16. August 2010, 15:46 Regierungssprecher: Debüt Seibert: Nervös unter Papierbergen

Der Neue legt los, erst mal unelegant: Ex-ZDF-Mann Steffen Seibert verkauft nun öffentlich die Politik von Kanzlerin Merkel. Zehn Sätze, die er auf gar keinen Fall sagen darf, wenn er die Fußstapfen seines Vorgängers ausfüllen will.

Von Michael König

Bislang saß Steffen Seibert im Dienst vor einer grünen Wand, die im Fernsehen dann so aussah, als befinde sich das ZDF-Nachrichtenstudio irgendwo im Weltall. Auf einem fernen Planeten, auf dem es geschwungene Holztische gibt und Infografiken, die mitten im Raum schweben.

Steffen Seibert bei seiner Premiere vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz: Nervös, aber ordentlich gescheitelt.

(Foto: Getty Images)

Nun hat Steffen Seibert den Planeten gewechselt. Er ist von Mainz nach Berlin gezogen, wo er an diesem Montagmorgen seine erste Bundespressekonferenz als neuer Regierungssprecher gab. Dort wird er jetzt oft sitzen - vor einer blauen Wand, die auch im Fernsehen nicht mehr sein wird als eine blaue Wand.

"Ich muss noch lernen, hier ohne dreieinhalb Kilo Papier anzukommen", sagt er bei seiner Auftakt-Bundespressekonferenz und sortiert die mitgebrachten Unterlagen. "Das muss doch auch eleganter gehen." Von wegen virtuelles Studio!

Den Hauptstadtjournalisten erzählt der Neue, er sei "echt nervös", ähnlich wie bei Abi und Führerscheinprüfung. Er habe in seinem Leben eine neue Richtuing eingeschlagen, bekannte der Mann im schwarzen Anzug mit Flammenrot-Krawatte. Mit "heißem Herzen" habe er der Kanzlerin zugesagt.

Seibert muss mehr sein als nur ihr Regierungssprecher - er muss Kanzlerin Merkels neue Stimme sein und die riesigen Fußstapfen ausfüllen, die ihm sein Vorgänger Ulrich Wilhelm hinterlassen hat.

Weil Wilhelm nach einhelliger Meinung einer der besten Regierungssprecher war, die das Land je gesehen hat, haben sich sehr, sehr viele Experten und ehemalige Sprecher zu Wort gemeldet und ZDF-Mann Seibert alles Gute gewünscht. Ein bisschen praktische Hilfe kann nie verkehrt sein: Zehn Sätze, die der Neue in seinem Regierungsverkäufer-Job unbedingt vermeiden sollte, um den schwarz-gelben Planeten lange bewohnen zu dürfen.

Regierungssprecher

Zwei wurden Intendant

1. "Das weiß ich nicht!"

Steffen Seibert hat eine ZDF-Vorzeigekarriere hinter sich, mit Stationen in der Nachrichtenredaktion, bei den ZDF-Reportern, als Moderator von Wahlsondersendungen und schließlich als Anchorman bei heute. Er hatte dort mit vielen Themen zu tun, das bringt der Beruf als Nachrichtenjournalist so mit sich: Von Afghanistan bis Zuwanderung, von Arbeitslosenquote bis Zweitwohnsitzsteuer.

Als Regierungssprecher wird er jedoch an seine Grenzen stoßen. Selbst altgediente Profis verlieren im Berliner Regierungsapparat manchmal den Überblick über Entwicklungen, Initiativen, Trends. In der Bundespressekonferenz sitzt Seibert mit dem Rücken zur Wand - auch im übertragenen Sinne. Er hat die Sprecher der Ministerien an seiner Seite, doch alle Fragen kann er nicht delegieren.

Einmal sagen: "Das weiß ich nicht", ist noch kein Beinbruch. Auch ein zweites Mal wird dem Anfänger sicher verziehen. Spätestens beim dritten Mal aber wird es peinlich. "Die versammelte Presse hört nur so lange zu, wie sie den Eindruck hat, dass er mehr davon versteht, was der Kanzler denkt oder will als irgendjemand anderes, den man befragen könnte", mahnt Uwe-Karsten Heye, von 1998 bis 2002 Regierungssprecher unter Gerhard Schröder, in der Zeitschrift Cicero.

