Prozess gegen Thomas Drach:Fortsetzung folgt

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Der Verbrecher Thomas Drach im Jahr 2011

Thomas Drach (hier auf einem Bild aus dem Jahr 2011) muss sich in Köln vor Gericht verantworten.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Vor 21 Jahren wurde Thomas Drach für die Entführung von Jan Philipp Reemtsma verurteilt. Jetzt steht er in Köln erneut vor Gericht - und die Liste der Vorwürfe ist ziemlich lang.

Von Peter Burghardt, Köln

In Köln hat am Montag die Süßwarenmesse begonnen, trotz Corona werden ein paar Tausend Besucher vorbeikommen. Verkehrsbehinderungen stehen am Dienstag allerdings auf der anderen Rheinseite bevor, im Südwesten, denn dort wird einer der berüchtigtsten Kriminellen Deutschlands erwartet. "Bitte planen Sie bei der Anreise eine längere Anfahrtszeit wegen etwaiger Straßensperren ein", empfiehlt den Berichterstattern der Sprecher des Landgerichts Köln, vor dem sich von diesem 1. Februar an Thomas Drach verantworten muss.

Am Justizgebäude gilt die höchste Sicherheitsstufe, Reporter und Zuschauer werden streng kontrolliert. Drach wird mit einem Hubschrauber aus dem Gefängnis in Köln-Ossendorf eingeflogen oder in einem Auto vorgefahren, Spezialkräfte werden ihn begleiten, und Polizisten die Nachbarschaft bewachen. Ab 9.15 Uhr soll der Angeklagte auf der Anklagebank in Saal 112 sitzen, und das an 52 Tagen, ehe für Ende September ein Urteil vorgesehen ist, ein weiteres in einem Leben als Delinquent.

Überfall auf vier Geldtransporte

Thomas Drach, da denkt man natürlich vor allem an Jan Philipp Reemtsma. Im März 1996 entführte Drach gemeinsam mit Komplizen den Hamburger Philologen, Sozialforscher und Erben einer Tabak-Dynastie, dafür wurde er vor 21 Jahren verurteilt. Diesmal wirft ihm die Staatsanwaltschaft Köln in anderen Fällen versuchten Mord, schweren Raub, gefährliche Körperverletzung, Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Waffengesetz sowie Urkundenfälschung und Brandstiftung vor. Offenbar brauchte Drach wieder Geld.

In Limburg, Frankfurt und Köln soll er 2018 und 2019 vier Geldtransporte überfallen haben, dreimal bewaffnet mit einem Sturmgewehr AK-47, einmal mit einem Revolver. Zweimal schoss er laut Anklage auf den jeweiligen Mitarbeiter der Sicherheitsfirmen und verletzte beide lebensgefährlich am Oberschenkel, sie mussten notoperiert werden und leiden unter den Folgen. Offenbar traf ein Schuss auch ein vorbeifahrendes Auto und verfehlte ein Kind nur knapp. Insgesamt erbeutete Drach einmal 89 850 Euro, einmal 76 175 Euro, einmal 400 Euro und einmal 58 600 Euro. Mitangeklagt ist ein 52-jähriger Niederländer, die Beschuldigten sollen gestohlene Autos benützt und dann angezündet haben. Verhaftet wurde Drach, inzwischen 60 Jahre alt, im Februar 2021 in den Niederlanden.

"Immer älter und ungeduldiger und gefährlicher"

Es ist die Fortsetzung einer Verbrecherkarriere. Mit 13 wurde der Sohn eines leitenden Konzernangestellten und einer Sekretärin das erste Mal beim Autoknacken erwischt. Mit 18 überfiel er einen Supermarkt. Mit Anfang 20 landeten er und sein jüngerer Bruder in Zellen, nachdem sie 1981 mit dem Auto durch die Fensterfront einer Kölner Sparkasse gebrochen waren und am Schalter Geld verlangt hatten. Bei der Reemtsma-Entführung im April 1996 bezahlte die Familie dann 30 Millionen D-Mark, nach 33 Tagen Martyrium kam Jan Philipp Reemtsma frei.

Ende März 1998 wurde Drach in Buenos Aires festgenommen, wo er ein Konzert der Rolling Stones besuchen wollte, wie er einem früheren Mitgefangenen in abgehörten Telefongesprächen mitgeteilt hatte. 2001 verurteilte ihn eine Hamburger Strafkammer zu einer langen Haftstrafe, 2013 wurde er entlassen. Von großen Teilen des Lösegelds fehlt jede Spur, gut 800 000 Euro fanden Fahnder in uruguayischen Schließfächern. Im Jetset-Badeort Punta del Este in dem südamerikanischen Land hatte Drach luxuriös gelebt. 2001 verhängte das Landgericht Hamburg wegen erpresserischem Menschenraub eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren und sechs Monaten, 2013 wurde Drach entlassen. Die acht Jahre bis zur erneuten Verhaftung verbrachte er außer bei seinen mutmaßlichen Überfällen unter anderem in Spanien und in seiner Kölner Heimat.

Dort geht es nun um die Frage, ob er das Gefängnis nach dem nächsten Urteil überhaupt noch einmal wird verlassen dürfen. Drach werde "immer älter und ungeduldiger und gefährlicher", sagte Reemtsma in einem Interview, als Drach im vergangenen Jahr wieder gefasst worden war. Das Kölner Landgericht hält erhöhte Vorsicht für angebracht.

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