Show-Business in China Wo ist Fan Bingbing?

Fan Bingbing im Mai bei den Filmfestspielen von Cannes.

(Foto: REUTERS)

Chinas berühmteste Schauspielerin verdient mehr als ihre Kolleginnen in Hollywood. Doch nun ist sie wegen mutmaßlicher Steuertricks in Ungnade gefallen - und bereits seit Anfang Juli verschwunden.

Von Kai Strittmatter

Fan Bingbing ist Schauspielerin. Nicht irgendeine Schauspielerin. Sie ist Chinas Nummer eins. Mehr als 60 Millionen Fans folgen ihr auf Weibo, Chinas Gegenstück zu Twitter. In Hollywood hatte sie bislang nur kleine Auftritte (in X-Men und in Iron Man 3), in China aber ist sie die Schauspielerin mit den populärsten Filmen, die Frau mit den besten Werbeverträgen.

Als ihr einmal eine Tube mit einer Vitamin-Creme aus der Handtasche fiel (zufällig?) und Fotos davon die Runde machten, soll die australische Marke daraufhin in China einen Sturm auf ihre Produkte erlebt haben. Die Forbes-Liste der bestverdienenden chinesischen Berühmtheiten führt sie seit 2013 an. 2017 soll sie der Zeitschrift zufolge umgerechnet 45 Millionen Dollar verdient haben - mehr als jede Hollywood-Schauspielerin.

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China hat im ersten Quartal dieses Jahres beim Umsatz an der Kinokasse zum ersten Mal die USA überholt. Der Markt boomt, aber es ist kein Markt wie jeder andere. Hier haben Schauspieler nicht nur die Erwartungen des Publikums zu erfüllen, sondern auch jene der Regierung und der Kommunistischen Partei. Prominente, schreibt der China-Wissenschaftler Jonathan Sullivan von der Universität in Nottingham, seien hier Teil eines "Pop-Propaganda-Systems", das auch Sänger und Schauspieler zu "staatlich sanktionierten Vorbildern" formt. "Positive Energie" sollen sie ausstrahlen, nicht rauchen, keine Drogen nehmen, aber auch patriotisch auftreten und die Sache der KP unterstützen.

Fan Bingbing wusste früh, wie man in dem System navigiert. Als die Film- und Rundfunkzensurbehörde vor drei Jahren einen "Kodex für professionelle Ethik und Selbstdisziplin" für Persönlichkeiten in Film und Fernsehen einführte, da hielt sie eine Rede, in der sie sagte: "Um ein guter Schauspieler zu sein, muss man zuerst ein guter Mensch sein." Also "gesetzestreu" leben und für "Wahrheit, Güte und Schönheit" einstehen.

Wie ernst Fan Bingbing aber ihre eigenen Worte genommen hat, ist längst nicht mehr klar und seit ein paar Monaten Gegenstand einer aufgeregten Debatte in China. Fan selbst ist verschwunden. Seit Anfang Juni hat sie auf Weibo keine Nachricht mehr an ihre Follower geschickt, und am 1. Juli wurde sie zuletzt in der Öffentlichkeit gesehen, als sie ein Kinderkrankenhaus besuchte. Allerlei Gerüchte machen die Runde: Versteckt sie sich? Oder ist sie gar schon im Gewahrsam der Behörden?

Seit Mai nämlich reden die Leute nicht mehr über Fans schauspielerische Leistungen, sondern über ihre Steuererklärung. Damals hatte der bekannte Fernsehmoderator Cui Yongyuan online Dokumente veröffentlicht, mit denen er die Steuerhinterziehung in der TV- und Filmbranche anprangern wollte. Cui griff vor allem die Praxis der sogenannten Yin-Yang-Verträge auf: Offenbar war es in China in den vergangenen Jahren üblich, dass sich die Stars von den Studios hohe Gagen zusichern ließen - gleichzeitig aber fürs Steueramt einen zweiten Vertrag machten, in dem nur ein Bruchteil der Summe angegeben wurde. Und als Musterbeispiel publizierte der Moderator einen Vertrag, dessen Nutznießerin von Kommentatoren schnell als Fan Bingbing identifiziert wurde.

Wenn die Anschuldigungen stimmen, dann hätte Fan in einem Fall 60 Millionen Yuan (7,5 Millionen Euro) bezahlt bekommen, davon aber nur zehn Millionen (1,26 Millionen Euro) versteuert. Fans Studio bestreitet die Vorwürfe, aber selbst Parteizeitungen griffen sie auf: Der Fall sei wohl nur "die Spitze des Eisbergs", klagte die Volkszeitung . Es folgte Artikel auf Artikel, in welchen die Propaganda der Filmindustrie vorwirft, generell einen "schlechten Einfluss auf die Jugend" zu haben.

Die Gehälter der Schauspieler sind nun gedeckelt

Beliebt ist der Vorwurf der "Anbetung von Geld und Profit". China nennt sich selbst eine sozialistische Volksrepublik, aber Peking hat schon vor zwei Jahren New York überholt als die Stadt, in der weltweit die meisten Milliardäre leben. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in China mittlerweile so groß wie in nur wenigen anderen Ländern der Welt, auch deshalb trifft der Fall Fan Bingbing einen Nerv. Im Gefolge der hitzigen Debatten sahen sich die Behörden zu neuen Regeln genötigt, welche die Gehälter der Schauspieler nun offiziell deckeln, bei höchstens 40 Prozent der Produktionssumme. Die Volkszeitung schwor, die Behörden würden nun "Steuerbetrug schärfer bestrafen".

Berichten zufolge läuft eine Untersuchung gegen Fan Bingbing, Ende August machte im sozialen Netzwerk Weibo das Gerücht die Runde, Fan sei nun festgenommen worden. Dafür gibt es keine Bestätigung. Vor ein paar Tagen allerdings berichteten viele Propagandamedien prominent über ein Ranking: Wissenschaftler der Pädagogischen Universität in Peking listeten chinesische Prominente danach auf, wie sie ihrer "gesellschaftlichen Verantwortung" gerecht würden. Schlagzeilen machte die Rangliste vor allem wegen Fan Bingbing: Sie kam - zum Entsetzen ihrer Fans, die darauf hinweisen, dass noch keinerlei Belege für mögliche Vergehen vorliegen - an letzter Stelle. Mit einer Bewertung von null Prozent.

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