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Vermisste:Das große Verschwinden in Schweden

9200 Vermisstenanzeigen hat die Polizei 2015 aufgenommen. Viele Menschen gehen unfreiwillig verloren, andere wollen nicht gefunden werden. "Missing People" sucht sie.

Eine Frau aus Stockholm ist verschwunden, seit drei Tagen hat sie niemand mehr gesehen. Die einzige Spur führt in einen Wald, Jörgen Olsson koordiniert die nächtliche Suche. Er gehört zur schwedischen Initiative "Missing People", das sind Menschen, die in ihrer Freizeit nach Vermissten fahnden. Seit fast vier Stunden durchkämmen sie nun die Dunkelheit.

Umgerechnet auf die Einwohnerzahl, verschwinden in Schweden jeden Tag ungefähr so viele Menschen wie in Deutschland. Doch die Zahlen in Schweden steigen stark. Etwa 9200 Vermisstenanzeigen hat die Polizei dort 2015 aufgenommen, beinahe 2000 mehr als zwei Jahre davor. Einige von ihnen gehen unfreiwillig verloren, kleine Kinder, die sich verlaufen, Demente, verirrte Beerensammler und Opfer von Gewaltverbrechen. Andere verschwinden absichtlich, nach einigen von ihnen sucht "Missing People" trotzdem. Nach den Minderjährigen beispielsweise, die von zu Hause weglaufen. Und nach denen, die sich womöglich umbringen wollen. Eine Erklärung dafür, dass so viele Schweden verschwinden, hat niemand.

Die netten Menschensucher

"Missing People" gibt es in mehreren schwedischen Städten, in Stockholm besteht die Gruppe aus neun Freiwilligen. Sie suchen auch dann nach Vermissten, wenn die Polizei gar nicht erst anfängt oder bereits aufgegeben hat. Jörgen Olsson kann sich noch gut an seinen ersten Einsatz erinnern: Er hat in einer Novembernacht dabei geholfen, einen kleinen Jungen zu suchen. Es war dunkel, kalt und matschig, es schneite. Gefunden haben sie niemanden. Doch alle Helfer waren so nett, dass Jörgen Olsson dabei geblieben und später dem festen Stockholmer Team von "Missing People" beigetreten ist. Die anderen acht dort sind heute seine Freunde. Sie haben alle Hände voll zu tun.

Für die Suche im Wald hat Jörgen Olsson über Facebook und Sms dazu aufgerufen, "Missing People" zu helfen. Mehr als eine halbe Million Schweden erreicht er so. Etwa 70 von ihnen sind in den Wald gekommen. Die Frau, die sie suchen, ist 41 Jahre alt, 1,63 Meter groß, 65 Kilo schwer. Sie trug eine schwarze Jacke und eine Brille, als sie verschwand. Mehr erfahren die Sucher nicht.

"Eine Sache, die mich beunruhigt", sagt Jörgen Olsson leise, als die Suche fast vorbei ist. Eine der Gruppen hat eine Stelle im Wald gefunden, jemand hat dort etwas vergraben. Sie haben die aufgewühlte Erde fotografiert und die Bilder der Polizei geschickt. Jörgen Olsson flüstert, weil die Angehörigen bei der Suche dabei sind. Sie sollen nichts von dem Fund mitbekommen, solange die Polizei sich die Sache nicht angesehen hat. Ist die Stelle im Wald Zufall oder eine Spur? Olsson ist unruhig. Erst die Polizei wird feststellen, ob die Menschensucher fündig geworden sind.

© Süddeutsche.de/mane

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Schweden Verlass mich nicht
Schwedische Initiative "Missing People"

Verlass mich nicht

In Schweden gehen immer mehr Menschen verloren. Manche verirren sich, manche verschwinden absichtlich, manche unabsichtlich. Eine Geschichte über die Suche - und die Einsamkeit.   Von Silke Bigalke

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