Seiberts Vorgänger Ulrich Wilhelm war auch in dieser Hinsicht kaum aus der Ruhe zu bringen. Fehlte ihm einmal das Detailwissen, vertröstete er Journalisten - und rief teilweise noch spät in der Nacht zurück. Daran kann sich Seibert ein Beispiel nehmen.

Dass in seinem Job Vorsicht geboten ist, verdeutlicht ein historisches Beispiel: Als der SED-Funktionär Günter Schabowski 1989 mangels Sachkenntnis über eine neue Ausreiseregelung stotterte, sie gelte "nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich", läutete er das Ende der DDR ein.

Einer der Regierungssprecher von Helmut Kohl, Johnny Klein, klagte einst: "Ich ahnte, das wird ein Drahtseilakt ohne Netz. Inzwischen weiß ich, ein Drahtseil ist auch keins da."

2. "Es wäre nicht falsch, davon auszugehen, wenn man annehmen würde, dass dieses Gespräch noch diese Woche stattfinden könnte."

Dieses Zitat gilt als abschreckendes Beispiel für etwas, was der Regierungssprecher tunlichst vermeiden sollte: schwurbeln. Es soll aus dem Munde von Béla Anda stammen, der von 2002 bis 2005 für Gerhard Schröder sprach und als eher glückloser Vertreter seiner Zunft gilt.

Der Stern nannte Anda einen "begabten Sagenichts", weil er viel geredet habe, "ohne den Hauch einer Botschaft im Wortschwall zu verstecken". Ein Regierungssprecher sollte jedoch tunlichst vermeiden, dass Journalisten diesen Eindruck gewinnen. Dabei ist unbestritten, dass er nicht jede Frage beantworten kann, etwa weil ihm das Wissen fehlt oder weil eine ehrliche Antwort zu negativen Schlagzeilen führen würde.

Der Sprecher muss dennoch so tun, als würde er antworten. Zum Beispiel, indem er Dinge sagt, die ohnehin in einer Regierungserklärung standen. Oder er versichert, die Kanzlerin sei sehr bemüht um eine rasche Lösung, grundsätzlich sei ihre Position ... und so weiter. Wenn er Glück hat, sind die Journalisten am Ende des Statements so eingelullt, dass sie nicht nachfragen, wie die konkrete Lösung aussehen solle.

Als Großmeister dieser Disziplin gilt der frühere Vize-Regierungssprecher Thomas Steg, der von 2002 bis 2009 im Amt war. Er gab Seibert im Focus folgenden Rat mit auf den Weg: "Sage alles, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst."

Ein einfacher Weg, um schwurbeln zu vermeiden, ist die Aussage: "Dazu kann ich Ihnen nichts sagen." Ulrich Wilhelm erläuterte in seiner letzten Bundespressekonferenz: "Wenn ich zu Ihnen sage, ich könne dazu nichts sagen, dann kann das zwei Bedeutungen haben: Ich weiß es nicht oder ich darf nichts sagen."

3. "Da bin ich voll und ganz Ihrer Meinung, Frau Merkel"

Das kommt jetzt vielleicht überraschend: Angela Merkel duldet im engsten Kreise ihrer Mitarbeiter keine Ja-Sager. Die Frau, die in der Öffentlichkeit so resolut und entschlossen auftritt, soll ihre Vertrauten regelrecht dazu ermutigen, sich eine Meinung zu bilden und diese auch zu äußern. Das wird in Zukunft auch für Steffen Seibert gelten.

"Er hätte seinen Job völlig missverstanden", mahnt der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, "wenn er in Kenntnis von bestimmten Stimmungslagen nicht offen seine Meinung sagt. Das gilt besonders dann, wenn diese Stimmungslagen für den Kanzler gefährlich werden könnten."

Wie weit Seibert dabei gehen kann, wird er ausprobieren müssen - so wie es Ulrich Wilhelm getan hat. Von ihm ist überliefert, dass er einmal in der Bundespressekonferenz die Erwartung äußerte, Merkel werde bei einem Treffen mit Wladimir Putin auch die Menschenrechte ansprechen.

Das war mit der Kanzlerin nicht abgesprochen, und so beschwerte sich Merkel bei Wilhelm, sie lasse sich nicht öffentlich den Inhalt ihrer Gespräche vorschreiben. Dann traf sie Putin - und sprach mit ihm auch über Menschenrechte.

