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Schwarze Bürgerrechtler:Was der wütende Pastor an der Polizei kritisiert - und an Obama

Freddie Haynes, der Pastor von West Friendship, ist überzeugt, dass sich die Dinge verbessern werden, wenn die US-Gesellschaft ernsthaft über die Rassenfrage und strukturelle Benachteiligung debattiert. Als Haynes auf die Polizeigewalt zu sprechen kommt, redet er sich immer mehr in Rage: "Ich habe die Schnauze voll, von allem die Schnauze voll zu haben. Genug ist genug."

Was in Dallas passiert sei, könne in jeder anderen amerikanischen Stadt auch geschehen. Er sei kein Gegner der Polizei, betont er: "Es geht hier nicht um Hautfarbe. Wir hatten schlechte Erfahrungen mit weißen und mit schwarzen Polizisten. Drei Cops, die für den Tod von Freddie Gray in Baltimore verantwortlich sind, waren schwarz." Es gehe um das System der Straflosigkeit, das korrigiert werden müsse.

Frederick Douglass Haynes III, Pastor in Dallas.

(Foto: AP)

Über Barack Obama, der ebenso wie George W. Bush am Dienstag in Dallas eine Rede halten wird, sagt Haynes: "Mister President, wenn Sie hierher nach Dallas kommen, um der Polizisten zu gedenken, dann müssen Sie auch nach Baton Rouge fahren und nach Minnesota! Sie müssen jeden Ort besuchen, an dem ein schwarzes Leben auf sinnlose Weise geopfert wurde."

Alle verdammen die Tat des Heckenschützen Micah Jones, der einige Zeit in Afghanistan stationiert war. Aber Pastor Haynes ist nicht der Einzige, der eine Mitschuld bei der Gesellschaft sieht. Überall werde gerufen "Unterstützt unsere Soldaten", doch die Kriegsveteranen würden anschließend im Stich gelassen. "Es gibt keine Entschuldigung für diese Tat, aber wir ernten, was wir sähen. Wir sind die gewalttätigste Nation der Welt."

"Extremisten wollen uns töten"

An der Podiumsdiskussion beteiligt sich auch der Aktivist Cory Hughes. Er äußert sich als Einziger kritisch über David Brown, den Polizeichef von Dallas. Sein Bruder Mark war der schwarze Mann mit einem umgehängten Gewehr, der am Donnerstagabend verdächtigt wurde, einer der Attentäter zu sein.

"Mein Bruder und ich erhalten Todesdrohungen und können nicht mehr nach Hause, weil die Polizei Marks Bild veröffentlicht hat. Die ganze Welt lobt den Polizeichef, aber er hat sich bei uns nicht entschuldigt - kein Anruf, keine E-Mail, kein Tweet, nichts", ruft Cory Hughes. Er habe sich in Interviews sehr zurückgehalten, doch in der Kirche könne er seine Emotionen rauslassen: "Extremisten wollen uns töten. Sie stört nicht nur, dass Mark wie alle US-Amerikaner das Recht in Anspruch nahm, ein Gewehr zu tragen. Und sie stört es, wenn ich 'Black Lives Matter' rufe."

Auch Sharay Santora hat sehr viel mit den in Dallas omnipräsenten Medien zu tun: Sie war mit ihren beiden Söhnen auf der Demo, als die Schüsse fielen. Sie erzählte begeistert, dass die Polizisten entweder die Demonstranten schützten oder in Richtung der Gefahr liefen. Sie werde ihre Kinder zu den Gräbern mitnehmen, denn nur Dialog helfe: "Man ist Teil der Lösung oder Teil des Problems."

Seit den Interviews wird Santora mit Anfragen überhäuft und wünscht sich nun konkrete Tipps: "Was kann ich machen, wenn mich Reporter in eine Richtung lenken wollen oder mir Worte in den Mund legen?" Hierauf entgegnet Aktivist Hughes: "Du bist stark und klug. Ich habe dich im TV gesehen und wir alle können von dir lernen."

Der Applaus ist groß, als Santora von einem Erfolg erzählt: Die Mutter einer Bekannten habe sich nach einem TV-Auftritt bei ihr gemeldet. Die Frau habe ihr Leben lang die Republikaner gewählt und sei ein großer Fan von Donald Trump, doch ihre Nachricht war: "Ich dachte bisher, Black Lives Matter sei gegen die Polizei. Nachdem ich dich gesehen habe, weiß ich, dass das falsch ist."

Linktipps:

  • Im Interview mit Jelani Cobb vom New Yorker erklärt die Mitgründerin Alicia Garza, wieso sie damit rechnet, dass die Sicherheitsvorkehrungen bei künftige Proteste verschärft werden.
  • Die Washington Post hat in diesem Artikel viele Aktivisten aus dem ganzen Land befragt - niemand denkt ans Aufgeben.
  • Im Guardian argumentiert Princeton-Professor Keeanga-Yahmahtta Taylor, dass Black Lives Matter nun wichtiger denn sei.
  • Auf der konservativen Website Redstate.com appelliert Leon Wolf an seine mehrheitlich weißen Leser, sich in die Position von Afroamerikanern zu versetzen, wenn sie die Polizei kritisieren.
© SZ.de/feko

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