Verunglückter Junge In einem tiefen Loch

  • Arbeiter kämpfen im spanischen Totalán noch immer um das Leben eines zweijährigen Jungen, der in ein Bohrloch gestürzt ist.
  • Die Chancen, ihn lebend zu finden, sind verschwindend gering. Seit etwa neun Tagen wird er vermisst.
  • Beobachter vor Ort kritisieren, dass die Bergung nicht schnell genug geht. Zudem kursieren Gerüchte, dass der Junge sich gar nicht im Loch befinden soll.
Von Marcel Grzanna, Totalán

Das Dröhnen der Motoren zieht hinauf bis nach Olías. Wer bis dorthin den Serpentinen folgt, tut dies meistens wegen der herrlichen Aussicht auf die Provinzhauptstadt Málaga und ihre Mittelmeerküste. Seit Tagen aber blicken die Besucher des spanischen Dörfchens in die entgegengesetzte Richtung, nämlich hinunter nach Totalán. Dort sieht man wenige hundert Meter entfernt orangefarbene Bagger schaufeln und graben, als wollten sie diesen Berg versetzen.

Die Arbeiter kämpfen noch immer um das Leben eines zweijährigen Jungen, der in ein Loch gestürzt ist, das wahrscheinlich ohne die nötigen Genehmigungen etwas unterhalb des Gipfels in die Erde gebohrt wurde. 100 Meter führt der Schacht senkrecht nach unten. Julen, so heißt das Kind, hatte dort gespielt, während seine Eltern in der Nähe picknickten. Er rutschte etwa 70 bis 75 Meter tief, vermutet man. Ein Cousin soll gesehen haben, wie Julen in das Loch fiel, anfangs will er ihn noch weinen gehört haben.

Die Chancen, ihn lebend zu finden, sind verschwindend gering. Seit mehr als 200 Stunden, also seit fast neun Tagen, wird er vermisst. Die ständigen Verzögerungen bei der Bergung zermürben alle Beteiligten. Frühestens an diesem Dienstag kann man zu ihm vorstoßen, heißt es jetzt. So geht das von Anfang an. Jeden Tag heißt es von neuem: morgen.

Julens Eltern haben sich seit Tagen nicht mehr öffentlich geäußert. Doch ein Freund der Familie telefoniert täglich mit dem Vater. "Ihre Hoffnung wird immer kleiner und ihre Wut immer größer", sagt Santiago Cortón Díaz. Am Fuße des Berges plaudert er mit Beamten der Guardia Civil, die den Zugang zum Hang kontrollieren. Jeden Tag kommt Díaz zur Unglücksstelle und schaut, ob sich Entscheidendes tut. Bislang vergeblich.

Die Wut wächst, weil die Bergung nicht so schnell vorwärts geht, wie viele es fordern. So wie der Architekt Jesús Flores Vila. Er steht auf einem Parkplatz am Ortseingang von Totalán und überfliegt die Reaktionen auf einen Kommentar, den er über Twitter in die Welt gesetzt hat. "Von meinen Kritikern sind inzwischen die meisten umgeschwenkt und erkennen die Absurdität dieser Rettungsaktion.

Julens Vater Jose weint in Totalán, wo sein Junge am Sonntag vor einer Woche in den Schacht fiel.

(Foto: Jorge Guerrero/AFP)

Wenn alles professionell abgelaufen wäre, dann hätte Julen eine realistische Chance gehabt zu überleben", sagt Vila. Er habe mit einem hochrangigen Vertreter einer der Rettungsorganisationen gesprochen, ein alter Bekannter von ihm. "Auch der hat mir gesagt, dass hier sehr viel falsch läuft." Offiziell aber hört man keinen selbstkritischen Ton.

Tagelang setzten die Verantwortlichen auf den Einsatz eines 50 Meter langen Bohrers, der aber zu kurz war, um dorthin zu gelangen, wo man Julen vermutet. Also begannen die Bagger, eine Plattform im Hang auszuheben, einige Meter unterhalb des Schachteingangs, um dort mit der Bohrung beginnen zu können und die fehlende Länge des Bohrers zu kompensieren. Rund um die Uhr wurde gebaggert, nur um den Hang vorzubereiten. Die Plattform aber, so stellte sich heraus, befand sich nicht weit genug unterhalb des Eingangs, sodass der Bohrer immer noch nicht reichte. Also forderte man schließlich einen 80 Meter langen Bohrer an, der aber erst am Freitag in Totalán eintraf.

Offizielle zeigen eine Karte mit den Ausgrabungsplänen zur Rettung des Jungen.

(Foto: Jorge Guerrero/AFP)

"Das sind Leute am Werk, die keine Ahnung haben, was sie tun", sagt Vila. Der Leiter der Bergungsarbeiten habe keinerlei praktische Erfahrung, die aber nötig sei, um schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen und auch Risiken zu kalkulieren. "Die können jetzt eine ganze Autobahn bauen mit dem, was die alles angeschleppt haben. Aber das taugt nicht für einen schnellen Notfall", sagt Vila. Er ärgert sich, dass die Welt den Eindruck gewinnt, dass Spanien nicht in der Lage sei, den Jungen aus dem Berg zu holen. Dabei würden spanische Ingenieure große Aufträge aus der ganzen Welt bekommen.

Der Gescholtene selbst sparte sich am Montag einen öffentlichen Auftritt. Stattdessen schnaufte Ángel García Vidal eine Sprachnachricht in sein Mobiltelefon, die dann an die Journalisten verschickt wurde. Vidal beschäftigt sich überwiegend mit der theoretischen Ausbildung von Ingenieuren in Málaga. Er spricht über das harte Gestein und die nötige Wartungspause, um den Bohrkopf zu pflegen. Kein Bohrer auf dem Markt könne ohne diese Wartung die Arbeit an dem Schacht beenden, sagt er. Der Bohrung würde noch die Auskleidung des Lochs mit Stahlrohren folgen und schließlich die Handgrabung zum parallel verlaufenden Unglücksschacht.

"Unser ganzes Team kämpft und arbeitet mit all seiner Kraft und Mühe, und wir sind voller Motivation", sagt Vidal. Seine Stimme klingt abgekämpft.

Die Zeit der quälenden Warterei füllt sich in dem Dorf inzwischen mit Gerüchten. Die Betreiberin eines Cafés in Olías stellt zwei Tassen Kaffee auf den Tresen und zieht die Mundwinkel nach unten. "Ich bin nicht sicher, ob dieses Kind wirklich in diesem Schacht ist. Das denken hier übrigens viele", sagt sie. Tatsächlich hört man das Gerücht ständig. Schon in der vergangenen Woche wurden Stimmen laut, die sich fragten, wie ein Kind in ein Loch fallen könne, das so groß ist wie ein Teller für ein Hauptgericht.

Und wieso, fragen sich die Zweifler, befindet sich über dem Jungen ein Haufen Erde im Schacht, der sein Erreichen mit einer Kamera unmöglich macht? Ist alles nur ein Theaterspiel der Eltern? Gegenfrage: Wieso fand man dann eine Tüte mit Knabbergebäck und ein paar Haare in großer Tiefe, die zweifelsfrei von Julen stammen? "Wer weiß", sagt die Café-Besitzerin.

Für den Freund der Familie, Cortón Díaz, ist dieses Gerücht nicht mehr als schamlose Tratscherei. "Ich habe die Eltern noch nie so am Boden zerstört erlebt", sagt er.

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