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Spanisches Königshaus:Die arme Gretl

Spanien Infantin Margarita

"Las Meninas", das berühmte Gemälde von Velázquez.

(Foto: Museo del Prado)

Im Jubiläumsjahr des Museo del Prado war Infantin Margarita das beliebteste Souvenir-Motiv. Doch die wenigsten Besucher wissen, was für ein tragisches Ende die Königstochter gefunden hat.

In Saal 12 des Museo del Prado in Madrid kommt manchmal fast ein Mona-Lisa-Gefühl auf. Da stehen die Besucherinnen und Besucher in Trauben vor einem Gemälde, Öl auf Leinwand, das allerdings viel größer ist als das sehr kleinformatige Porträt der versteckt lächelnden Schönheit im Pariser Louvre. Das Bild im Prado, das die Menschen derart in seinen Bann zieht, zeigt eine blonde Prinzessin, fünf Jahre alt, in einer weißen Krinoline, umgeben von Hoffräulein und Hofzwergen. Mit ihren dunklen Augen blickt sie den Betrachter forschend an. Es ist die Infantin Margarita, die der große Barockmaler Diego Velázquez hier verewigt hat, "Las Meninas" ("Die Hoffräulein") heißt das Werk.

Angeblich ist die Infantin die bekannteste Spanierin der Geschichte. In jedem Fall ist sie die bekannteste Figur im Prado, das hat die Auswertung des Besucherverhaltens und der Souvenirverkäufe des vergangenen Jahres ergeben, in dem das Kunstmuseum seinen 200. Geburtstag gefeiert hat. Die Tassen, T-Shirts und Terminkalender mit ihrem Konterfei verkaufen sich blendend, ebenso beliebt ist sie als Puzzle, als Puppe oder auch als Briefbeschwerer. Ob die Touristen, die fortan ihren Morgenkaffee aus einer Infantin-Margarita-Tasse schlürfen, wohl wissen, was für ein trauriges Ende die niedliche Königstochter gefunden hat?

Velázquez war nicht der einzige Maler, der die Infantin verewigt hat, ihr kunstbegeisterter Vater Philipp IV. ließ seine jüngste Tochter, geboren 1651, auch anderen Künstlern Modell stehen. Die Porträts Margaritas spiegeln ihr Leben wider: Je älter, desto trauriger wurde sie. Sie hatte nämlich ein zunehmend armseliges Leben, obwohl sie eine scheinbar glänzende Partie machte. Sie wurde Gemahlin Leopolds I., des Kaisers des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. An ihrem Hochzeitstag war sie gerade 15 Jahre alt.

Diego Velázquez

Infantin Margarita in weißem Kleid um 1656.

(Foto: KHM)

Ihr Mann war ihr Onkel und gleichzeitig ihr Cousin

Leopold, zu dem sie in einer beschwerlichen Reise aus Madrid auf die Hofburg nach Wien gebracht wurde, war ihr Onkel und zugleich ihr Cousin. Er rief sie "meine Gretl", sie aber nannte ihn schlicht "Onkel", obwohl er ja ihr Ehemann war. Sie hatten reichlich gemeinsame Verwandte und Vorfahren. Dazu gehörte Gretls Mutter Maria Anna von Österreich, die Leopolds Schwester war. Dessen Großmutter mütterlicherseits, Margarete von Österreich, war ihre Großmutter väterlicherseits und gleichzeitig ihre Urgroßmutter mütterlicherseits. Dafür war sein Großvater mütterlicherseits, der spanische König Philipp III., ihr Großvater väterlicherseits und auch ihr Urgroßvater mütterlicherseits.

Urgroßvater von beiden war der spanische König Philipp II., in dessen Reich "die Sonne nie unterging". Über dessen eheliches wie außereheliches Liebesleben liegen einige zeitgenössische Berichte vor, besonders über seine Verbindung mit der Prinzessin Elisabeth von Valois, die seine dritte Frau wurde. Sie war bei der Hochzeit gerade 14 Jahre alt und hatte noch nicht einmal ihre erste Periode gehabt. Die Hofdamen hatten dem König zu melden, wann die Arme denn endlich zum "Vollzug der Ehe" bereit sei. Friedrich Schiller und Giuseppe Verdi haben in "Don Carlos" dem unerbittlichen Monarchen ein düsteres Denkmal gesetzt.

Diego Velázquez

Margarita in blauem Kleid 1659.

(Foto: KHM)

Die Habsburger, die im 16. und 17. Jahrhundert gleichzeitig in Wien und in Madrid regierten, wollten mit ihrer Heiratspolitik Frankreich in die Zange nehmen. Sie waren aber auch von der Idee besessen, dass sie am besten unter sich blieben, als k. u. k. Blutsgemeinschaft. So arrangierte die beiden Höfe Ehen zwischen Onkeln und Nichten sowie Vettern und Basen. Vor allem die spanischen Habsburger litten unter dieser Inzucht. Von Generation zu Generation prägten sich auch körperliche Merkmale stärker aus, an erster Stelle die dicke "Habsburger Unterlippe", der Unterbiss und die Glupschaugen, die sich leicht entzündeten. Velázquez und die anderen Maler haben mit ihren nichts beschönigenden Darstellungen des spanischen Königshauses den Genetikern hervorragendes Anschauungsmaterial geliefert.

Sie war entweder krank oder schwanger oder beides

Margarita und ihren Bruder, den spanischen König Karl II., traf es besonders hart: Sie kränkelten permanent und waren schwächlich. Karl II. bekam in zwei Ehen keine Nachkommen, sodass das Volk ihn den "Verhexten" nannte. Er war antriebslos, interessierte sich für nichts, nicht fürs Regieren, nicht fürs Militär, die Jagd oder die Kunst, auch nicht für die jungen Frauen aus dem Volk, die man ihm zuführte, um seine sexuellen Triebe zu wecken. Nach seinem frühen Tod im Jahr 1700 brach der Spanische Erbfolgekrieg aus, der das Ende der Großmacht Spanien besiegelte.

Seine ebenfalls depressive Schwester Margarita war da schon lange tot, sie wurde nur 21 Jahre alt. Ihr Leben als deutsche Kaiserin war wohl eine einzige Tortur: Sie war entweder krank oder schwanger oder beides. Sie erlitt mehrere Fehlgeburten und konnte letztlich die wichtigste Anforderung an die Gemahlin eines Monarchen nicht erfüllen: Sie gebar ihm keinen Thronfolger. Ihr erster Sohn wurde dreieinhalb Monate alt, der zweite starb unmittelbar nach der Geburt, eine Tochter wurde zwei Wochen alt. Die andere Tochter aber brachte es auf 23 Jahre, sie wurde mit Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern verheiratet. Doch dann traf auch diese junge Frau, für die ihr Mann das Schloss Lustheim in Oberschleißheim erbauen ließ, der "Fluch der spanischen Habsburger": Der erste Sohn lebte drei Tage, der zweite wurde tot geboren; nach der Geburt des dritten, der sechs Jahre alt werden sollte, starb sie selbst am Kindbettfieber, während der Kurfürst sich in dieser Zeit mit seinen Mätressen vergnügte.

Von all diesen tragischen Lebenswegen der k. u. k. Frauen erfahren die meisten Besucher des Prado nichts. Sie stehen in Trauben vor dem berühmten Bild von Velázquez, und so mancher murrt, dass man dort nicht fotografieren darf. Denn das wäre der Höhepunkt der Reise nach Madrid: ein Selfie mit dem süßen Blondchen.

© SZ/nas
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