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25 Jahre nach Barschels Tod:Suizid oder Sterbehilfe taugen nicht für einen Mythos

Selbstmordthesen sind wahrscheinlicher. Barschel stand damals unter ungeheurem Druck. Selbst ein Rücktritt als Regierungschef reichte seinen zahlreichen innerparteilichen Gegnern nicht. Außerdem war er tablettenabhängig. Über viele Jahre hinweg hatte er sich Unmengen Schlaf- und Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Allein einer seiner Ärzte hatte ihm Rezepte für 367 Tabletten der Psychodroge Tavor ausgestellt. Experten urteilten später, dass deswegen eine Persönlichkeitsveränderung möglich sei, die "mit affektiver Verflachung (. . .) und dem Abgleiten aus der Verantwortung" einhergehen könne.

Die wahrscheinlichste Theorie über das Ende des Uwe Barschel, der im Mai 1987 als einziger Passagier einen Flugzeugabsturz überlebt hatte, ist angesichts ungeklärter Spuren in seinem Hotelzimmer allerdings die dritte Todesvariante: Demnach war ein Sterbehelfer im Zimmer, als Barschel in die Wanne stieg.

Mixtur von Medikamenten und Giftstoffen in seinem Körper

Die Mixtur der Medikamente und Giftstoffe in seinem Körper entsprach der Empfehlung von Sterbehilfeorganisationen für das geplante Ende. Mehrere Organisationen empfehlen auch, sich in eine gefüllte Badewanne zu legen. An Kleidungsstücken und einem Handtuch wurde im Frühsommer dieses Jahres durch neue Methoden eine Mischspur gefunden, die von einem Unbekannten stammen könnte. Bewiesen ist das allerdings nicht.

Gewöhnlich wächst mit dem zunehmenden Abstand zum Tod bei Teilen des Publikums die Überzeugung und Sehnsucht, dass ein von unheimlichen Mächten listig geplanter Mord die Lösung des Rätsels ist. Selbstmord oder Sterbehilfe taugen nicht für einen Mythos. Auch brauchen Verschwörungstheoretiker den ewigen Thrill.

Opfer oder Täter?

Interessanter wäre es eigentlich, der Frage nachzugehen, ob Barschel im Wesentlichen Opfer oder im Wesentlichen Täter in der Affäre war. In Kiel kamen zwei Untersuchungsausschüsse zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Der erste hielt Barschel für überführt, in einem Komplott gegen Engholm Drahtzieher gewesen zu sein. Die Überzeugung von Barschels angeblicher Schuld wuchs auch aus der öffentlichen Empörung, die der Fall damals auslöste.

Der zweite Untersuchungsausschuss, der Jahre später tagte, kam zu einem fast gegenläufigen Ergebnis, das seltsamerweise nicht groß in das Bewusstsein des Publikums eingedrungen ist. Demnach war Barschel viel mehr Opfer als Täter.

Der große Drahtzieher in dem schmutzigen Stück, das stellte dieser Ausschuss fest, sei Barschels früherer Medienreferent Reiner Pfeiffer gewesen, der in der Affäre als Kronzeuge aufgetreten war. Pfeiffer hatte vom Spiegel, der vor 25 Jahren auf dem Cover fragte, ob Barschel ins Gefängnis müsse, 165.000 Mark erhalten. Mit dem Geld wurde der Verdienstausfall Pfeifers entgolten. Zusätzlich zahlte das Blatt die Kosten für den Pfeiffer-Anwalt und andere Ausgaben. Pardon wurde nicht gegeben, aber eine Hexenjagd des Spiegel war es dennoch nicht.

Lüge auf einer Ehrenwort-Pressekonferenz

Barschel hatte sich seltsamerweise selbst verstrickt, als Medien, der Spiegel vorneweg, über die angebliche Staatsaffäre berichteten. Er wehrte sich eifervoll mit allen Mitteln und auch mit üblen Tricks. Barschel stiftete Mitarbeiterinnen zu falschen eidesstattlichen Versicherungen an, die sich auf Angelegenheiten nach den Veröffentlichungen bezogen, und er hat auf einer Ehrenwort-Pressekonferenz gelogen. Der schon verstaubte Begriff "Ehrenwort" bekam damals endgültig eine anrüchige Bedeutung.

Als er das Zimmer 317 des "Beau Rivage" betrat, hatte Barschel seine bürgerliche Existenz verloren - vor allem, weil sich die eigene Partei von ihm abgewandt hatte. Er war in Teilen der Union zu einer solchen Unperson geworden, wie es heute in Teilen der CDU Christian Wulff ist.

Vermutlich konnte Barschel den Verlust der Ehre und den Verlust der Anerkennung seines sozialen Umfelds nicht ertragen.

© SZ vom 11.10.2012/fzg
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