Süddeutsche Zeitung

25 Jahre nach Barschels Tod:Der ewige Fall

Wer Verschwörungstheorien mag, glaubt nicht an Suizid oder Sterbehilfe. Eher an Waffengeschäfte mit Iran oder dubiose Mafia-Verstrickungen. Auch 25 Jahre später regt der Tod des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten zu Spekulationen an.

Hans Leyendecker

Der Tote in der Badewanne von Zimmer 317 des Genfer Hotels "Beau Rivage" trägt Anzughose, Hemd und Krawatte. Die rechte Hand, die aus dem Wasser ragt, ist mit einem Handtuch umwickelt, auf dem der Kopf ruht. Die Uhr ist um 12:45 Uhr stehen geblieben. Im Zimmer liegen ein ausgerissener Hemdknopf, ein zerbrochenes Weinglas, ein verrutschter Vorleger mit Verfärbungen und dem Abdruck eines Schuhs. Ein Stern-Reporter findet die Leiche am 11. Oktober 1987.

Seitdem ist in Büchern und auch in Filmen kräftig über das Ende des früheren Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) spekuliert worden. Auch 25 Jahre danach spukt der Untote von der Förde, der an einer Überdosis Medikamente und Schlafmittel starb, noch immer. Viele geläufige Mythen - wie etwa in den Fällen Petra Kelly oder Marilyn Monroe - verblassen angesichts des Mythos Barschel, was eigentlich ziemlich erstaunlich ist.

Von "Barscheleien" war die Rede

Zu Lebzeiten war der 43-Jährige ein relativ unbedeutender Regionalpolitiker, den längst nicht alle Deutschen kannten. Erst sein Fall und sein Tod machten ihn berühmt. Angeblich war er der Hauptakteur in einer der größten Polit-Affären der Nachkriegszeit gewesen. Er habe seinen Konkurrenten um das Amt des Ministerpräsidenten, den Sozialdemokraten Björn Engholm, so lautete der Vorwurf, mit übelsten Verleumdungen bekämpft. Von "Barscheleien" war die Rede.

Wie ist er gestorben? "Selbstmord ist langweilig, Mord ist interessant", stellte der frühere Kieler Generalstaatsanwalt Erhard Rex fest, der sich zehn Jahre lang mit dem Fall beschäftigte. Rex glaubt nicht an Mord.

Für die Mordtheorie fehlt es nicht nur an Belegen, sondern vor allem an einem irgendwie nachvollziehbaren Tatmotiv. Bei der Obduktion der Leiche fanden Mediziner keine deutlichen Zeichen irgendeiner Gewalteinwirkung. Nur auf der rechten Seite der Stirn war ein blauer Fleck, ein blasses Hämatom. Barschel könnte sich in der Wanne gestoßen haben, als er das Bewusstsein verlor.

"Ein Mord, der keiner sein durfte"

Man muss schon empfänglich für Theorien über die große Verschwörung und die perfekte Konspiration sein, um die Mordtheorie zu favorisieren. Dann hat man allerdings die freie Auswahl: Barschel könnte mit dem rassistischen System in Südafrika blutige Waffengeschäfte gemacht haben oder auch mit Iran oder sonst wem - ein Dutzend Nachrichtendienste und auch die Mafia sollen im Spiel gewesen sein.

Vor 18 Jahren hat die Lübecker Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Verdachts des Mordes gegen Unbekannt eingeleitet. 1998 wurde die 14.000 Seiten dicke Akte geschlossen. Der inzwischen pensionierte Chef der Lübecker Behörde, Heinrich Wille, hatte nichts Wesentliches gefunden, aber danach hat er dennoch ein erstaunliches Buch über den Fall geschrieben, den er nicht lösen konnte: "Ein Mord, der keiner sein durfte". Wille geht von Mord aus.

Suizid oder Sterbehilfe taugen nicht für einen Mythos

Selbstmordthesen sind wahrscheinlicher. Barschel stand damals unter ungeheurem Druck. Selbst ein Rücktritt als Regierungschef reichte seinen zahlreichen innerparteilichen Gegnern nicht. Außerdem war er tablettenabhängig. Über viele Jahre hinweg hatte er sich Unmengen Schlaf- und Beruhigungsmittel verschreiben lassen. Allein einer seiner Ärzte hatte ihm Rezepte für 367 Tabletten der Psychodroge Tavor ausgestellt. Experten urteilten später, dass deswegen eine Persönlichkeitsveränderung möglich sei, die "mit affektiver Verflachung (. . .) und dem Abgleiten aus der Verantwortung" einhergehen könne.

