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Jäger über Wolfsabschuss:"Eine große Herausforderung"

Jagdsaison ist im Norden in vollem Gang

Ein Jäger in Schleswig-Holstein auf einem Hochsitz. Hier ist nun ein Wolf namens "GW 924m" zum Abschuss freigegeben.

(Foto: Carsten Rehder/picture alliance)

Der Problemwolf von Pinneberg ist zum Abschuss freigegeben. Marcus Börner vom Landesjagdverband Schleswig-Holstein über den Auftrag zur "Entnahme" und das Problem, das Tier zu orten.

Schleswig-Holsteins Umweltministerium hat am Donnerstag den Abschuss eines Wolfes genehmigt. GW 924m, benannt nach seiner DNA-Kennung, ist nach wissenschaftlicher Analyse überführt: Im Kreis Pinneberg hat er demnach sechsmal als wolfssicher geltende Zäune überwunden und Nutztiere gerissen. Auch mehrere Schafe, die nicht hinter besagten Zäunen standen, sollen schon seine Beute geworden sein. Der grüne Umweltminister Jan Philipp Albrecht sagte: "Diese Aufgabe ist weder schön noch einfach." Marcus Börner hat als Geschäftsführer des Landesjagdverbandes mit dieser Aufgabe zu tun.

SZ: Herr Börner, freuen Sie sich über die Genehmigung?

Marcus Börner: Wir Jäger sind sehr aktiv beim Wolfsmonitoring und stellen selbst einen Großteil der örtlichen Wolfsbetreuer. Keiner freut sich darüber, so ein Tier entnehmen zu müssen. Aber wenn das Ministerium unsere Hilfe braucht, leisten wir sie.

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"GW 924m" soll seit Ende November acht Schafe hinter sogenannten "wolfssicheren" Zäunen gerissen haben. Genetische Einzelnachweise führen nun zu seinem Todesurteil.

Jäger schießen doch so gerne Tiere ab.

Das ist das weitverbreitete Klischee. In Wirklichkeit geht es bei der Jagd um Naturschutz, um Artenschutz, um die Pflege des Reviers. Das Gewehr anzulegen, ist nur ein geringer Teil des Jägerseins.

Wie hat man festgestellt, ob der besagte Wolf tatsächlich weg muss?

Die Umweltminister der Länder haben sich auf ein Vorgehen geeinigt. Es gibt die sogenannten wolfssicheren Zäune, die eine bestimmte Höhe haben. Wenn ein Wolf nachweislich solche Zäune mehrfach überwindet und an Nutztieren Schaden anrichtet, dann besteht die Möglichkeit, eine naturschutzrechtliche Entnahme vorzunehmen. Das ist ein ganz besonderer Ausnahmetatbestand. Das hat zunächst mit Jagd gar nichts zu tun. Es geht darum, ein einziges Tier, das Schäden verursacht, zu entnehmen, um die Lage in der Gegend zu beruhigen. Außerdem soll sich das Tier nicht vermehren und seine Tradition des Nahrungserwerbes an Junge weitergeben.

Wie erwischt man den richtigen Wolf?

Es geht um einen einzelnen Wolf, dem - so zumindest sagt unser Ministerium - die Schafsrisse in dieser Region zuzuordnen sind. Deshalb kann man davon ausgehen, dass es dort keinen zweiten gibt.

Schleswig-Holstein ist ein Paradies für Wölfe, weil das Land sehr viele Schafe hat. Fördert das die Risse durch Wölfe?

Nicht zwangsläufig. Wir haben viele Schafe hier, stimmt. 180 000, wenn ich mich recht entsinne. Wir brauchen die Schafe für den Küstenschutz. Sie weiden auf den Deichen und festigen sie so. Zum Überwintern kommen sie dann ins Hinterland, später in den Stall. Bei so vielen Schafen ist die Gefahr groß, dass etwas passiert, klar. Und jetzt haben wir einen Wolf, der sich offensichtlich auf leichte Beute spezialisiert hat. Aber in anderen Regionen gibt es auch Wölfe. Die fallen da gar nicht auf und ernähren sich so, wie wir uns das wünschen, von Reh, Wildschwein, sonstigen Wildtieren.

Das Ministerium bezieht den Jagdverband in die aktuelle Jagd mit ein ...

Den Auftrag zur Entnahme hat das Ministerium eigenen Fachleuten erteilt. Wir sind sozusagen das Bindeglied zwischen diesen Leuten und den örtlichen Jagdrevieren.

Klingt umständlich.

Mag sein, aber für uns ist es wichtig, dass wir ganz intensiv in den Prozess mit eingebunden sind, damit die örtlichen Jäger wissen, was in ihren Revieren passiert, und gegebenenfalls helfen können.

Warum ist diese Jagd so viel schwieriger als die auf ein Reh oder ein Wildschwein?

Es ist ein einziges Tier auf 400 Quadratkilometern. Rehe oder Wildschweine gibt es viel mehr. Wir wissen in der Regel, wo sie sind, weil sie relativ standorttreu sind. Ein Wolf kann über Nacht locker 80 Kilometer laufen. Der taucht mal hier, mal dort auf. Man braucht wahnsinnig viel Glück, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

„In puncto Wolf wünschten wir uns, dass er ins Jagdrecht überführt wird“: Generalsekretär Marcus Börner sähe es gerne, wenn der Landesjägerverband in Schleswig-Holstein für die Wolfsjagd zuständig wäre.

(Foto: OH)

Werden die Fachleute ihn gezielt suchen?

Das würde nur dann klappen, wenn man richtig Schnee hätte. Dann könnte man gucken, wo gibt es Fährtenbilder, gibt es Stellen, an denen er häufiger vorbeikommt. Im Moment ist das nahezu aussichtslos.

Die Genehmigung läuft also ins Leere?

Das werden wir sehen. Diese Aufgabe ist für alle Beteiligten ein Lernprozess und eine große Herausforderung. Das Ministerium hatte so einen Fall ja noch nie. Eventuell müsste man an der einen oder anderen Stelle noch mal nachjustieren. In Niedersachsen sollen Wölfe Peilsender bekommen - aber es heißt, sie seien zu intelligent, um in Kastenfallen zu tappen.

Je intelligenter ein Tier, desto schwieriger ist es zu fangen. Das ist immer so. Wenn man ein Hirschrudel mit einem erfahrenen Leittier hat, das weiß, wo man hinlaufen muss, um nicht erwischt zu werden, wird die Jagd schwierig. Wenn Tiere Gefahrensituationen schon durchgemacht haben, lernen sie dazu. Intelligenz ist in dem Fall eine echte Herausforderung.

Sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihren Möglichkeiten in Schleswig-Holstein?

Wir hätten gerne etwas mehr Flexibilität, auch mit Blick auf die Jagd- und Schonzeitverordnung, die demnächst verlängert werden soll. In puncto Wolf wünschten wir uns, dass er ins Jagdrecht überführt wird. Damit bliebe er weiter naturschutzrechtlich geschützt. Aber es wäre klar, wer in einem Fall wie dem jetzigen zuständig wäre.

Die feste Zuständigkeit für die Wolfsjagd hätten Sie also schon gerne.

Wir sind weitflächig unterwegs. Überall gibt es Jagdreviere, überall gibt es Jäger. Wenn einer mit der Waffe zur Jagd unterwegs ist - warum soll er diese Aufgabe dann nicht mit übernehmen dürfen?

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