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Tiergarten Berlin:"Das hier sind zwei Welten der Obdachlosigkeit"

Polizei unterstützt Ordnungsämter bei Kontrollen im Tiergarten

Vieles deutet darauf hin, dass die Stadt Berlin nun gegen die Menschen im Tiergarten vorgeht.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Prostitution, Kriminalität, Anarchie: Weil die Obdachlosen im Tiergarten vielen Angst machen, droht eine Räumung des Parks. Aber wer sind die Menschen, die dort leben?

Von Thorsten Schmitz, Berlin

Sergej liegt in einem silberfarbenen Zelt unterhalb der Bahntrasse vom Bahnhof Zoo, Regen peitscht vom pechschwarzen Himmel hinab, seine Hände sind durch die sibirische Kälte steifgefroren. Wenn er redet, riecht man den Wodka. Es ist früher Abend, zur Begrüßung hat er die Hand gereicht. Im Zelt schläft ein anderer Mann unter drei Polyesterdecken. Es riecht, wie es riecht, wenn zwei Männer seit Wochen nicht geduscht haben.

Aus einer kleinen Stadt nahe Polen komme er, erzählt Sergej und zieht an einer Zigarette, als hänge sein Leben davon ab. Seit drei Jahren lebe er in Berlin. Deutsch habe er auf Baustellen gelernt, beim Weißen von Wohnungen, in der Spülküche eines Lokals. Entweder habe man ihm keinen Lohn oder nur zu wenig gegeben. Für eine Unterkunft habe es nie gereicht. Seine Eltern seien Anhänger der Zeugen Jehovas, er tippt mit einem Finger an die Stirn. Zu ihnen habe er keinen Kontakt mehr. Die Vorderzähne fehlen ihm, er ist mager, nach Berlin sei er getrampt, weil man sich in Polen erzähle, dass man hier leicht "viel Geld" verdienen könne. Dann sagt er: "Hast Du etwas zu essen dabei? Ich habe Hunger."

Seit Wochen beherrschen rund sechzig Obdachlose wie Sergej aus osteuropäischen Ländern im Berliner Tiergarten die Schlagzeilen. Kippt der Tiergarten, Berlins grüne Lunge? Minderjährige Flüchtlinge prostituieren sich, eine Frau wurde im Juni von einem 18-jährigen Tschetschenen ermordet, nahe den Obdachlosenzelten, Mitarbeiter der spanischen Botschaft trauen sich schon seit Längerem nicht mehr, durch den Tiergarten.

Vor ein paar Tagen forderte die Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln, Franziska Giffey bei einer SPD-Veranstaltung in Pankow: "Wir können nicht hinnehmen, dass neue Zeltlager im Park mit 30 oder 40 Leuten entstehen. Die Antwort kann nicht sein: Lasst doch den armen Leuten ihren Schlafplatz." Wenn die Menschen ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten könnten, "dann muss man sagen: ihr könnt hier nicht bleiben". Auch Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel von den Grünen warnt vor den Obdachlosen, er spricht von "Verrohung". Ordnungsamtsmitarbeiter und Angestellte des Grünflächenamtes seien mit Urin gefüllten Flaschen beworfen worden. Schwäne seien gefangen, gebraten und gegessen worden.

Vieles deutet darauf hin, dass die Stadt nun tatsächlich gegen die Menschen im Tiergarten vorgeht. Am Wochenende gingen mehrere Obdachlose davon aus, dass ihr wildes Lager zu Beginn der neuen Woche geräumt werde. Die Berliner Morgenpost war schon in der Woche zuvor von einer Räumung ausgegangen, unter Berufung auf Behördenkreise. Ein Polizeisprecher wollte keine Angaben zum Räumungszeitpunkt machen. Ab dem 1. November jedenfalls öffnen die Notschlafunterkünfte für Obdachlose in der Hauptstadt. Der Bezirksbürgermeister will auch Abschiebungen nicht ausschließen - was kaum umzusetzen wäre, denn Bürger aus Polen und Rumänien genießen Freizügigkeit.

Sergej sagt: "Ich habe keine Angst vor der Polizei. Ich habe vor nichts mehr Angst." Er werde sich dann eben ein anderes Fleckchen suchen im Tiergarten. "Der Park ist ja groß." Aus dem Zelt nebenan röhrt ein Betrunkener, ob Sergej eine Zigarette für ihn habe. Der Nachbar lugt in Sergejs Zelt hinein, nimmt eine Zigarette, ohne die Antwort abzuwarten. Obdachlose haben schon immer auf Berlins Grünflächen kampiert. Vor zwanzig Jahren, heißt es, hätten rund 2000 Obdachlose in der Stadt gelebt. Seit der Reisefreiheit für osteuropäische Staaten ist aber mit bloßem Auge zu erkennen, dass in der Stadt immer mehr Menschen auf Straßen und in Parks leben. Bahnhofsmission und Caritas schätzen, heute seien bis zu zehntausend Obdachlose in Berlin gestrandet.

"Sogar ich fühle mich manchmal nicht sicher"

Ein paar Zelte weiter sitzen schwarz gekleidete jüngere Männer mit zotteligen Haaren vor einem kleinen Lagerfeuer, Bierbüchsen stehen herum, es riecht nach Haschisch, Zigaretten werden gedreht, misstrauische Fragen gestellt. Ob man von der Polizei sei? Zwei der Männer stammen aus Bayern, sie seien in der Hauptstadt gestrandet, weil ihnen "das reaktionäre Bayern auf den Sack" gegangen sei. Mit den osteuropäischen Nachbarn, sagt einer, hätte man nichts zu tun. "Das hier sind zwei Welten der Obdachlosigkeit", sagt einer, zieht an einer Zigarette und fragt, ob man fünf Euro spenden möge.

Eine Frau mit Schirm gesellt sich dazu. Sie trägt mehrere Schichten Jacken und Pullover, dazu Handschuhe. Seit drei Jahren schlafe sie unter freiem Himmel, ihre Habseligkeiten im Einkaufswagen. Ein Radio besitzt sie auch. Sie weiß, dass gerade gewählt wurde, "Merkel, diese blöde Kuh" sagt sie. Die Kanzlerin habe ein Herz für Flüchtlinge, "aber für uns interessiert sie sich einen Dreck". Stattdessen werde die Polizei jetzt das Zeltlager räumen, "und was soll das bringen?" fragt die Frau, vielleicht 35, die Obdachlosigkeit hinterlässt Spuren.

Geld verdient sie auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof Zoo, sie winkt Autofahrer ein, die parken wollen. Die meisten ignorieren ihren Dienst. Von ihrer Familie sei sie verstoßen worden, sie erzählt wirre Geschichten, unterbrochen von klaren Momenten. Sie verfolge im Radio und in den Zeitungen, die umsonst verteilt würden, dass der Tiergarten gerade als hoch gefährlicher Ort beschrieben werde. "Dit stimmt auch. Sogar ich fühle mich manchmal nicht sicher." Sie spricht von Flüchtlingen, die mit Drogen handelten, ihre Körper verkauften. Dann wird sie schlagartig still. Regen prasselt auf ihren Schirm. In ihren Augen sammeln sich Tränen, sie sagt: "Wat is dit nur fürn Leben."

© SZ vom 30.10.2017/eca
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