Schweiz:Die Frau blutete und litt unter starken Schmerzen

Während der Verhandlung war deutlich geworden, dass sich keiner der vielen anwesenden Grenzwächter die Mühe gemacht hatte, mit der Frau zu sprechen oder ihre gesundheitliche Situation in Augenschein zu nehmen. Die Frau hatte Blutungen und litt, während sie auf einer Holzpritsche in Brig auf den Zug wartete, unter starken Schmerzen, vermutlich sogar ersten Wehen. Der Angeklagte, der als höchster diensthabender Grenzwächter und Teamchef die Verantwortung trug, schaute gegen 15 Uhr kurz in die Zelle, unternahm aber nichts. Der Ehemann sagte dem Grenzwächter schließlich, er werde ihn verantwortlich machen, wenn seiner Frau und dem ungeborenen Kind etwas passiere. Der Angeklagte hatte daraufhin erwidert, er allein sei verantwortlich, wenn er seine Frau auf eine solche Reise nehme.

Als diese Sätze am Donnerstag wiederholt wurden, ging ein Raunen durch den Saal. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Grenzwächter erhebliche Gefahren für das ungeborene Kind in Kauf genommen hatte. Zudem habe er nichts gegen die Schmerzen der Frau unternommen - was als fahrlässige Körperverletzung gewertet wurde. Des Weiteren wurde der Grenzwächter wegen Nichtbefolgen der Dienstvorschrift zu einer Geldstrafe von 9000 Franken (7700 Euro) verurteilt. Die Beweggründe des Angeklagten überzeugten das Gericht nicht. Er habe den Transport nach Italien nicht verzögern wollen und zudem nicht gewusst, wo er die Frau und ihre Verwandten unterbringen solle, hatte er zur Protokoll gegeben.

"Es hätte eines einzigen Anrufs bedurft"

Nachdem der Zug den Bahnhof Brig verlassen hatte, telefonierte der Angeklagte nach Domodossola und informierte die Kollegen, dass eine schwangere Frau mit medizinischen Problemen im Zug sitze. Kurz darauf beendete er pünktlich seinen Dienst. Um 17.12 Uhr kam der Zug in Domodossola an. Um 18.30 Uhr konnten bei der Untersuchung im Spital keine Lebenszeichen mehr festgestellt werden. Um kurz nach 21 Uhr kam das Mädchen tot zur Welt.

Der Militärrichter in Bern machte deutlich, für wie groß er die Versäumnisse des Angeklagten hält. Spätestens als der Mann gesehen hatte, dass die schwangere Frau nicht mehr laufen konnte und zum Zug getragen werden musste, hätte "auch dem medizinischen Laien" klar sein müssen, dass die Lage ernst war. In der näheren Umgebung des Bahnhofs Brig gibt es zahlreiche Arztpraxen und Notdienste. Der Richter schaute den Angeklagten lange an - und sagte dann: "Es hätte lediglich eines einzigen Anrufs bedurft."

Heute arbeitet der Angeklagte in der Zollfahndung. Wie es mit ihm im Grenzwachtkorps weiter geht, steht nicht fest. Bei einer Bewährungsstrafe spricht wenig dagegen, dass er weiter arbeiten kann. Beide Seiten behalten sich die Möglichkeit vor, das Urteil anzufechten. Für mögliche Entschädigungen muss nicht der Grenzwächter, sondern das Land aufkommen.

© SZ vom 08.12.2017/spes
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