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Todesstrafe für Boston-Attentäter:Auge um Auge, Träne um Träne

Sentencing Phase In Boston Bomber Trial Continues

Gegner der Todesstrafe demonstrierten schon während der Verhandlung vor dem Gericht.

(Foto: AFP)
  • Die Todesstrafe für den Boston-Attentäter Dschochar Zarnajew ist umstritten: Hinrichtungen widersprechen der liberalen Kultur in Massachusetts. Eigentlich sind Hinrichtungen dort gesetzlich verboten.
  • Das spielt aber in diesem Fall keine Rolle: Terroranschläge werden in den USA nach Bundesrecht geahndet.
  • Doch auch landesweit nimmt die Zustimmung für die Todesstrafe langsam ab: Während sie Anfang der Neunzigerjahre noch vier von fünf Amerikanern befürworteten, sind es inzwischen etwa zwei Drittel.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Emotionale Tage in Boston

Einige Geschworene, so berichten Anwesende, wischten sich nach der Verkündung des Strafmaßes Tränen aus den Augen. Opfer und Hinterbliebene weinten, als das Todesurteil gegen den Boston-Attentäter Dschochar Zarnajew gesprochen wurde. Der Angeklagte selbst blieb zunächst regungslos, saß später aber mit tief gesenktem Kopf auf seiner Bank.

Es sind emotionale Tage in Boston, das alttestamentlich anmutende Vergeltungsrecht taugt nicht für Genugtuung. "Ich hoffe, dieses Urteil kann zumindest einen kleinen Abschluss bedeuten", erklärte Bürgermeister Marty Walsh.

Jahrelanges Ringen um Strafmaß ist wahrscheinlich

Ein hehrer Wunsch - Zarnajews Anwälte können gegen die Todesstrafe Berufung einlegen, es wird wahrscheinlich Jahre dauern, bis das Strafmaß letztinstanzlich entschieden ist. Zudem ist die Entscheidung in Boston selbst umstritten: Hinrichtungen widersprechen der äußerst liberalen Kultur der Stadt und des Bundesstaates Massachusetts.

Nur 15 Prozent der Bostoner befürworteten zuletzt in einer Umfrage den Tod Zarnajews, im gesamten Bundesstaat waren es nur 20 Prozent. Kurz nach den Anschlägen im August 2013, bei denen drei Menschen ums Leben kamen und mehr als 260 verletzt wurden, hatte sich noch ein Drittel der Bürger von Massachusetts für eine Hinrichtung ausgesprochen.

Die letzte Exekution im Staat fand 1947 statt, seit 1984 ist die Todesstrafe gesetzlich verboten. Zuletzt scheiterte der damalige Gouverneur Mitt Romney 2005 mit dem Versuch, sie wieder einzuführen.

Bei Terroranschlägen gilt das Bundesrecht

Das alles spielt aber in diesem Fall keine Rolle: Bei Terror-Anschlägen gilt nicht das örtliche, sondern das Bundesrecht - und dort ist die Todesstrafe erlaubt. Allerdings wurde sie auch hier zuletzt selten vollzogen, seit 1963 drei Mal, in allen Fällen zwischen 2001 und 2003. Mit Zarnajew werden es 60 Verurteilte sein, die in der Todeszelle einsitzen und im Falle letztinstanzlicher Urteile nur noch vom Präsidenten begnadigt werden können.

Im ganzen Land gibt es weiterhin eine Mehrheit für die Todesstrafe, allerdings liegt die Zustimmung lange nicht mehr so hoch wie Anfang der Neunziger, als vier von fünf Amerikaner Exekutionen befürworteten. Inzwischen sind es gut zwei Drittel, im Falle des überlebenden Boston-Attentäters sprachen sich jüngst 53 Prozent der Amerikaner für eine Hinrichtung aus.

"Es ist ungeheuerlich, dass die Regierung diese grausame und inhumane Bestrafung durchführt, vor allem, wenn die Bürger von Massachusetts sie in ihrem Staat abgeschafft haben", kritisierte Steven Hawkins von Amnesty International USA das Strafmaß. Zarnajews Anwältin Judy Clarke, die zuvor bekannte Mörder wie den Unabomber Ted Kaczynski vor der Todesstrafe bewahrt hatte, sprach von "legalisiertem Mord". Die neue US-Justizministerin Loretta Lynch begrüßte das Urteil: "Diese ultimative Strafe ist eine passende Bestrafung für dieses furchtbare Verbrechen."

Unterschiedliche Reaktionen bei Überlebenden und Angehörigen

Überlebende und Angehörige der Opfer reagierten ebenfalls unterschiedlich: Die Eltern von Martin Richards, dem achtjährigen Jungen, der durch Zarnajews Bombe getötet worden war, hatten lebenslange Haft befürwortet - auch, weil der Täter durch die Todesstrafe weiterhin im Rampenlicht stehen werde.

Viele Überlebende äußerten sich hingegen erleichtert. Der Polizist Richard Donohue, der bei dem Feuergefecht mit den Attentätern schwer verletzt wurde, sprach von "einer schweren Entscheidung, die mich erleichtert und mir Abstand verschafft, mein Leben weiter zu leben." "Ich bin begeistert vom Urteil", twitterte Adrianne Haslet, der die Bombenexplosion einen Teil ihres Beines zerfetzte. Und Sydney Corcoran, die fast verblutet wäre und deren Mutter beide Beine verlor, schrieb: "In seinen [Zarnajews, d. Red.] Worten: Auge um Auge."

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