Zeitumstellung:Andere Länder, andere Uhr-Sitten

In Finnland ein Aufreger, in Italien allgemein akzeptiert, in Polen Grund zum Fluchen und in Frankreich egal - so empfinden Europäer das Thema Zeitumstellung.

Von SZ-Autoren

Kellojen siirtely

Eigentlich nahm die aktuelle Debatte in Finnland ihren Anfang. Denn die Finnen ärgerten sich so über das halbjährliche Uhrendrehen, dass im vergangenen Jahr 70 000 von ihnen in einer Petition das Ende der Sommerzeit forderten. Das Parlament in Helsinki wollte diesen Wunsch auch gerne erfüllen, eine Mehrheit hätte es wohl gegeben, den Abgeordneten waren aber durch EU-Recht die Hände gebunden. Also beauftragte das Parlament die Regierung damit, die Sache in Brüssel zu regeln - Finnland wurde somit zum Urheber der EU-Beschlüsse, die zu der Onlinebefragung führten. Natürlich freut man sich in Helsinki nun über das Ergebnis. Leif Beilinson, im Verkehrsministerium in Helsinki zuständig für das Thema, hofft, dass die Zeitumstellung nun beendet werden kann. Sollte es dazu kommen, rechnet Beilinson in Finnland anschließend mit einer weiteren Uhren-Debatte: darüber, ob Finnland fortan für immer in der Sommer- oder in der Winterzeit bleiben möchte.

Gunnar Herrmann

Cambio dell'ora

Die "Ora legale", wie die Italiener ihre Sommerzeit nennen, weil sie im Gegensatz zur "Ora solare" von einem Gesetz bestimmt wird, gehört zu den wenigen Themen, über die sie eigentlich nie streiten. Die Vorzüge der Zeitumstellung scheinen allen einzuleuchten. Als die EU-Umfrage startete, schrieb La Stampa: "Jetzt streiten sich die Europäer sogar über die Sommerzeit, als würde es nicht reichen, dass sie schon über Migration und Strafzölle streiten." Völlig unnötig also, kapriziös fast. Die Italiener können die "Ora legale" wohl auch deshalb nicht mehr wegdenken, weil es sie schon so lange gibt: 1916 wurde sie ein erstes Mal eingeführt, später wieder abgeschafft, wieder eingeführt, ein Hin und Her. Teilweise galt nicht einmal im ganzen Land dieselbe Zeit. Seit 1965 stellen die Italiener immer die Uhren um, wobei die Regierung die Dauer der Sommerzeit jedes Jahr von neuem festlegte. Mal waren es vier, mal fünf, sechs oder auch sieben Monate - bis Europa 1980 den Zeitenwechsel vereinheitlichte.

Oliver Meiler

Zmiana czasu

Es war einer der populärsten Gesetzentwürfe, der je das polnische Parlament erreichte. Im Herbst 2018 solle die Zeitumstellung abgeschafft werden, schlug der ehemalige Landwirtschaftsminister Marek Sawicki vor. Und, was im sonst bitter zerstrittenen Sejm eigentlich nie vorkommt: Alle anderen Parteien unterstützten den Entwurf. Sawicki begründete seinen Vorschlag mit fehlendem Nutzen für die Wirtschaft, größerem Stress, höherem Herzinfarktrisiko - den üblichen Argumenten. Der Herbst sei ein Albtraum, "denn die Mehrheit von uns beendet die Arbeit nach Einbruch der Dunkelheit". Polen solle dauerhaft auf Sommerzeit umstellen. Tatsächlich sind 60 bis 80 Prozent der Polen gegen die Zeitumstellung, je nach Umfrage. Aber aus dem Gesetz wurde nichts: Die Regierung, die sich sonst wenig um die Haltung der EU schert, argumentierte, eine Abschaffung der Zeitumstellung nur in Polen widerspreche einer EU-Direktive. Und so fluchen die Polen regelmäßig weiter über die Zeitumstellung.

Florian Hassel

Changement d'heure

Gleichgültiger hätte die Befragung über die Zeitumstellung in Frankreich kaum aufgenommen werden können. Die Medien machten lustlos auf die Umfrage aufmerksam. Der "changement d'heure" ist längst kein Streitthema mehr, auch wenn Ärzte, Wissenschaftler oder Vereine betonen, der ökologische und wirtschaftliche Nutzen sei minimal, der Schaden für die Bauern und ihre Tiere und für die Gesundheit der Menschen hingegen groß. Auch die Botschaft von Statistikern, in den Tagen nach der Umstellung seien Unfälle und Suizide besonders häufig, bringt die Franzosen nicht aus der Ruhe. Der halbjährliche Wechsel ist eher ein Gesellschaftsspiel mit der Streitfrage, ob es nun morgens um zwei schon drei oder um drei erst zwei Uhr sei. Ein Vorteil der Sommerzeit ist, dass man den Aperitiv abends eine Stunde früher - oder ist es doch später? - trinken kann. Politiker spotteten über die Umfrage, das sei ein typisch europäisches Scheinproblem. Die EU solle sich um Wichtigeres kümmern.

Joseph Hanimann

© SZ vom 30.08.2018/ick
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