Schlangen als Haustiere:"Für manche Halter sind die Tiere zu Wegwerfartikeln geworden"

Schlangen als Haustiere: Dieser vier Meter lange Tigerpython wurde in der Hasenheide in Berlin gefunden. Das Tier war aber schon tot.

Dieser vier Meter lange Tigerpython wurde in der Hasenheide in Berlin gefunden. Das Tier war aber schon tot.

(Foto: dpa)

In einem Berliner Park wird ein toter Tigerpython gefunden. Dass Riesenschlangen ausgesetzt werden, kommt immer öfter vor. Ein Reptilienexperte erklärt, warum es vielen Besitzern nicht um Tierliebe geht.

Interview von Jasper Bennink

In der Berliner Hasenheide wurde in der vergangenen Woche der Kadaver eines vier Meter langen Tigerpythons gefunden. Dass Riesenschlangen ausgesetzt werden, kommt derzeit öfter vor. Patrick Boncourt, Biologe und Reptilienexperte beim Deutschen Tierschutzbund, erklärt das Geschäft mit den Tieren und beantwortet die Frage, ob sie in Privathaushalten überhaupt artgerecht gehalten werden können.

SZ: Herr Boncourt, noch ist nicht geklärt, woher der tote Tigerpython kommt. Was spricht dafür, dass das Tier vorher privat gehalten wurde?

Patrick Boncourt: Der Tigerpython ist eine Standardart der privaten Haltung. Bei dem Tier in Berlin haben wir es zusätzlich mit einem Albino-Typ zu tun. Der kommt in der Natur nicht vor und kann nur durch Züchtung erreicht werden. Leider erleben wir es täglich, dass solche Tiere ausgesetzt werden. Gerade in den vergangenen zwei Jahren, in denen die Lebenshaltungskosten gestiegen sind, bekommen Tierheime und wir vom Tierschutzbund deutlich mehr Anrufe von Menschen, die ihre Schlangen und andere Reptilien loswerden möchten.

Warum entscheiden sich Menschen dafür, solche Schlangen zu Hause zu halten?

Zwar gibt es einen kleinen Teil, der die Schlangen zum Artenschutz oder verantwortungsvoll als Haustier hält. Meistens aber sind es Sammler, Züchter und Händler, die sich solche Riesenschlangen anschaffen. Manche besitzen die Tiere, um zu posen oder sie zu sammeln wie Briefmarken. Bei den Züchtern geht es eher um die Herausforderung der Vererbung.

Was heißt das genau?

Einige von ihnen schreiben sich jedes Jahr ein neues Genetikprojekt auf die Fahne und bieten das dann legal auf Reptilienmessen oder im Internet an, um damit Geld zu verdienen. Die emotionale Verbindung zum Tier spielt also oft keine große Rolle mehr, im Vordergrund steht eher, neue, seltene Arten an Tieren zu entwickeln, die viel Umsatz einbringen.

Kann es gelingen, meterlange Schlangen im Privaten artgerecht zu halten?

Klare Antwort: Für Laien ist das Halten von Riesenschlangen wie einem Tigerpython nicht tierschutzgerecht machbar. Im eigenen Wohnzimmer ist es nur mit großem technischem Aufwand möglich, überhaupt die natürlichen Lebensbedingungen für diese Tiere zu schaffen. Da braucht es Wärme- und UV-Lampen, Luftbefeuchter und große Terrarien.

Schlangen als Haustiere: Patrick Boncourt ist stellvertretender Leiter beim Tierschutzzentrum in Weidefeld, einer Einrichtung des Deutschen Tierschutzbundes, und dort verantwortlich für das Reptilienprojekt.

Patrick Boncourt ist stellvertretender Leiter beim Tierschutzzentrum in Weidefeld, einer Einrichtung des Deutschen Tierschutzbundes, und dort verantwortlich für das Reptilienprojekt.

(Foto: privat)

Was ziemlich teuer sein dürfte.

Genau. Noch herausfordernder ist aber die Erfahrung, die man für die Haltung benötigt. Nur mal als Beispiel eine Faustregel aus den Zoos: Ab einer Körperlänge von drei Metern braucht es pro Meter eine Person, um die Schlange festzuhalten und zu transportieren. Auch die medizinische Versorgung oder sonstige Bedürfnisse sind Dinge, über die Privatpersonen im Vorfeld Bescheid wissen müssen.

Warum kommt es immer wieder vor, dass die Schlangen ausgesetzt werden?

Auch da spielt neben den gestiegenen Haltungskosten der Markt eine große Rolle. Gerade der Tigerpython ist dafür ein gutes Beispiel. Vor wenigen Jahren war der Albino-Typ, der in Berlin gefunden wurde, noch 10 000 Euro oder mehr wert. Züchter haben sich dann auf diese Art gestürzt und den Markt innerhalb von zwei, drei, vier Jahren damit geflutet. Heute bekommt man die Albino-Tigerpythons für 50 Euro oder weniger. Wenn die Genetik nicht passt, werden die teilweise sogar verschenkt. Für manche Halter sind die Tiere also uninteressant und inzwischen zu Wegwerfartikeln geworden.

Würde es nutzen, den Handel mit Riesenschlangen zu verbieten?

Da bin ich skeptisch. So würden wir einen Schwarzmarkt aufbauen, der dazu führt, dass Privatpersonen mit den Tieren etwa nicht mehr zum Arzt gehen. Was wir benötigen, sind bundesweit oder europaweit einheitliche Regeln zum Besitz, zur Zucht und zum Handel. Es kann nicht sein, dass sich jeder ohne Kontrollen eine Riesenschlange im Zoohandel oder im Internet kaufen kann.

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