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Architektur:Eine goldene Brücke für Stockholm

New Slussen

Die Guldbron wurde vom Büro des britischen Architekten Norman Foster entworfen, der einst dem Berliner Reichstag seine Kuppel aufsetzte.

(Foto: Foster & Partners)

Das Bauwerk soll Stockholms Altstadt mit dem Viertel Södermalm verbinden. Hergestellt wurde der Steg in China und mit dem Schiff in einem Stück transportiert - nicht gerade ein sauberes Bauwerk.

Guldbron, die Goldene Brücke. Etwas Magisches habe sie an sich, schrieb der Kommentator des Boulevardblattes Aftonbladet: Du weißt, es gibt sie, und du weißt, sie wird das Gesicht deiner Stadt für ein Jahrhundert und länger verwandeln. Aber du siehst sie nicht. "Unwirklich", empfindet auch Eva Rosman, die Sprecherin des Projektes, die letzten Stunden bis zur Ankunft der Brücke: "So lange haben wir daran gearbeitet, davon geträumt." Kaum ein Schwede hat die Brücke bis diesen Mittwoch je zu Gesicht bekommen. Dabei ist sie von einigem Gewicht, 3700 Tonnen schwer und 139 Meter lang dazu. Und die Stockholmer haben jahrelang gestritten um sie. Vor allem deshalb: Weil sie in der Ferne gebaut wurde, am anderen Ende der Welt.

Die Goldene Brücke, das Bauwerk, das zum neuen Wahrzeichen der schwedischen Hauptstadt werden soll, ist made in China. An diesem Mittwoch nun, etwa um 14 Uhr, soll die Zhen Hua 33 endlich einlaufen in Stockholm, ein Schiff, das selbst ein kleines Wunderwerk ist: in der Lage, ein solch stählernes Monster wie die Goldene Brücke in einem Stück um die Welt zu transportieren.

Am 2. Januar waren Schiff und Brücke an der Küste Südchinas losgetuckert: um die Südspitze Indiens, durch den Suezkanal, übers Mittelmeer, weiter über den Channel und schließlich durch die Ostsee. Stürme hatten die Fahrt immer wieder aufgehalten und den Ingenieuren in Stockholm manch unruhige Stunde beschert. Eva Rosman sagt, sie schaue jede Stunde ein paar Mal auf ihrem Handy nach der aktuellen Position des Schiffes, das sich langsam, ganz langsam Stockholm nähert. "Ich bin wie besessen", sagt sie.

Die Goldene Brücke soll ins Zentrum von Stockholm gebaut, sie wird die Altstadt verbinden mit dem Stadtteil Södermalm. Slussen heißt die Gegend, benannt nach der alten Schleuse zwischen Mälarsee und Ostseewasser, die gleichzeitig einer der größten Verkehrsknotenpunkte der Stadt ist: 450 000 Menschen kommen hier tagtäglich durch, mit dem Auto, dem Bus, der Metro, dem Fahrrad, zu Fuß. 80 Jahre alt waren Schleusen, Brücke und Straßen, als der Stadtrat 2013 einen kompletten Neubau beschloss.

Protest von Abba-Mitglied Benny

Lautstarke Proteste von Denkmalschützern und Kulturpromis wie Abba-Mitgründer Benny Andersson, denen die Pläne der Stadt und des Architekturbüros Norman Foster zu geschichtsvergessen waren, verhallten damals ungehört. Seither wird Stockholm hier am offenen Herzen operiert.

Die Brücke ist nur ein Puzzleteil in der Großbaustelle, aber sie ist wohl das prominenteste. Stahl statt Beton habe man gewählt, um sie filigraner wirken zu lassen, sagt Eva Rosman, die Sprecherin des Slussen-Projekts. Und mit der goldenen Farbe wolle man zweierlei erreichen: Aus der Ferne soll die Brücke gleich ins Auge fallen. "Wenn du dich ihr aber näherst, dann nimmt sie die warmen Gelbtöne der Fassaden von Altstadt und Södermalm auf."

New Slussen

Kaum ein Schwede hat die Brücke bis diesen Mittwoch je zu Gesicht bekommen.

(Foto: Foster & Partners)

Auf Kritik in der Öffentlichkeit traf vor allem, dass ausgerechnet China als Produktionsstandort gewählt wurde. Da brüste sich Stockholm ständig mit seiner fortschrittlichen Klimapolitik, schrieb die Zeitung Aftonbladet, und lasse gleichzeitig ein 3700-Tonnen-Monster von China aus um die Welt verschiffen. Das Schwedische Umweltforschungsinstitut IVL errechnete eine CO₂-Belastung, die in etwa 3000 Flügen von Stockholm nach New York entspreche. Eva Rosman sagt, auch bei einem Bau in Europa hätte man den Stahl vielleicht von weither importiert. "Und die Brücke soll 120 Jahre hier stehen." Auf ein Jahrhundert umgelegt sehe die Rechnung nicht mehr so schlimm aus.

Wenn die Brücke ankommt, beginnt die Feinarbeit. Das chinesische Schiff wird sich selbst ein Stück ins Wasser absenken, die Brücke auf Pontons an ihren Bestimmungsort gezogen. Die Stockholmer sind eingeladen, zuzusehen und mitzufeiern, das schwedische Fernsehen wird mit vier Kameras den ganzen Prozess des Aufbaus begleiten bis in den Herbst, zu sehen alles live als Slow-TV, von den Machern, die den Schweden im vergangenen Frühjahr 450 Stunden lang die große Elchwanderung in die Wohnzimmer brachten. Ein Publikumserfolg.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die Brücke fälschlicherweise in Kopenhagen verortet.

© SZ/nas/cat

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