Verunglückter Julen in Spanien Vorläufiger Abschluss eines Martyriums

Der Vater des zweijährigen Julen trauert um seinen Sohn auf dem Friedhof in Málaga.

(Foto: Gregorio Marrero/ dpa)
  • In Málaga ist am Sonntag der zweijährige Julen beigesetzt worden.
  • Vor 14 Tagen war das Kind am Ortsrand des nahegelegenen Bergdörfchens Totalán in ein illegales Bohrloch gestürzt. Erst in der Nacht zum Samstag wurde er tot geborgen.
  • Die Anteilnahme mit der Familie war so groß, dass Polizisten den Zugang zum städtischen Friedhof regulieren mussten.
Von Marcel Grzanna, Málaga

Es war ein trauriger Tag, den die Stadt Málaga am Sonntag erlebte. Während sich die Touristen durch das historische Zentrum drängelten, fand nur wenige Kilometer weiter, im Stadtteil El Palo, der zweijährige Julen seine letzte Ruhe. Vor 14 Tagen war das Kind am Ortsrand des nahe gelegenen Bergdörfchens Totalán in ein illegales Bohrloch gestürzt und erst in der Nacht zu Samstag tot geborgen worden. Sein Grab befindet sich genau über der Mauergruft seines Bruders, der vor zwei Jahren an einer Herzkrankheit gestorben war. Zwei Kinder haben die Eltern verloren, in zwei Jahren.

Die Anteilnahme für die Familie war so groß am Sonntagmittag, dass Polizisten den Zugang zum städtischen Friedhof regulieren mussten. Rund 2000 Menschen, so schätzten die Beamten, waren gekommen. Viele hatten Blumen dabei. Auch die Feuerwehrleute, die Vertreter des Zivilschutzes und des Psychologenteams, die an der Bergung des Jungen und der Betreuung der Eltern in den vergangenen zwei Wochen beteiligt waren, trauerten um Julen. Schon am Samstag hatte es vor dem Rathaus in Málaga eine Gedenkfeier und eine Schweigeminute gegeben.

Unglück und Unfall Julen starb noch am Unglückstag
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Julen starb noch am Unglückstag

Nach seinem Sturz in ein Bohrloch erlag der kleine Junge Obduktionsergebnissen zufolge seinen schweren Kopfverletzungen.

Das Resultat der Obduktion war noch am Samstag veröffentlicht worden. Die Beschaffenheit der Leiche ließ darauf schließen, dass Julen "im freien Fall", so hieß es, 71 Meter in die Tiefe gestürzt war. Dabei soll sich Gestein gelöst haben, das auf den Junge herabfiel und tödliche Kopfverletzungen verursachte. Julen war mit den Füßen voran in die Tiefe gerutscht - ein Unfall, der sich bei einem Familienpicknick ereignete.

Für die Eltern war die Beisetzung der vorläufige Abschluss eines Martyriums, dem aber möglicherweise noch ein juristisches Nachspiel folgen wird. Mit dem Tod des Kindes rückt jetzt die Frage in den Mittelpunkt, wer für die Kosten des enormen Einsatzes verantwortlich zeichnen muss.

300 Helfer waren im Einsatz. Kräne, Bagger und Planierraupen waren zum Unglückshügel geschafft worden, ebenso zwei Hubschrauber. Mehr als 80 000 Kubikmeter Erde, Sand und Gestein waren nach offiziellen Angaben auf dem Berg bewegt worden - eine Arbeit, die nach Angaben der Einsatzleiter unter anderen Bedingungen Wochen, wenn nicht sogar Monate in Anspruch genommen hätte. Zwar hatten die Bewohner des Dorfes vielen Helfern Übernachtungsmöglichkeiten in ihren Privathäusern eingerichtet und die Helfer zum Teil auch mit Essen versorgt. Dennoch werden die Kosten des Einsatzes auf etwa 800 000 Euro geschätzt.

Eine Anwaltskanzlei hat angekündigt, an diesem Montag beim Gericht in Málaga einen Antrag einzureichen, der verhindern soll, dass die Spuren der Bergungsarbeiten umgehend beseitigt werden. Schon am Samstag war damit begonnen worden, das schwere Gerät abzuziehen. Auch die Zelte für die Helfer am Berg waren schnell verschwunden. Die Juristen verlangen aber eine unabhängige Untersuchung durch die Guardia Civil, eine spanische Polizeieinheit. Der Architekt Jesus Flores Vila aus Marbella hat mit acht Mitarbeitern im Auftrag dieser Kanzlei Daten und Fakten zusammengetragen während der laufenden Bergung, mit denen die Spezialisten vor Gericht beweisen wollen, dass der betriebene Aufwand ungerechtfertigt war. "Die Kosten sollten deshalb nicht komplett auf die Schuldigen abgewälzt werden, die den Unfall verursacht haben. Man darf sie nicht für die Inkompetenz der verantwortlichen Ingenieure zur Kasse bitten", sagte Vila. Wer genau hinter diesem Antrag steht, ist bisher nicht bekannt.

Die Firma, die ohne Genehmigung den Schacht in das Gelände bohrte, wird sich Fragen gefallen lassen müssen

Kern der Kritik in der Öffentlichkeit ist die Ernennung von Ingenieuren mit mangelnder praktischer Erfahrung, der Einsatz falscher Geräte und Fehlentscheidungen bei der Vorgehensweise. Wer für die Ausgaben im welchem Umfang in Regress genommen wird, müssen erst noch Gerichte klären. Die Eltern könnten in die Verantwortung genommen werden, weil sie den Sturz des Jungen nicht verhindert hatten, ebenso wie der Besitzer des Grundstücks, auf dem das Loch entstanden ist, und auch die Firma, die ohne Genehmigung den 107 Meter tiefen Schacht in das Gelände bohrte, wird sich Fragen gefallen lassen müssen.

Der Unternehmer ist nicht der einzige in Spanien, der ohne entsprechende Papiere solche Löcher hinterlässt. Schätzungen von Umweltorganisationen belaufen sich auf mehr als eine Million illegaler Bohrungen nach Wasserquellen. Die Auftraggeber stammen meist aus der Landwirtschaft und benötigen das Wasser für die Produktion von Oliven, Avocados oder Mangos. Aber auch Tourismus-Investoren sind auf der Suche nach Wasser, wenn die Behörden die nötigen Lizenzen für legale Bohrungen nicht ausstellen. Das Problem mit dem Entzug des Grundwassers im Land ist so groß, dass die EU Spanien in der vergangenen Woche vor dem EU-Gerichtshof verklagt hat. Laut europäischer Wasserrahmenrichtlinie müssen die Mitgliedsstaaten geeignete Maßnahmen zum Schutz des Grundwassers ergreifen. Eine Aufgabe, die Spanien nicht konsequent genug verfolgt.

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