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Zeitumstellung:Warum der Streit über die Sommerzeit so verzwickt ist

Worker adjusts hands on clock face of city administration building during clock's restoration in Krasnoyarsk

Sommerzeit oder Winterzeit? Die Zeitumstellung verwirrt viele immer wieder aufs Neue.

(Foto: REUTERS)
  • Kaiser Wilhelm führte die Sommerzeit erstmals während des Ersten Weltkriegs ein, um Kerzen und Gas zu sparen.
  • Seit knapp 40 Jahren ist die Sommerzeit in Mitteleuropa Standard - und genauso lange umstritten.
  • Nun haben 4,6 Millionen EU-Bürger ihre Meinung bei einer Befragung kundgetan.

Von Patrick Illinger

Ist die Zeit eigentlich eine starre Angelegenheit, oder lässt sie sich dehnen und stauchen? Seit Albert Einstein hat die Physik darauf eine klare Antwort: Zeit ist formbar wie ein Hefeteig. Allerdings muss man sich dafür in die Nähe eines Schwarzen Lochs begeben oder mit nahezu Lichtgeschwindigkeit unterwegs sein. Alltagstauglicher ist es, an der gefühlten Zeit zu drehen. Eine Urlaubswoche ohne Termine und Programmpunkte fühlt sich bekanntlich nach deutlich mehr Zeit an als eine intensive Arbeitswoche. Allerdings gibt es diese Version der Zeitdehnung nur auf Kredit. Das vorübergehende Gefühl unbegrenzter Zeit erkauft man sich im Rückblick mit dem Gefühl, der Urlaub sei doch arg schnell vergangen.

Das Hantieren mit der Zeit - ob physikalisch oder psychologisch - ist ein Schuldgeschäft. Genauso ist es mit der jährlichen Umstellung auf die Sommerzeit, zu deren Sinnhaftigkeit in den vergangenen Wochen EU-Bürger befragt wurden. 4,6 Millionen haben ihre Meinung kundgetan, heißt es. Das zeugt von hohem Interesse, obgleich es eigentlich nur um eine einzige Stunde geht, die im Frühjahr geliehen und im Herbst wieder zurückgegeben wird. Dadurch soll der Alltag bei besserer Beleuchtung ablaufen. Oder anders gesagt: Die Aktivphase des Menschen soll mit dem Tageslicht möglichst überlappen.

Beleuchtungsmittel wie Kerzen sowie Gas zu sparen war schon das Ziel von Kaiser Wilhelm, als er während des Ersten Weltkriegs erstmals die Sommerzeit einführte. Seit knapp 40 Jahren ist sie nun in Mitteleuropa Standard - und genauso lange umstritten. Kleinkinder wachen nach den Umstellungen tagelang zur falschen Zeit auf, was den familiären Alltag kräftig durchrütteln kann. Ebenso ist es mit dem Vieh im Stall vieler Bauern. Für ein Viertel der Menschheit seien Zeitumstellungen eine gesundheitliche Belastung, behauptet gar die Bundestags-FDP.

Befürworter verweisen auf die Nachteile einer ganzjährig einheitlichen Zeit. So würde man vielen Menschen, die dank der Sommerzeit im Mai oder September nach Feierabend noch Tageslicht genießen, ihre Happy Hour nehmen. Und würde man die Sommerzeit auf das ganze Jahr ausdehnen, müssten Eltern damit leben, an deutlich mehr Tagen ihren Schulkindern Marmeladebrote zu schmieren, wenn es draußen noch finstere Nacht ist.

Ließe sich die Frage vielleicht mithilfe der Physik aus dem schwammigen Bereich psychologischer Empfindungen herausholen? Man könnte sich zum Beispiel an der Mitte des Tages orientieren. Mittag sollte ja eigentlich erstens gegen zwölf Uhr sein und zweitens jener Moment, an dem die Sonne am höchsten steht. Doch genau das ist mit einer möglichst EU-weiten Synchronisierung nicht vereinbar.

Mit der aktuellen Sommerzeit-Regelung steht die Sonne im August zwar in östlichen EU-Ländern wie Polen gegen zwölf Uhr an ihrem höchsten Punkt im Süden. In Deutschland ist es beim Sonnenhöchststand hingegen bereits fast halb zwei. Und im spanischen La Coruña steht die Sonne erst um 14.40 ganz oben am Himmel - pünktlich zur Siesta. So richtig lässt sie sich eben nicht in den Griff kriegen, diese Zeit.

© SZ vom 18.08.2018
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