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SZ-Serie "Ein Anruf bei..".:"Alle sind erst mal schockiert, wenn sie mich sehen"

"Man lebt nur einmal": Sylvain Hélaine bei einem Shooting.

(Foto: AFP)

Der Franzose Sylvain Hélaine, ein komplett tätowierter Schullehrer, darf nicht mehr mit Kleinkindern arbeiten - zu gruselig, sagen die Behörden. Diskriminierung, findet er.

Interview von Moritz Geier

Mit 27 hat sich Sylvain Hélaine in London sein erstes Tattoo stechen lassen. Jetzt ist er 35 und von Kopf bis Fuß tätowiert - selbst Zahnfleisch, Zunge, Geschlechtsteile und Augäpfel sind mit Tinte überzogen. Hélaine, Künstlername "Freaky Hoody", verdient mit seiner Körperkunst Geld, als Model, Schauspieler, Comedian und Künstler. Hauptberuflich aber arbeitet er in Palaiseau, einer kleinen Gemeinde südlich von Paris. Dort ist er schon länger Aushilfslehrer an Kindergärten und Grundschulen. Und nicht alle sind mit seiner Selbstverwandlung einverstanden.

SZ: Herr Hélaine, wenn man Ihren Namen googelt, stößt man auf allerlei düstere Bilder und grimmige Gesichtsausdrücke. Können Sie eigentlich überhaupt noch freundlich schauen?

Sylvain Hélaine: Nun, ich werde oft gefragt, für Fotos extra grimmig zu schauen. Und wenn ich in Filmen spiele, spiele ich natürlich nur Drogendealer, Häftlinge oder Verbrecher. Aber ich bin sicher, es sind auch freundliche Bilder im Internet!

Um ehrlich zu sein: Es fällt einem aber nicht sehr schwer, sich vorzustellen, dass Kinder zu Tode erschrecken, wenn sie Ihnen begegnen.

Zu Tode? Das ist ein bisschen übertrieben. Aber klar, alle sind erst mal schockiert, wenn sie mich sehen - ob Kinder oder Erwachsene. Alle brauchen etwa 30 Sekunden, eine Minute, ihre Gesichter sagen: Uaaahh. Das bin ich gewohnt.

France's most tattooed man

Augäpfel, Zunge, Zahnfleisch: alles tätowiert. Und Sylvain Hélaine hat noch lange nicht genug.

(Foto: Charles Platiau/Reuters)

Und die Kinder, können die sich denn an Ihr Aussehen gewöhnen?

Sie sehen nach ein paar Minuten, wenn ich zu reden anfange, dass ich ein normaler Mensch bin. Wie ich ausschaue, das verschwindet sehr schnell. Aber dann gab es diesen Vorfall im vergangenen September. Ein dreijähriges Kind sagte seinen Eltern, ich sei gruselig, ein Monster. Es hatte wohl auch Albträume. Ich hatte mit dem Kind nichts zu tun, es kann mich höchstens aus der Ferne gesehen haben. Die Eltern schrieben einen Brief, ich sei ein radikalisierter Mann, und sie fügten ein paar halbnackte Fotos aus dem Internet bei.

Die Behörden halten Sie jetzt für zu gruselig für jüngere Kinder. Sie dürfen nur noch Sechs- bis Elfjährige unterrichten.

Das mache ich eh am liebsten, also kein Problem. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass ich diskriminiert werde wegen meines Aussehens. Ich bin enttäuscht vom französischen Bildungssystem, von meinen Vorgesetzten, die mich plötzlich nicht mehr unterstützten. Sie sollten den Eltern sagen, dass sie es sind, die sich ändern müssen, nicht ich.

Lehrer sind doch auch Vorbilder, Herr Hélaine. Und gesund ist Ihre Körperkunst sicher nicht.

Wenn Eltern diese Sorge äußern würden, dann würde ich ihnen sagen: Es ist meine Sache, nicht die eurer Kinder. Eure Kinder können sich nicht tätowieren lassen, bevor sie 18 sind.

Machen Sie es sich da nicht ein bisschen zu leicht?

Warum? Meine Freiheit endet da, wo die eines anderen beginnt. Es ist okay, religiös zu sein oder vegan, solange man nicht versucht, andere zu bekehren. Das Gleiche gilt für Tattoos und die Art, wie du aussiehst.

France's most tattooed man

"Es wäre deprimierend, wenn man fertig wäre", sagt Hélaine.

(Foto: Charles Platiau/Reuters)

Tattoos sind das eine. Aber das Gruseligste sind definitiv Ihre schwarzen Augäpfel.

Die Prozedur gibt es erst seit zehn Jahren. In Frankreich ist es verboten, ich musste in die Schweiz reisen, das war vor eineinhalb Jahren. Ein Typ hat mich festgehalten und mein Auge aufgehalten, ein anderer hat die Farbe mit einer Kanüle in den Augapfel eingeführt. Man kann alles sehen, alles fühlen, es ist furchtbar. Es ist sauteuer, illegal, und wir wissen nicht, wie sicher es ist. Ich bedauere es nicht, aber machen Sie es bloß nicht!

Keine Sorge.

Für mich ist es einfach eine Leidenschaft. Man lebt nur einmal! Also sollte man das Leben voll auskosten. Ich liebe es, meinen Körper zu entwickeln.

Wann sind Sie damit fertig?

Es wäre deprimierend, wenn man fertig wäre. Meine erste Schicht ist schon abgeschlossen, ich werde meinen Körper mit einer zweiten, dritten und vierten Schicht überziehen. Irgendwann werde ich komplett schwarz sein. Dann kann man wieder neues Schwarz über das alte gräuliche Schwarz tätowieren. Oder man könnte mit weißen Linien arbeiten oder mit Schattierungen. 57 000 Euro habe ich bisher ausgegeben.

57 000 Euro!

Ja, aber ich habe bis vor zwei Jahren bei meiner Mutter gelebt. Ich war zehn Jahre nicht im Urlaub. Ich besitze kein eigenes Auto, ich kaufe keine Klamotten. Tätowieren ist wie Liebe. Wenn du verliebt bist, machst du einfach alles.

Ist es nicht anstrengend, ständig aufzufallen?

Im täglichen Leben möchte ich nicht auffallen, deswegen trage ich meist einen Hoodie. Und Schulkinder möchte ich inspirieren durch die Art, wie ich bin. Nicht durch die Art, wie ich aussehe. Ich dachte, dass das kein Problem sein würde im Jahr 2020. Aber offensichtlich habe ich mich getäuscht.

© SZ/nas
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