Roma in der Slowakei "Der Winter kommt, mein Volk wird frieren."

Der wohl reichste Mann in Lunik ist Dionyz Slepcik, 38 Jahre alt. Er ist der Bürgermeister der Roma-Siedlung, gewählt von den Roma. Die Salesianer sagen, der Bürgermeister sei für nichts wirklich zuständig. Aber er bezieht ein Gehalt von 2500 Euro und fährt einen weißen Geländewagen.

Dionyz Slepcik ist der Bürgermeister der Siedlung. Er sagt, er könne nachts nicht schlafen: "Der Winter kommt, mein Volk wird frieren."

(Foto: oh)

Slepcik ist ansprechbar. Er nimmt seine Sonnenbrille ab und stellt sich breitbeinig vor seinem Amtssitz auf, einem zerbröckelnden sozialistischen Betonklotz mit EU-Fahne. Slepcik sagt, er könne nachts nicht schlafen. "Der Winter kommt, mein Volk wird frieren. Wenn mein Volk leidet, leide ich mit. Manchmal habe ich psychische Tiefpunkte." In dem Wald hinter Lunik lebten an die 50 obdachslose Roma, sagt Slepcik, sie seien in den Plattenbauten nicht untergekommen. "Ich hoffe, die EU baut uns bald ordentliche Unterkünfte."

Es leben in der Slowakei rund 380 000 Roma, das sind sieben Prozent der Bevölkerung. Einige haben sich integriert, das heißt sie haben Arbeit und leben in Städten. Im Stadtviertel Šaca, unweit des Stahlwerks von Košice, leben viele solche integrierten Roma. Hier hat der deutsche Theatermacher Matthias Lilienthal zuletzt sein international etabliertes Projekt "X Wohnungen" inszeniert. Dabei wird in Privatwohnungen Theater gespielt, jeweils kurze Stücke, etwa zehn Minuten lang, in denen die Bewohner mitspielen.

In diesen "X-Wohnungen"-Stücken erzählten die integrierten Roma, bei allen biografischen Einzelheiten, im Grunde die immer gleiche Geschichte: Wie schwer es ist, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu sein.

Eine der Familien sang einen Song aus der Sowjetzeit, halb slowakisch, halb Romani: Der Postbote kam, er brachte für mich ein Telegramm. Das Telegramm sagte mir: Er liebt dich nicht mehr. Während ich das las, zupfte ich an meinem Haar. Geh weg, Zigeuner. Ich liebe dich nicht.

"Was sagst du da, Tochter?"

Dusan, 45 Jahre alt, der Familienvater, der Gitarre spielte, arbeitet im Stahlwerk. Er hat keine Chance, dort Karriere zu machen. Abteilungsleiter im Werk seien alle "weiß". Unter den Kommunisten sei das anders gewesen, sagt Dusan, da sei keiner diskriminiert worden. Auch sein Sohn Adrian arbeitet im Stahlwerk, fünf Tage die Woche für 400 Euro. Weil Adrian keine Karriere machen kann, will er auswandern.

Was hält diese Familie von Lunik 9? Vater Dušan sagt: "Die Roma dort können doch nichts für ihre Lage, sie haben keine Arbeit, sie werden ausgegrenzt."

Seine Tochter Tatjana fällt ihm ins Wort: "Komm Papa, ehrlich: Diese Menschen wollen doch einfach nicht besser leben. Es ist ihre Mentalität."

"Was sagst du da, Tochter?" Dusan schüttelt den Kopf. Aber er mag nicht diskutieren. Er bietet Tee an.