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Tiere beim EM-Finale:"Nachtfalter! Es sind Nachtfalter!"

Portugal v France - EURO 2016 - Final

Nachtfalter! Es sind Nachtfalter! Pierluigi Collina, Chef der Uefa-Schiedsrichterkommission, wird während des EM-Finales von Gamma-Eulen attackiert.

(Foto: Carl Recine/Reuters)

Millionen Insekten haben das EM-Finale in Saint-Denis begleitet. Es waren aber keine Motten, weiß der Entomologe Thomas Schmitt. Und dass die Tierchen hinterher alle tot waren.

Interview von Martin Zips

Millionen Nachtfalter haben das EM-Finale in Saint-Denis begleitet. Aus Sicherheitsgründen waren die Scheinwerfer des Stadions in der Nacht vor dem Spiel angeschaltet geblieben - auch die leuchtende Bandenwerbung und die grellen Trikotfarben wirkten offenbar anziehend. Ein Gespräch mit Insektenforscher Thomas Schmitt, Direktor des "Senckenberg Deutschen Entomologischen Institutes" in Müncheberg.

Herr Schmitt, für Sie als Fachmann muss das Geflatter während des Finales doch eine tolle Sache gewesen sein.

Meinen Sie? Ich habe das Spiel gar nicht gesehen. Sport im Fernsehen interessiert mich nicht.

Nicht? Aber als Entomologe hätte Ihnen das wirklich viel Freude gemacht. Ich maile Ihnen mal ein Foto zu. Sehen Sie?

Oh, das sieht nach Autographa gamma aus. Gamma-Eule. Aus der Familie der Eulenfalter. Beachten Sie die weiße Zeichnung auf den Flügeln. Die erinnert an den griechischen Buchstaben. Kein Zweifel.

Davon flogen Millionen durchs Fußballstadion.

Die Gamma-Eule ist eine häufige Art, die gerne wandert. Kommt auch in Deutschland vor. Wo war denn das Endspiel?

Natürlich in Saint-Denis.

In Paris gibt's aus dieser Gruppe nur Gamma, Jota und Pulchrina. Und mit Abstand am häufigsten ist die Gamma-Eule. Das sind meist keine Schädlinge. Im Gegenteil, sie sind Nahrung für Fledermäuse und Vögel und so weiter.

Sportler und Kommentatoren hatten sich Sorgen gemacht, die Insekten könnten das Spiel negativ beeinflussen.

Ach ja? Da sieht man mal, was der Fußball für ein Drama für all die Nachtfalter ist.

Wieso?

Na, die Insekten sind doch anschließend alle im Eimer! Die leuchtende Bandenwerbung, das Flutlicht. Da sind die anschließend alle tot.

Ja und?

Gerade Nachtfalter übernehmen im Ökosystem die Dienstleistung der Bestäubung. Verstehen Sie? Die sind fast so wichtig wie die Bienen. Es gibt sehr viele Pflanzen, die von ihnen nachts bestäubt werden. Nachtfalter sind extrem wichtig. Und zahlreicher als ihre Kollegen, die Tagfalter.

Thomas Schmitt, 48, ist Direktor des "Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts" und Professor für Insektenkunde an der Universität Halle-Wittenberg. Der Biologe gilt international als Nachtfalter-Experte.

(Foto: Privat)

Im ARD-Studio war man sich einig: Das Fußballfeld ist voller "Motten".

Nachtfalter! Es sind Nachtfalter! Echte Motten sind nur ein kleiner Teil der Nachtfalter, die mehr als 100 000 Arten aufweisen.

Wär's denn sehr schlimm, wenn's bald keine Gamma-Eulen mehr gäbe?

Aber sicher. Wenn es die nicht mehr gibt, dann fällt eine wichtige Nahrung für jene weg, die Mücken und Bremsen fressen.

Das Spiel Frankreich - Portugal war also eine entomologische Katastrophe?

Es wäre zumindest dumm, wenn der massenhafte Tod einen Großteil der Leute kaltlassen würde.

In der TV-Berichterstattung aber ging es nicht vornehmlich um diesen Aspekt.

Die Uefa soll doch lieber mal die nur ökonomischen Zwecken dienende Bandenwerbung ausschalten. Aber die Ökonomie ist für diese feine Gesellschaft wohl doch die wichtigste Antriebsfeder. Erinnern Sie sich an die Zeit, da jede Dorfdisco nachts hoch in den Himmel strahlte?

Na klar.

Vogelschützer haben erreicht, dass zumindest in den Hauptzeiten des Vogelzugs nicht gestrahlt wird. Die Lichtkegel haben die Zugvögel so irritiert, dass die nicht mehr nach Afrika gefunden haben. Deshalb wäre es jetzt auch endlich mal an der Zeit, über die Abschaffung der elektrischen Bandenwerbung nachzudenken.

"McDonald's", "Energy of Azerbaijan"?

Ja. Millionen Insekten pro Spiel durch so was sterben zu lassen, das ist wirklich keine gute Idee. In vielen Städten ist man zum Glück schon viel weiter und hat Quecksilberdampflampen durch insektenfreundlichere Beleuchtung ausgetauscht. Davon sollte auch der Fußball lernen.

© SZ vom 12.07.2016/jana
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