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Polizei-Drama in Schweden:25 Kugeln auf das falsche Ziel

Ein geistig behinderter Mann mit Spielzeugpistole wird von der Polizei erschossen, weil die ihn für einen Verbrecher hält. Nun ist der Prozess zu Ende und die Gesellschaft fragt sich: Werden die Beamten falsch trainiert?

Eine Verkettung unglücklicher Umstände: Welcher Satz könnte besser auf die Geschichte von Eric Torell passen als dieser. Was wäre, wenn auch nur eines der Glieder in dieser Kette gefehlt hätte? Wenn zum Beispiel die Türe der Wohnung nicht offen, sondern verschlossen gewesen wäre. Wenn die Mutter die Spielzeugpistole unterm Bett weggeräumt hätte, die der Sohn als Fünfjähriger geschenkt bekommen hatte. Wenn das IT-System der Polizei nicht versagt hätte bei der Nachfrage nach einem Verdächtigen. Wenn die beiden Männer, die sich kurz vor der Schießerei zufällig auf der Straße begegneten, realisiert hätten, dass sie ein und dieselbe Person suchten: der Polizeibeamte einen vermeintlich hochgefährlichen Kriminellen und der Vater seinen ausgebüxten Sohn.

Wäre Eric Torell dann noch am Leben? Torell war ein Zwanzigjähriger mit Down-Syndrom und dem geistigen Fassungsvermögen eines dreijährigen Kindes, auf den in der Nacht zum 2. August 2018 um sieben Minuten nach vier Uhr drei herbeigerufene Beamte der Stockholmer Polizei das Feuer eröffneten. Sie schossen 25 Mal, auf einen geistig behinderten jungen Mann mit einer Spielzeugpistole. Drei Schüsse trafen, zwei waren tödlich.

In jener Nacht zum lief alles schief, was schieflaufen konnte. Es ist eine Geschichte, die keine Helden kennt und keine Bösewichte, sondern, wie die Mutter des Getöteten sagt, nur Verlierer. Die Geschichte des Eric Torell ist eine, die Schweden aufwühlte, im vergangenen Sommer - und nun, in den vergangenen Wochen noch einmal, da ein Stockholmer Gericht sich daran machte, die Geschehnisse jener Nacht aufzurollen, auf der Suche nach Schuldigen, die am Ende wohl ergebnislos bleiben musste. Es bleiben unbeantwortete Fragen, vor allem nach der Rolle der Polizei und der Ausbildung der Beamten. "Einen der bemerkenswertesten Gerichtsprozesse in der modernen Zeit", hieß es im schwedischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen SVT.

Passanten melden einen Mann mit einer "riesigen Waffe"

Es war Sommer, es war heiß in jener Augustnacht. Eric Torell wachte auf in den frühen Morgenstunden, stand auf und verließ das Appartement seiner Eltern. Aus der Spielzeugkiste unterm Bett hatte er die Plastikwaffe hervorgeholt und mitgenommen, mit der ihn die Eltern schon 15 Jahre nicht mehr spielen hatten sehen. "Räuber und Gendarm", wird seine Mutter später erzählen, sei früher eines seiner Lieblingsspiele gewesen. Passanten alarmieren kurz darauf die Polizei: Ein Mann mit einer "riesigen Waffe" treibe sich auf den Straßen herum.

Drei Beamte machen sich auf den Weg. Die eine seit sieben Jahren im Polizeidienst, inzwischen nurmehr in Teilzeit. Der zweite erst seit etwas mehr als sechs Monaten im Einsatz. Der dritte ganz frisch, erst seit einem Monat bei der Polizei. Alle drei ausgebildet in der Zeit nach 2011, als die schwedische Polizei ihr Ausbildungskonzept an die damalige Situation angepasst hatte: Terroristen waren die neue Bedrohung, potenziell tödliche Täter schnell auszuschalten, war mit einem Mal wichtiger als früher, als Verhandlungen und Abwarten wichtiger Teil der Polizeitaktik waren.

"Wenn wir auf jemanden treffen, der eine Schusswaffe trägt, dann schießen wir, um die Bedrohung auszuschalten", sagte ein Polizeibeamter der Zeitung Dagens Nyheter nach jener Nacht: "Und das geht nicht, indem du ihn ins Bein schießt. Wir zielen auf die Brust, das trainieren wir." Die meisten Beamten hielten das neue Training für gut und notwendig, sagte der Polizist. "Aber das Risiko ist, dass wir anfangen, jeden unserer Einsätze so extrem und gefährlich zu empfinden wie die Übungen."

Die Zahl der tödlichen Schießereien hat stark zugenommen

Schweden ist noch immer ein relativ sicheres Land, doch die Zahl der tödlichen Schießereien hat stark zugenommen, nicht zuletzt wegen der Bandenkriminalität im Land. Rufe nach einem harten Vorgehen der Polizei werden von Jahr zu Jahr quer durch die politischen Lager lauter. Und während Polizeikugeln vor einem Jahrzehnt noch einen Menschen pro Jahr das Leben kosteten, so waren es zwischen 2012 und 2018 im Durchschnitt schon drei Mal so viele.

Bevor die drei Polizisten losfuhren in jener Augustnacht, befragten sie das Computersystem der Polizei nach möglichen Gewalttätern in der fraglichen Nachbarschaft. Das System spuckte einen Lars Bergström aus: ein mehrfach Verurteilter, der zuletzt seine Freundin und auch Polizeibeamte mit Schusswaffen und einer Bombe bedroht hatte. Was das System den Beamten nicht sagte: Bergström saß in jener Nacht an einem anderen Ort im Gefängnis und wartete auf seinen Prozess.

Die Beamten sahen Eric Torell, im Halbdunkel sehen sie seine Waffe. Sie glaubten, Bergström vor sich zu haben und riefen, er solle die Waffe niederlegen. Der so Angesprochene antwortete nicht, drehte sich um und ging auf sie zu. Er hob die Waffe, sie dachten, er ziele auf die Kollegin. "Ich war überrascht", sagte einer der Beamten vor Gericht: "Ich hatte Angst". Dann schossen sie. 22 Mal daneben. Drei Schüsse trafen. Eric Torell starb, während sie auf Verstärkung warteten.

"Ich hoffe, die Polizei lernt daraus", sagt die Mutter

Die drei Beamten standen vor Gericht, ihr Verteidiger sagte, sie hätten sich bedroht gefühlt und geglaubt, sich nur selbst zu verteidigen. Das Gericht folgte den Argumenten ihrer Anwälte: Am Donnerstag wurden die Polizisten frei gesprochen. Es war eine Entscheidung, die so erwartet wurde und im Allgemeinen auf Verständnis traf. "Vielleicht ist das Urteil eine Erinnerung daran, dass die Welt nicht schwarzweiß ist, sondern grau", schrieb der Kommentator auf der SVT-Webseite. "Hier ist eine Tragödie geschehen, die alle Beteiligten, auch die Polizisten, wohl ihr ganzes Leben mit sich herumtragen werden."

Auch die Mutter des Getöteten, Katarina Söderberg, zeigte keine Bitterkeit gegenüber den Polizeibeamten. "Aber es ist so viel schief gelaufen, dass ich noch immer nicht verstehe", sagte sie nach dem Urteil. "Ich hoffe, die Polizei lernt daraus." Einem Reporter von Dagens Nyheter hatte sie über ihren Sohn gesagt: "Er wollte nur spielen". Daher habe sie den Prozess auch als Chance empfunden, das Bild ihres Sohnes gerade zu rücken, den die Polizei als groß und bedrohlich dargestellt habe.