4. "Das kann bis morgen warten"

Es ist schon viel Schlechtes über Angela Merkel gesagt und geschrieben worden, ihren Eifer aber hat noch niemand in Frage gestellt. Die Kanzlerin arbeitet so beflissen, dass ihr Sprecher Ulrich Wilhelm einmal sagte, er bereue jeden Morgen unter der Dusche, den Job angenommen zu haben. Das war ein Scherz - aber er ließ tief blicken.

Im Berliner Regierungsviertel erzählt man sich, Wilhelm sei problemlos mit drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht ausgekommen, um dann morgens um sechs Uhr aufzustehen und die Presse zu sichten. Dennoch habe ihn die Kanzlerin bei der Morgensitzung hin und wieder unterbrochen - mit dem Hinweis: "Hab ich schon gelesen."

Vom ZDF sind derartige Strapazen nicht überliefert, und so wird sich Steffen Seibert wohl darauf gefasst machen müssen, deutlich mehr zu arbeiten als bisher. Die Kanzlerin will es so - und auch das Medieninteresse lässt nichts anderes zu.

In Berlin wetteifern schließlich nicht nur zahlreiche Parlamentsreporter deutscher Medien um exklusive Nachrichten, sondern auch etliche Auslandskorrespondenten. Deutschland hat in der Welt eine Führungsrolle inne - das macht sich für den Regierungssprecher bemerkbar. Bei seinem Berliner Debüt trat Seibert mit einem Konsolut von Papieren und Akten auf, in denen er sich blätternd schon einmal verlor. Irgendwann deuchte ihm, dass es "doch auch eleganter gehen" müsste, also ohne dreieinhalb Kilo Papier.

"Die Arbeit geht für einen Regierungssprecher auch dann weiter, wenn auf der anderen Seite des Globus das Licht ausgeht", sagt Uwe-Karsten Heye. Und Ulrich Wilhelm gestand nach seinem Abschied, er wolle sich nun erst einmal Berlin anschauen. Dazu sei er in fünf Amtsjahren nämlich kaum gekommen.

5. "Schreiben Sie doch, was Sie wollen!"

Früher war alles langsamer. "Wenn irgendetwas in der Provinz passierte, konnte es Tage dauern, bis es Bonn erreichte", erinnert sich Ulrich Wilhelm. Und wenn es schließlich dort ankam, war der Regierungssprecher mit wenigen gezielten Anrufen in der Lage, negative Schlagzeilen schon im Kern zu ersticken.

Heute jedoch zieht jedes noch so winzige Ereignis einen Rattenschwanz von Twitternachrichten, Blogeinträgen, Online-Meldungen und TV-Analysen hinter sich her - da zählt jede Minute. Der Regierungssprecher kann immer noch eingreifen, er muss es sogar. Das gehört zu seinem Job. Auch wenn seine Möglichkeiten stark eingeschränkt sind.

So soll Ulrich Wilhelm bei Merkels Suche nach einem Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten ausgewählte Journalisten angerufen und die Botschaft gestreut haben, sich nicht zu früh auf Ursula von der Leyen festzulegen. Das funktionierte nur bedingt: Die Arbeitsministerin wurde trotzdem heiß gehandelt. Als klar war, dass Christian Wulff als Nachfolger von Horst Köhler ins Schloss Bellevue einziehen würde, galt von der Leyen als beschädigt.

Für Wilhelm wäre allerdings noch schlimmer gewesen, wenn von der Leyen überraschend doch Präsidentin geworden wäre: In diesem Fall wäre das Vertrauensverhältnis zwischen Sprecher und Journalisten empfindlich gestört gewesen. Und die Kanzlerin hätte sich überlegen müssen, ob eine Weiterbeschäftigung sinnvoll gewesen wäre.

6. "Diese Frage ist mir zu blöd"

Hans Leyendecker, Spezialist für investigativen Journalismus, klagte vor kurzem in der Süddeutschen Zeitung, Journalisten seien früher oft getadelt worden, weil sie angeblich Dinge aus dem Zusammenhang gerissen hätten. Heutzutage sei dieser Vorwurf haltlos: Zusammenhänge, aus denen sie etwas reißen könnten, seien modernen Journalisten oft gar nicht bekannt.

