Saudi-Arabien Der Hadsch soll digitaler werden

Intelligente Mülltonnen, Highspeed-Züge, mit dem Avatar nach Mekka: Saudi-Arabien plant mit großem Aufwand die Pilgerfahrt der Zukunft. Über den Hadsch zwischen Tradition und Hypermoderne.

Von Anna Reuß

Geht es nach dem saudi-arabischen Hadsch-Ministerium, wird der Pilger der Zukunft eine transparente 3-D-Identifikationskarte bei sich tragen, mit der er sich am Flughafen ausweisen kann. Von dort aus wird er in einem Hochgeschwindigkeitszug direkt in die heilige Stadt Mekka reisen. Er wird ein personalisiertes Armband tragen, mit dem er zählen kann, wie oft er schon um die Kaaba gekreist ist. Zudem sollen Dolmetsch-Geräte denjenigen Pilgern, deren Muttersprache nicht Arabisch ist, die Kommunikation vor Ort erleichtern.

Noch ist das alles nur eine "ambitionierte Vision für die Zukunft" - zumindest lautet so der Titel des Imagevideos, welches das Ministerium kürzlich veröffentlichte. Darin werden in Hochglanzaufnahmen die Pläne für die große islamische Pilgerfahrt Hadsch beworben, die am Sonntag begonnen hat. Kurz gesagt: Die gesamte Logistik soll digitaler werden, bis 2030 will das Ministerium seine Vision umgesetzt haben. Noch ist allerdings von den Highspeed-Zügen nichts zu sehen, vielmehr kommen Gäste aus aller Welt meist in Bussen in Mekka an, die dann zu Hunderten vor den Toren der Stadt abgestellt werden.

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Mekka wird jedes Jahr zum Schauplatz einer der größten Menschenansammlungen überhaupt. Um diese logistische Herausforderung mit den Möglichkeiten des Internets zu optimieren, veranstaltete die Regierung im Königreich Anfang des Monats einen "Hadsch-Hackathon" für Webentwickler aus mehreren Ländern, um Ideen zu sammeln, wie man die Logistik verbessern kann. Manche sind noch Zukunftsmusik, andere werden jetzt umgesetzt. Die knapp 3000 Teilnehmer des Hackathon sollten etwa darüber sinnieren, wie man der Masse an Müll Herr werden kann. Während des Hadsch fallen in Mekka jeden Tag 4706 Tonnen Abfall an. In diesem Jahr wurden zum ersten Mal Müllcontainer aufgestellt, die per Satellit ein Signal senden, wenn sie voll sind. Und sie dürften öfter mal voll sein. In Mekka leben 1,5 Millionen Menschen, während des Hadsch sind etwa 3,5 Millionen in der Stadt.

Noch immer präsent in den Köpfen vieler ist das Unglück vor drei Jahren

Und die Anforderungen sind gewachsen in den vergangenen Jahrzehnten: Waren es in den Fünfzigerjahren gerade einmal 100 000 Pilger, sind es heute mehr als zwei Millionen. So wird Mekka jedes Jahr überlaufen, von Indonesiern, von Pakistanern und Indern, aus diesen drei Nationen kommen die meisten Menschen. Noch immer präsent in den Köpfen vieler ist das Unglück vor drei Jahren, als es auf der Dschamarat-Brücke zu einer Massenpanik kam, die mehrere Hundert Menschen das Leben kostete.

Doch auch politische Krisen bringen immer wieder Unruhe in das Ritual: Seit der Katar-Krise fühlen sich die Gäste aus dem Emirat diskriminiert, aber auch Iraner und Jemeniten beklagen besondere bürokratische Hürden. In diesem Jahr hatte eine diplomatische Auseinandersetzung zwischen Kanada und dem Königreich dafür gesorgt, dass der Hadsch für kanadische Pilger unter schwierigen Bedingungen begann. Viele hatten bereits lange im Voraus Flüge mit Saudia, der offiziellen Fluggesellschaft des Königreichs, gebucht. Wegen der diplomatischen Krise zwischen beiden Staaten stellte die Airline alle Direktflüge vom 13. August an ein.