Die wahrscheinlichste Theorie über das Ende des Uwe Barschel, der im Mai 1987 als einziger Passagier einen Flugzeugabsturz überlebt hatte, ist angesichts ungeklärter Spuren in seinem Hotelzimmer allerdings die dritte Todesvariante: Demnach war ein Sterbehelfer im Zimmer, als Barschel in die Wanne stieg.

Mixtur von Medikamenten und Giftstoffen in seinem Körper

Die Mixtur der Medikamente und Giftstoffe in seinem Körper entsprach der Empfehlung von Sterbehilfeorganisationen für das geplante Ende. Mehrere Organisationen empfehlen auch, sich in eine gefüllte Badewanne zu legen. An Kleidungsstücken und einem Handtuch wurde im Frühsommer dieses Jahres durch neue Methoden eine Mischspur gefunden, die von einem Unbekannten stammen könnte. Bewiesen ist das allerdings nicht.

Gewöhnlich wächst mit dem zunehmenden Abstand zum Tod bei Teilen des Publikums die Überzeugung und Sehnsucht, dass ein von unheimlichen Mächten listig geplanter Mord die Lösung des Rätsels ist. Selbstmord oder Sterbehilfe taugen nicht für einen Mythos. Auch brauchen Verschwörungstheoretiker den ewigen Thrill.

Opfer oder Täter?

Interessanter wäre es eigentlich, der Frage nachzugehen, ob Barschel im Wesentlichen Opfer oder im Wesentlichen Täter in der Affäre war. In Kiel kamen zwei Untersuchungsausschüsse zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Der erste hielt Barschel für überführt, in einem Komplott gegen Engholm Drahtzieher gewesen zu sein. Die Überzeugung von Barschels angeblicher Schuld wuchs auch aus der öffentlichen Empörung, die der Fall damals auslöste.

Der zweite Untersuchungsausschuss, der Jahre später tagte, kam zu einem fast gegenläufigen Ergebnis, das seltsamerweise nicht groß in das Bewusstsein des Publikums eingedrungen ist. Demnach war Barschel viel mehr Opfer als Täter.

Der große Drahtzieher in dem schmutzigen Stück, das stellte dieser Ausschuss fest, sei Barschels früherer Medienreferent Reiner Pfeiffer gewesen, der in der Affäre als Kronzeuge aufgetreten war. Pfeiffer hatte vom Spiegel, der vor 25 Jahren auf dem Cover fragte, ob Barschel ins Gefängnis müsse, 165.000 Mark erhalten. Mit dem Geld wurde der Verdienstausfall Pfeifers entgolten. Zusätzlich zahlte das Blatt die Kosten für den Pfeiffer-Anwalt und andere Ausgaben. Pardon wurde nicht gegeben, aber eine Hexenjagd des Spiegel war es dennoch nicht.

Lüge auf einer Ehrenwort-Pressekonferenz

Barschel hatte sich seltsamerweise selbst verstrickt, als Medien, der Spiegel vorneweg, über die angebliche Staatsaffäre berichteten. Er wehrte sich eifervoll mit allen Mitteln und auch mit üblen Tricks. Barschel stiftete Mitarbeiterinnen zu falschen eidesstattlichen Versicherungen an, die sich auf Angelegenheiten nach den Veröffentlichungen bezogen, und er hat auf einer Ehrenwort-Pressekonferenz gelogen. Der schon verstaubte Begriff "Ehrenwort" bekam damals endgültig eine anrüchige Bedeutung.

Als er das Zimmer 317 des "Beau Rivage" betrat, hatte Barschel seine bürgerliche Existenz verloren - vor allem, weil sich die eigene Partei von ihm abgewandt hatte. Er war in Teilen der Union zu einer solchen Unperson geworden, wie es heute in Teilen der CDU Christian Wulff ist.

Vermutlich konnte Barschel den Verlust der Ehre und den Verlust der Anerkennung seines sozialen Umfelds nicht ertragen.

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Quelle:
SZ vom 11.10.2012/fzg
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