Die Anzahl der "frechen Mikrofon-ins-Gesicht-Stoßer" (Leyendecker) ist stetig steigend - in Zeiten, in denen jeder Privatradio-Praktikant mit einem digitalen Aufnahmegerät und ohne viel Sachkenntnis auf die Jagd nach O-Tönen geschickt wird. Auch manche Online-Angebote sind mit dem Hang zum manischen "Weiterdrehen" von Nachrichten - auch wenn`s nicht zum Drehen gibt - nicht unschuldig daran.

Steffen Seibert, der beim ZDF auch wegen seiner Gründlichkeit beliebt war, wird als Regierungssprecher bald mit schlecht vorbereiteten Journalisten konfrontiert werden, die ihm überflüssige, provokante, anmaßende oder gar unverschämte Fragen stellen.

Ulrich Wilhelm wurde beispielsweise bei seinem letzten Auftritt gefragt, warum die Regierung angesichts der Loveparade-Katastrophe keine Staatstrauer ausgerufen habe. Höflich aber bestimmt wies der Regierungssprecher die ausländische Journalistin darauf hin, dass die Bundeskanzlerin ihr Mitleid ausgedrückt habe und der Bundespräsident die Trauerfeier in Duisburg besuchen werde. Zudem seien landesweit die Flaggen auf Halbmast gesetzt worden.

Zuvor hatte Wilhelm einmal gesagt, "sowohl das Wesentliche als auch das Unwesentliche" könnten eine "zerstörerische Wirkung haben". Deshalb müsse jedes Ereignis zunächst ernst genommen werden.

7. "Da muss ich nicht dabei sein"

Doch, Steffen Seibert muss unbedingt dabei sein. Nur wenn er Zutritt zum "Küchenkabinett" bekommt, kann er jenes blinde Verständnis mit der Kanzlerin aufbauen, das Ulrich Wilhelm ausgezeichnet hat.

Als Wilhelm das Amt des Regierungssprechers 2005 übernahm, hatte er zur Bedingung gemacht, bei allen wichtigen Gesprächen dabei zu sein. Eines findet jeden Morgen im Kanzleramt statt, wenn sich Angela Merkel mit ihren engsten Mitarbeitern trifft: Mit Büroleiterin Beate Baumann und Eva Christiansen, Medienberaterin und für die politische Planung zuständig. Auch Kanzleramtschef Ronald Pofalla ist dabei, von dem Insider sagen, er könne Seibert gefährlich werden, weil er dem smarten ZDF-Mann den steilen Aufstieg nicht gönne.

Seibert müsse "ein Vertrauensverhältnis aufbauen, um sich Zugang zu ihrem inneren Zirkel zu verschaffen", mahnt der frühere Regierungssprecher Klaus Bölling (1974 bis 1982) in der Berliner Zeitung. Der Mann weiß, wovon er spricht: Seiberts Vorgänger hat ihn in diesem Punkt einmal als "Maß aller Dinge" bezeichnet.

Bundeskanzler Helmut Schmidt schrieb Bölling 1982 zum Abschied: "Meine Robustheit und Ihre Sensibilität sind eine symbiotische Beziehung."

Ob es bei Angela Merkel und Steffen Seibert auch so weit kommt, ist unsicher. Bölling sagte im Hinblick auf Seibert, es sei wichtig, ein political animal zu sein - ein Tier, dessen natürliche Wildbahn die Politik ist. Das Tier im Mann ist bei dem ehemaligen "Mainzelmännchen" tatsächlich schwer zu erkennen.

Leise Zweifel äußerte Jo Groebel, Professor für Medienpsychologie, im Münchner Merkur: "Ich glaube nicht, dass Seibert mal eben in diese Rolle reinspringt."

8. "Wir haben ein Problem"

"Trouble is my business", stand auf einem Schild im Büro von Conny Ahlers, der das Sprachrohr des Kanzlers Willy Brandt war: Ärger ist mein Geschäft. Ein elementarer Teil dieses Geschäfts ist es, den Ärger einzupacken, möglichst in einen großen Karton, und einige Schleifen darum zu binden.

