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Vögel in den Städten:Kommt her, ihr Täubchen!

Tauben sollen neue Unterkünfte bekommen

Tauben gelten als Stadtplage. Dabei können sie gar nichts für ihr Verhalten.

(Foto: Carsten Koall/dpa)

Tauben lassen sich nicht leicht loswerden, nicht durch Falken, nicht durch Spikes, nicht durch Verhütungsmittel. Vielleicht sollte man einfach mal nett zu ihnen sein.

Mit kraftvollen Schritten führt die Taubenschützerin Beate Gries in einen verbotenen Teil der Stadt Braunschweig. Sie hat vorher bei der Deutschen Bahn Bescheid gesagt, dass sie einen Gast mitnehmen wolle an den kleinen Platz zwischen den Schienen beim Hauptbahnhof. Sie hat eine zweite Warnweste dabei, weil man ohne nicht hinauf darf in diese Landschaft aus Schotter und Stahl, die eigentlich den Zügen vorbehalten ist.

Von der Salzdahlumer Straße, die unter zwei breiten Brücken das Bahngelände kreuzt, geht es zu einem Pfad, vorbei an ungepflegtem Grün und leeren Waggons. Dann zeigt Beate Gries auf einen Überseecontainer, der auf besagtem Platz an der Brüstung zur Straße steht. Hier ist es: das neue Zuhause für die Stadttauben, die im Gebälk der Brücken brüten und Straße, Gehsteig sowie Radweg verdrecken. Hier sollen sie vom Problemvogel zu einem gern gesehenen Citybewohner werden. Beate Gries sagt: "Ich bin sicher, dass es funktioniert."

Tauben beflügeln die Fantasie der Menschen. Von Friedensbotschafterin bis Ratte der Lüfte reichen die Zuschreibungen, wobei Letztere die populärste sein dürfte. Denn seit Jahrzehnten beklagt man in den Ballungsräumen, dass Tauben Gebäude vollkoten, Kosten verursachen und überhaupt eine Störung seien, diese gurrenden, flatterhaften, um Futter bettelnden Wesen, die sich nicht vertreiben lassen. Das Image ist schon deshalb ungerecht, weil es weltweit mehr als 300 Arten von Taubenvögeln gibt, von denen kaum eine mit Städten zu tun hat. Die meisten Tauben sind Wildvögel, sie leben in Wäldern, an Küsten, sogar im Hochgebirge oder am Rande von Wüsten. Manche sind wegen menschlicher Eingriffe vom Aussterben bedroht.

Die Klage über die Tauben, die nun also auch die Stadt Braunschweig mit einem speziellen Taubenschlag angeht, ist aber auch deshalb ungerecht, weil der Mensch letztlich selbst schuld ist am sogenannten Taubenproblem. Die vermeintlichen Schädlinge im Häusermeer gehören nämlich einer Taubenunterart an, welche die Natur ursprünglich gar nicht vorgesehen hatte. "Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern domestizierte Haustiere", sagt die Biologin und Stadttauben-Expertin Alexandra Weyrather aus Wiesbaden.

Die Stadttaube, Columba livia forma urbana, stammt von der Felsentaube ab und ist vom Menschen so gezüchtet worden, dass sie als Nutztier funktionierte - vor allem als Brieftaube, aber auch als Fleischlieferant. Der Mensch wollte, dass diese Leistungstaube so ortsverbunden ist, dass sie noch aus 1000 Kilometern Entfernung den heimischen Schlag findet. Er wollte, dass sie statt zweimal im Jahr wie andere Taubenarten bis zu sechsmal im Jahr brütet. Er bereitete sie nicht darauf vor, dass sie sich auch mal in die Freiheit verirren oder dorthin entlassen werden könnte.