Und einmal im Leben sollte jeder Muslim die große Reise nach Mekka gemacht haben. Sie gehört neben dem Bekenntnis, dem Gebet, der Almosensteuer und dem Fasten zu den fünf Säulen des Islam. Bei Temperaturen jenseits der 40 Grad nehmen die Pilger an einer strikten Reihenfolge von Ritualen teil, fünf Tage dauert die Pilgerreise. Zunächst legen die meisten Gläubigen ihre Alltagskleidung ab und hüllen sich in weiße, nahtlose Laken. Während der Wallfahrt dürfen sich die Pilger weder rasieren noch kämmen oder ihre Haare und Nägel schneiden. Die Al-Haram-Moschee, in der mehr als 800 000 Menschen Platz haben und die damit die größte der Welt ist, beherbergt im Innenhof die 15 Meter hohe Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islam. Das würfelförmige Gebäude soll von jedem Teilnehmer sieben Mal entgegen dem Uhrzeigersinn umrundet werden. Es folgt der "Lauf nach Mina", einem Ort östlich von Mekka, wobei dieser Lauf oft in Bussen absolviert wird.

Am Tag darauf steigen die Gläubigen in der Morgendämmerung zum nah gelegenen Berg Arafat, wo der Prophet Mohammed in einer Höhle die ersten Worte des Korans vom Erzengel Gabriel empfangen haben soll. Die Nacht verbringen sie unter freiem Himmel im Nachbarort Muzdalifa. Am Dienstag findet mit dem sogenannten Opferfest der höchste Feiertag in der muslimischen Welt statt. Zum Höhepunkt des Hadsch wird des Propheten Abraham gedacht, der Gott seinen Sohn opfern wollte. Dazu ist es üblich, nach dem Morgengebet ein Tieropfer zu bringen. Tags darauf endet der Hadsch mit einem Ritual, das auf der Dschamarat-Brücke abgehalten wird; die Pilger sollen sieben Steine gegen eine Wand werfen.

Umgerechnet sieben Milliarden Euro Umsatz macht Saudi-Arabien jedes Jahr mit dem Hadsch. In Deutschland zahlen Gläubige für All-inclusive-Angebote bei Reiseagenturen mehrere Tausend Euro. Zwar sind die Pilger für das Königreich lukrative Gäste, dennoch gibt die Regierung Visa nur sehr restriktiv aus. Pro 1000 Einwohner eines Landes wird nur ein Visum ausgestellt. Längst nicht jeder Muslim kann den Hadsch antreten. Aber diejenigen, die kein Geld für die Reise haben oder zu alt und krank sind, können via Handy bei der Pilgerreise zusehen. Vor vier Jahren kam eine App heraus, mit der ein virtueller Rundgang durch die Moschee möglich ist. Auch auf der Plattform "Second Life" können Nutzer mit ihrem Avatar nach Mekka reisen. So können auch Nichtmuslime die heiligste Stätte des Islam aus der Ferne sehen, ihnen ist die Reise nach Mekka und Medina grundsätzlich nicht erlaubt.

Auch in anderen Religionen wird das Zusammenspiel mit neuen Technologien wichtiger. Schon seit Jahren kann man vom Schreibtisch aus per Webcam einen Blick auf die Klagemauer werfen. Buddhistische Tempel nehmen E-Mails entgegen, die Mönche zum Gebet auffordern. Zudem gibt es Apps zum Beichten. Gelehrte aller Glaubensrichtungen sind gespalten, wie man mit der Rolle der Technologie in der Religion umgehen soll. Fürsprecher des digitalen Hadsch sehen eine Möglichkeit, jedem Muslim auf der Welt eine Pilgererfahrung zu ermöglichen. Um auch diejenigen zu erreichen, die sich die Reise nicht leisten können, hat das Hadsch-Ministerium für dieses Jahr Liveübertragungen mit 360-Grad-Videos angekündigt. Konservative Kritiker nehmen hingegen schon Anstoß daran, wenn manch ein Gast in Mekka Selfies während des Rituals aufnimmt.

Früher lasen die Gläubigen Texte in Büchern, um sich auf den Hadsch vorzubereiten. Heute gibt es Youtube-Tutorials und Online-Foren. Und bald vielleicht auch eine App, die Pilgern ohne Arabischkenntnisse simultan übersetzen kann, entwickelt von vier Frauen, die mit dieser Idee den Hackathon gewannen. Oder ein Programm, das Sanitätern mithilfe von Geo-Tracking die Suche nach Verletzten erleichtern soll. Noch ist ja 2018, nicht 2030.

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