Verfolgung nach Schwulenparagraf 175 Mit der Ehefrau in der Schwulenbar

So sieht es auch Klaus Gärditz, Professor für Verfassungsrecht an der Uni Bonn. Die Gewaltenteilung stelle kein Hindernis dar, sagt Gärditz. "Der Staat darf zeigen, dass er aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat." Eine Rehabilitierung dürfe jedoch nicht ohne zwingende Sachgründe eine bestimmte Gruppe privilegieren. Sinnvoller wäre daher ein allgemeines "Rehabilitierungsgesetz für das Sittlichkeitsstrafrecht", das auch die Menschen freispreche, die beispielsweise wegen Kuppelei bestraft wurden. Letztlich sei die Rehabilitierung aber weniger eine juristische als eine politische Frage.

Aber will die Politik das überhaupt? Im Koalitionsvertrag der großen Koalition findet sich kein Wort zum Paragrafen 175. Die Öffnung der Homo-Ehe, beispielsweise in Steuerfragen, musste das Bundesverfassungsgericht der Politik diktieren. Auch das Adoptionsrecht für Schwule und Lesben sieht der Koalitionsvertrag von Union und SPD nicht vor. "In der Homosexuellen-Politik hat die SPD stillschweigend die Forderungen und roten Linien der Union akzeptiert", kritisiert Grünen-Mann Volker Beck. Wie wahrscheinlich ist es da, dass die Politik sich dazu durchringt, die Urteile wegen Verstoßes gegen Paragraf 175 aufzuheben?

Toleranz-Recherche Wenn Unrecht Recht ist
Die Recherche - Chronik
Diskriminierung Homosexueller

Wenn Unrecht Recht ist

Im Jahr 1872 tritt Paragraf 175 im Strafgesetzbuch in Kraft. Er schreibt die Diskriminierung homosexueller Männer fest und begleitet die deutsche Rechtsprechung bis weit in die Bundesrepublik hinein. Ein Überblick vom Kaiserreich bis heute.   Von Martin Anetzberger

Heinz W. sagt, ihm fehlen 50 Prozent seiner Lebensqualität. Wegen der Veranlagung, und weil die Gesellschaft mit seinem Schuwlsein so gnadenlos umging. Nach seiner Zeit im Gefängnis schiebt er seine Neigung beiseite. Heiratet das Nachbarsmädchen, bekommt zwei Töchter. Seine Homosexualität lebt Heinz W. in Parks und öffentlichen Toiletten aus. Bis ihm das nicht mehr reicht.

"Jawohl, ich bin schwul"

Mit etwas über 30 Jahren offenbart er sich seiner Frau. Er weint. Aber sie wollen das durchziehen. Gehen künftig zu zweit in die Schwulenbars. Natürlich, die Frau ist eifersüchtig, aber sie erträgt es, weil eine Trennung noch schlimmer wäre. Mitte der siebziger Jahre kommt es zum Eklat, Heinz W. wird bei einem Fest zur Maikönigin gewählt. Seine Frau sagt ihm, sie habe sich noch nie so geschämt. Das Paar versucht, die Ehe zu retten. Aus den USA fliegt ein Psychologe ein, doch es hilft nichts. 1980 lassen sie sich scheiden.

Wenig später lernt Heinz W. einen Priesteranwärter kennen. Sie verlieben sich, doch der Partner stirbt kurze Zeit später an Krebs. In der Öffentlichkeit spielt W. noch immer den Heterosexuellen. Bis er seinen Job verliert und in einer Kneipe anheuert. An einem Tag wird er gefragt: "Sag mal, bist du schwul?" W. antwortet: "Jawohl, ich bin so." Das Coming-out erleichtert ihn. Mit mehr als 40 Jahren ist Heinz W. endlich bereit dazu.

Er ist glücklich heute. Im Sommer 2013 geht er auf eine Hochzeit, ein Freund heiratet seinen Partner. W. weint. Weil es schön ist, dass so etwas heute möglich ist. Aber auch, weil es für ihn zu spät kommt. Trotzdem wünscht er sich, dass die Politik die Paragraf-175-Urteile aufhebt. "Es würde mir wahnsinnige Genugtuung verschaffen", sagt Heinz W.

Mit ihm warten mehrere Zehntausend Männer. Und jedes Jahr werden es weniger.

Die Recherche zu Toleranz

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" - Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

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  • Straftatbestand: Liebe

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  • Düstere Aussichten

    Etwa die Hälfte der Deutschen meint, in Deutschland gebe es zu viele Ausländer. Was wäre, wenn es weniger wären? Oder sagen wir: gar keine? Ein Szenario gegen Stammtischparolen.

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  • Ausgrenzen mit vier Worten

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