In einem großen, möglichst weltumspannenden Kontext wirkt das Problem dann plötzlich sehr klein, beinahe mikroskopisch. Und die Dekoration sorgt dafür, dass sich die Journalisten womöglich ablenken lassen. "Dem Regierungssprecher geht es da ein bisschen wie der Parfümverkäuferin", sagt der frühere Regierungssprecher Bölling.

Ulrich Wilhelm hat in seiner letzten Bundespressekonferenz noch einmal vorgemacht, wie das geht. Als er auf die miesen Umfragewerte der zerstrittenen schwarz-gelben Regierung angesprochen wurde, sagte er: "Umfragen sind flüchtig und hinken den aktuellen Ereignissen hinterher." Die Regierung sei mit der Bewältigung der Finanzkrise beschäftigt und der Meinung, "dass wir auf dem richtigen Wege sind". Kleinere "Binnendiskussionen" innerhalb der Koalition seien noch "kein Grund zur Beunruhigung".

Angesichts der weiterhin sehr schlechten Werte wird Steffen Seibert eine solche Argumentation bald im Schlaf aufsagen können.

9. "Da hat die Kanzlerin einen Fehler gemacht"

Ein solcher Satz wäre wohl in der Kategorie "Kündigungsgrund" zu verbuchen. Der Regierungssprecher ist nämlich qua Beruf der größte Fan der Kanzlerin. Nie würde er laut sagen, dass sie einen Fehler gemacht hat. Stattdessen würde er die Zeit nutzen, sich einfallen zu lassen, wie der Fehler kaschiert werden kann.

Von Wilhelm heißt es, er sei beinahe kindlich in seiner Begeisterung, wenn er Journalisten erzählte, wie sich Merkel im Wortgefecht gegen Nicolas Sarkozy durchgesetzt habe oder wie hartnäckig sie bei der Nato war.

Ob Wilhelms Naivität echt war oder gespielt, tat dabei nichts zur Sache: So, wie er die Kanzlerin darstellte, sah sie gut aus. Und weil Reden nicht Merkels Stärke sind und sie oft umständlich formuliert, erklärt Wilhelm im Anschluss geduldig, was sie eigentlich sagen wollte.

Genau das ist jetzt Steffen Seiberts Job. Er wird wissen, dass sein Stern mit dem der Kanzlerin steigt oder sinkt. Die Hoffnungen, die im Regierungslager in den gutaussehenden Moderator gesetzt werden, sind groß - entsprechend ist die Fallhöhe.

Wenn die Krise von Schwarz-Gelb anhält, könnte es für Seibert gefährlich werden. In den letzten Tagen von Rot-Grün hieß es oft, die Politik (und insbesondere die Agenda 2010) sei nicht schlecht, sie werde nur schlecht erklärt. Genau dafür ist der Regierungssprecher zuständig - sein Stuhl wackelt als erster.

10. "Das überlasse ich meinen Mitarbeitern"

Als ob das Amt nicht schon schwierig genug wäre, hat Steffen Seibert auch noch einen gewaltigen Verwaltungsapparat zu koordinieren, der als Musterbeispiel für aufgeblähte Bürokratie gilt: Er ist Chef des Bundespresseamtes.

Diese 500 Mitarbeiter fassende Behörde sei ein "Wasserkopf mit wenig Inspiration", ätzte einmal der Stern. Der Kohl-Sprecher Klein lästerte: "Die Hälfte der Belegschaft kann man rausschmeißen. Dabei ist egal, welche". Und der damalige Kanzleramtschef und heutige SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier soll das Bundespresseamt gern als "Abraumhalde" bezeichnet haben.

Seibert tritt nun an, sich das Amt untertan zu machen und dessen Kraft zu nutzen - allen Unkenrufen zum Trotz zweifelt in Berlin kaum jemand an der Kompetenz der Mitarbeiter. Womöglich gelingt es ihm sogar, den Behördenmuff zu vertreiben, wie er das in seinem vorherigen Job getan hat: Auch die heute-Sendung beim ZDF galt als angestaubt, ehe Seibert als Anchorman und ein neues Studio-Design den Weg in die Moderne wiesen.

In Berlin muss der Journalist allerdings ohne grüne Wand und Weltraum-Optik auskommen. Es wird ihm dennoch so vorkommen, als wäre er auf einem fremden Planeten gelandet.