Tierschutz Mehr Wölfe - mehr Konflikte

Wolf und Wepe - hier im Wildpark Eekholt in Schleswig-Holstein.

(Foto: dpa)

Die Anzahl der Wolfsangriffe auf Nutztiere steigt stark an, AfD und Union wollen den Schutzstatus der Tiere aufweichen. Dem widersprechen Experten des Bundes und schlagen eine andere Lösung vor.

Von Thomas Hummel

Die Wölfe breiten sich in Deutschland weiter aus. Und dadurch auch die von ihnen angerichteten Schäden. Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) hat nun Zahlen für das Jahr 2017 veröffentlicht. Danach griffen Wölfe 472 Mal Nutztiere an und töteten oder verletzten dabei 1667 von ihnen, meistens Schafe oder Ziegen. Ein Jahr zuvor hatte die DBBW nur etwas mehr als 1000 Nutztieropfer registriert. Die Debatte, wie Deutschland mit dem Wolf umgehen soll, dürfte sich damit weiter verschärfen.

Für Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) ergeben diese Erkenntnisse einen Handlungsbedarf. Der Neuen Osnabrücker Zeitung erklärte sie, sie setze sich "für eine gemäßigte Bestandsregulierung ein, die es rechtssicher ermöglicht, einzelne Wölfe eines Rudels zu entnehmen". Klöckner fordert das Bundesumweltministerium auf, sich in der Wolfsfrage zu bewegen. Das Tier besitzt über das Bundesnaturschutzgesetz den höchstmöglichen Schutzstatus, bei illegalen Abschüssen wird die Staatsanwaltschaft tätig und es drohen Strafen von bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug. Damit setzt Deutschland auch europäisches und internationales Recht um.

Um den Bestand der Wölfe zu zählen, nutzt man das sogenannte Wolfsjahr. Das endet am 30. April, wenn die aufgezogenen Welpen etwa ein Jahr alt sind. Ende April 2018 registrierte die DBBW in Deutschland 73 Rudel, wonach man etwa von 730 Wölfen im Land ausgehen kann. Ein Jahr zuvor waren es nur 60 Rudel gewesen. Dabei hatte sich das Tier erst um die Jahrtausendwende wieder in Deutschland angesiedelt, nachdem es zuvor mehr als 150 Jahre ausgerottet war. Der Wolf wanderte über Osteuropa zurück ins Land, wodurch vor allem die neuen Bundesländer betroffen sind. Die meisten Nutztieropfer registrierte zuletzt indes Niedersachsen.

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Die Beratungsstelle nennt die Übergriffe des Wolfs auf Nutztiere die "Hauptkonfliktquelle". In östlichen Bundesländern gab es schon Mahnwachen gegen den Wolf. CDU und CSU nahmen Ängste vor allem der ländlichen Bevölkerung auf: Die Bundestagsfraktionen beschlossen einen Antrag, der sich dafür ausspricht, den Schutzstatus von Wölfen so weit zu senken, dass eine Jagd bei Überschreiten bestimmter Bestandsgrenzen erlaubt wäre. Die AfD will in Teilen noch weiter gehen. Bisher dürfen nur verhaltensauffällige Tiere in Einzelfällen erlegt werden, wie das gerade in Schleswig-Holstein mit dem Wolf namens GW924m angeordnet ist. Am Freitag hat das Verwaltungsgericht Oldenburg einen weiteren Abschuss eines Rüden freigegeben.

Tote Wölfe durch Verkehrsunfälle

Die DBBW erklärt hingegen, dass der Abschuss einzelner Wölfe nur kurzfristig und in besonderen Situationen helfe - wenn überhaupt. "Um die Probleme dauerhaft möglichst gering zu halten, hilft es nur, Schafe und Ziegen im Wolfsgebiet flächendeckend zu schützen." So müsse die Nutztierhaltung wieder an die Anwesenheit des Wolfes angepasst werden. Etwa mit Elektrozäunen, Herdenhunden und Nachtpferchen.

Das bedeutet allerdings einen Mehraufwand für Landwirte oder Schäfer. Finanzielle Unterstützung für die Schutzmaßnahmen erhalten sie von den Bundesländern, 2017 immerhin mehr als 1,3 Millionen Euro. Die Ausgleichzahlungen für tote Tiere beliefen sich hingegen auf knapp 190 000 Euro.

In Ländern, wo Wölfe nie verschwunden waren, seien solche Fördergelder für Schutzmaßnehmen selten, stellt die Beratungsstelle fest. Dort sei es Sache der Tierhalter, ihre Herden zu schützen. Doch weil die Raubtiere in Deutschland so lange verschwunden waren, sei das Wissen um die richtigen Methoden in Vergessenheit geraten. Deshalb gebe es in der Regel auch dort die meisten Übergriffe der Wölfe auf Nutztiere, "wo sie sich in neuen Territorien etablieren und sich die Schaf- und Ziegenhalter noch nicht auf ihre Anwesenheit eingestellt haben. Meist gehen die Schäden in diesen Gebieten nach ein, zwei Jahren zurück, wenn die Tierhalter Herdenschutzmaßnahmen richtig anwenden." Um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen und die Konflikte möglichst gering zu halten, würden die Tierhalter hierzulande staatlich unterstützt.

Die mit großen Abstand größte Nahrungsquelle der Raubtiere sind nach Zahlen der DBBW Rehe. Sie erleiden mehr als die Hälfte der Wolfsangriffe, danach folgen Wildschweine und Hirsche. Nur 1,1 Prozent der Opfer sind demnach Nutztiere. Eine weitere Statistik befasst sich mit toten Wölfen. Seit Anfang des vergangenen Jahres wurden in Deutschland 95 Wölfe tot aufgefunden. 79 davon waren Opfer eines Verkehrsunfalls.

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