Neue Studie "Wenn ich das jetzt erzähle, ich könnte schreien"

Ihr Delikt: Schwänzen. Dafür kam Corinna Thalheim ins Heim.

(Foto: Sean GallupGetty Images)

Kinder und Jugendliche wurden in DDR-Heimen oft jahrelang sexuell missbraucht. Das sozialistische Regime bot ihnen keine Chance, gehört oder geschützt zu werden.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Ein paar Tage "Schulbummeln", also Schwänzen, sagt Corinna Thalheim, das sei ihr einziges Verbrechen gewesen, damals als 16-Jährige. Sie sitzt in einem Konferenzraum im Bundesbildungsministerium, wo die "Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung Sexuellen Kindesmissbrauchs" ihre Büros hat, und der Raum ist viel zu klein für all die Journalisten, die gekommen sind. Der Anlass ist eine neue Studie zum Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der DDR - in ihren Familien oder in Heimen, wie dem besonders berüchtigten "Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau".

Dort landete 1985 auch Corinna Thalheim, nachdem sie versucht hatte, aus einem anderen Jugendwerkhof zu fliehen. Sie habe den Drang gehabt, in Freiheit zu leben, sagt sie über die Fluchtversuche. Statt Freiheit aber erlebte sie "organisierte Gewalt". Das Ziel: Umerziehung. "Man hat mir mit dreieinhalb Monaten Torgau mein Leben völlig ruiniert", sagt sie.

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Was am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, ist eine Fallstudie. Das Ziel der Forscher war keine repräsentative Erhebung auf Basis einer möglichst großen Befragung. Im Fokus stehen vielmehr einzelne Opfer und ihre Geschichten. Grundlage der Studie sind Transkripte von Anhörungen vor der Missbrauchskommission, Zusammenfassungen dieser Anhörungen und schriftliche Berichte von Betroffenen.

Nicht repräsentativ, aber eindeutig

Auch wenn die Berichte im statistischen Sinne nicht repräsentativ seien, machten Umfang und Qualität es aber dennoch möglich, "DDR-spezifische Konstellationen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche herauszuarbeiten", schreiben die Autoren. Insgesamt wurden für die Studie 75 vertrauliche Anhörungen ausgewertet und 27 Berichte, sowohl zu sexuellem Missbrauch in staatlichen Einrichtungen als auch zum Missbrauch innerhalb der eigenen Familie. Wie viele Opfer es insgesamt gibt, ist nicht bekannt.

Zentral scheint vor allem eines zu sein: die Tabuisierung und Leugnung sexueller Gewalt in der DDR. In den Heimen sei es Normalität gewesen, sagt die Psychologin und Mit-Autorin der Studie, Beate Mitzscherlich, dass Kindern nicht geglaubt wurde, wenn sie es tatsächlich wagten, über Missbrauch zu sprechen. Das Stigma Heimkind habe an ihnen gehaftet. Nach dem Motto: "Die lügen sowieso."

Ähnlich ausweglos war die Situation für Kinder, die zu Hause Missbrauch erlebten. Zum einen habe es nach außen nach heiler sozialistischer Familie aussehen müssen, sagt Cornelia Wustmann, Sozialpädagogin und weitere Autorin der Studie. Zum anderen sei die politische Tabuisierung so stark gewesen, dass Kindesmisshandlung und Missbrauch kaum in der Kriminalitätsstatistik auftauchten. Nach dem Motto: "Sexualisierte Gewalt kann kein Teil einer sozialistischen Gesellschaft sein." Abweichungen von der sozialistischen Norm hätten zu Sanktionen gegen die Kinder und Jugendlichen geführt, sagt Wustmann, aber nicht gegen deren Eltern. Heute dagegen werde in solchen Fällen auf "Leistungen zum Wohle des Kindes" gesetzt, auf Erziehungshilfe.

Drill und Disziplin

In der DDR gab es mehr als 600 Heime. Bei den meisten von ihnen handelte es sich um sogenannte Normalkinderheime, hinzu kamen "Spezialheime" (für sogenannte schwer erziehbare Kinder), "Durchgangsheime" (für eine vorübergehende Unterbringung) und "Jugendwerkhöfe", in die zum Beispiel Kinder gebracht wurden, die vorher aus einem anderen Heim ausgerissen waren. Besonders berüchtigt war der "Geschlossene Jugendwerkhof Torgau". Von 1964 bis 1989 wurden dort mehr als 4000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren eingewiesen. Den Alltag bestimmten Disziplin und Drill, Arbeit, dürftigen Unterricht, Gewalt und auch Missbrauch. Zu den Strafen bei Verstößen gegen die Regeln gehörten bis zu zwölf Tage Arrest. rike

In der Studie ist von einer "Eskalation der Heimkarriere" die Rede. Flucht- und Selbstmordversuche von Heimkindern führten dazu, dass sie in noch restriktivere Heime verlegt wurden - bis hin zu Torgau, das mehr einem Gefängnis glich als einem Heim. Dort aber erlebten die Kinder folgendes: kollektives Verprügeln Einzelner, Putzstrafen, "Sauberkeitskontrollen", öffentliche Beschämung und Demütigung. "Aus sexuellen Übergriffen wurden unter den Rahmenbedingungen der totalen Institution und dem Machtgefälle zwischen Erziehern und Zöglingen schnell massivere Übergriffe, die immer weiter eskalierten, da ihnen nicht Einhalt geboten wurde."

Die Auszüge aus den Berichten und Anhörungen der Opfer zeichnen ein düsteres Bild. Katja U. zum Beispiel: "Als ich in das Durchgangsheim gekommen bin, wurde ich wieder geläust und desinfiziert ... wieder ein Mann, der mich untersucht hat, ob ich irgendwelche Dinge versteckt habe - in sämtlichen Körperöffnungen. Wenn ich das jetzt erzähle, ich könnte schreien!" Oder Heiko S.: "Ich galt als Bettnässer, und deswegen wurde immer mal wieder nachts nachgeguckt, ob ich eingenässt habe. Und das hat er benutzt. Anstatt aufs Bettlaken zu fassen, hat er an die Genitalien gefasst und mir dabei den Mund zugehalten. Ich habe mehrfach versucht, mich zu wehren, und er hat aber erst dann abgelassen, als ich versucht habe, mit den Beinen nach ihm zu treten."

Es gibt ein Gesetz, um Opfer zu entschädigen. Aber dies nutzt diesen Opfern nichts

Und heute? Die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), die seit 2010 Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs ist, sieht politischen Handlungsbedarf. Sie forderte am Mittwoch Selbsthilfe- und Therapieangebote sowie Beratungsmöglichkeiten. Zudem kritisierte sie, dass das Opferentschädigungsgesetz den Betroffenen oft nicht weiterhelfe. Der Studie nach scheitern Entschädigungen heute teilweise an der Beweislast. Weil Meldungen der Kinder über sexuelle Übergriffe in DDR-Heimen in der Regel nicht beachtet wurden, seien sie auch nicht dokumentiert worden. Bergmann forderte daher "unbürokratische Fondslösungen".

Die Psychologin Mitzscherlich betonte, es gehe zum einen um Anerkennung und Würde. Darüber hinaus aber hätten viele Betroffene sehr schwierige soziale Biografien, auch noch nach der Wende. Ein Grund sei, dass Schulbildung in den Jugendwerkhöfen kaum noch eine Rolle gespielt habe. Zudem sei der Zugang zu Langzeit- und Traumatherapien oft schwierig.

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