vom 19.11.2015
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