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SZ-Korrespondenten über Papst-Rücktritt:Stefan Ulrich, Paris, über Frankreich

Frankreich hat ein besonders kompliziertes Verhältnis zum Katholizismus. Einerseits gilt das Land als "älteste Tochter der Kirche". Andererseits bekennt sich die Republik zu einem strikten Laizismus. Der Rücktritt des Papstes stößt in Frankreich auf ein immenses Interesse. Die Radio-Nachrichtensender berichteten am Montag fast noch ausführlicher darüber als in Deutschland.

Aktivistinnen der feministischen Organisation Femen feiern barbusig den Rücktritt des Papstes in der Pariser Kathedrale Notre-Dame.

Aktivistinnen der feministischen Organisation Femen feiern barbusig den Rücktritt des Papstes in der Pariser Kathedrale Notre-Dame.

(Foto: Reuters)

Die linksliberale Zeitung Libération widmete Benedikt XVI. am Dienstag gleich ihre ersten elf Seiten. Der Leitartikel war auf Lateinisch verfasst, und die Titel-Schlagzeile lautete: "Papus interruptus".

Aktivistinnen der feministischen Bewegung "Femen" reagierten auf den Rücktritt des Pontifex auf andere Art. Sie entblößten sich in der berühmten Kathedrale Notre-Dame und riefen: "Pope no more".

Die meisten Reaktionen in Frankreich waren jedoch von Respekt und Anerkennung geprägt. Die Franzosen, unter denen man sich umhörte, zeigten sich überrascht von dem Rücktritt und betonten den Mut Benedikts. Zugleich kritisierten viele, der Papst sei zu konservativ gewesen. Nun sei es Zeit für einen progressiven Pontifex, womöglich aus Afrika oder Lateinamerika, der sich der modernen Gesellschaft öffne.

Der französische Vatikanist Jean-Pierre Denis meinte dagegen, das Bild vom reaktionären Papst sei ein Zerrbild. In Wahrheit sei Benedikt eher ein Revolutionär, der mit seinem Rücktritt eine "Bombe" zünde. Der Papst habe im Missbrauchsskandal den Augiasstall in der Kirche ausgemistet und die Exzesse des Ultraliberalismus in der Wirtschaft angeprangert.

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In einer Internet-Umfrage der Zeitung Figaro, an der sich Zehntausende beteiligten, bewerteten 90 Prozent der Teilnehmer den Papstrücktritt positiv. Manche gläubige Katholiken in Paris zeigten sich aber verunsichert, sprachen von einem "Schock" und einem "Erdbeben". Ein Dominikanerpater tröstete die Zweifler mit den Worten: "Der Herr weiß schon, was er tut."