Kindesraub in Spanien Verjährtes Unrecht: Der Fall des Dr. Vela

Ines Madrigal am Montag nach der Urteilsverkündung vor dem Gerichtsgebäude in Madrid.

(Foto: Manu Fernandez/AP)
  • Im ersten Prozess um einen jahrzehntelangen organisierten Kindesraub während der Franco-Diktatur ist der Angeklagte schuldig gesprochen worden.
  • Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der heute 85-jährige Eduardo Vela die Geburtsurkunde der heute 49-jährige Klägerin, Inés Madrigal, gefälscht hatte.
  • Anschließend habe er das Kind illegalerweise regimetreuen Adoptiveltern übergeben.
  • Der Angeklagte muss jedoch nicht in Haft, da die Taten inzwischen verjährt sind.
Von Thomas Urban, Madrid

Dem 85-jährigen Eduardo Vela bleibt das Gefängnis erspart. Die Staatsanwaltschaft hatte elf Jahre für ihn gefordert, weil er als Krankenhausarzt vor fast einem halben Jahrhundert mindestens drei neugeborene Säuglinge den Müttern weggenommen und sie an kinderlose Ehepaare übergeben haben soll. Das Provinzgericht in Madrid sah nun die Schuld des Arztes im Ruhestand als erwiesen an, stellte aber gleichzeitig fest, dass die Taten verjährt seien. Der Prozess hatte großes Aufsehen erregt, weil die Wegnahme von neugeborenen Kindern offenbar während der Franco-Diktatur (1939-1975) von den Behörden gebilligt wurde.

Es war Teil des des auch mit perfiden Mitteln geführten ideologischen Kampfes: Die leiblichen Eltern galten als "politisch nicht zuverlässig", weil sie etwa der Sympathie für verbotene linke Gruppierungen verdächtigt wurden oder die Mütter ledig waren und als "gefallene Mädchen" verunglimpft wurden. Die Adoptiveltern hingegen waren durchweg streng katholisch und sollten die Kinder auch in diesem Geist erziehen. In mehreren nachgewiesenen Fällen waren Nonnen an dem Kinderraub beteiligt. In vielen, möglicherweise den meisten Fällen, sind die kinderlosen Ehepaare wohl im Glauben gelassen worden, dass die Mütter entweder bei der Geburt gestorben seien oder die Kinder zur Adoption freigegeben hätten.

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Den Fall des Dr. Vela hatte die heute 49-jährige Inés Madrigal ins Rollen gebracht. Ihre Mutter hatte ihr zum 18. Geburtstag eröffnet, dass sie ein Adoptivkind sei. Sie berichtete in spanischen Medien, wie schockiert sie zunächst gewesen sei; doch habe sie als Kind und Jugendliche zu Hause Liebe und Fürsorge erfahren, das Verhältnis zu ihrer Adoptivmutter blieb innig.

Die Frauen gingen dem Fall gemeinsam auf den Grund. Ansatzpunkt ihrer Recherchen war die Klinik San Ramón in Madrid, in der das Mädchen geboren wurde. Dort hatte die Adoptivmutter seinerzeit gearbeitet - und das Krankenhauspersonal wusste, dass sie ein Baby haben möchte, aber offenbar keines bekommen konnte. Eines Tages habe ihr ein Arzt ein wenige Tage altes Mädchen in den Arm gedrückt und dazu gesagt: "Hier hast du dein Kind, nimm es als Geschenk an!" Sie habe damals geglaubt, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Dass es auch im Spanien Francos ein juristisches Adoptionsverfahren gab, das mindestens sechs Monate dauerte, habe sie nicht gewusst.

An den Namen des Arztes konnte sie sich allerdings nicht erinnern. Bei der Recherche mussten die beiden Frauen hohe Hürden überwinden. Denn die Klinik San Ramón bestand nicht mehr. Mehrere Jahre mussten sie kämpfen, um Archivmaterialien zu finden und Akteneinsicht zu bekommen. Zunächst stellten sie fest, dass die Geburtsscheine von 1969 zwanzig Jahre später verbrannt worden waren - entsprechen den Vorschriften. Doch beim weiteren Suchen entdeckten sie doch noch ein Geburtenregister. Neben dem Eintrag zu Inés stand die Unterschrift von Dr. Eduardo Vela.

Diesen Hinweis legten Mutter und Adopitvtochter der Staatsanwaltschaft vor, doch dieser reichten die Beweise nicht, um gegen den Arzt ein Verfahren einzuleiten. Um ein solches doch noch zu erzwingen, verständigten sich die beiden Frauen auf eine List: Die Tochter stellte Strafanzeige gegen die Adoptivmutter. So mussten sich die Untersuchungsbehörden auch zwangsläufig mit Vela befassen. Dieser erklärte nun dem Gericht, dass es sich bei seiner Unterschrift auf dem Geburtenregister um eine Fälschung handele. Doch die Richter schenkten ihm keinen Glauben. Denn sein Name taucht noch in weiteren Fällen auf. Dies hat die von Betroffenen gegründete Gesellschaft "Geraubte Babys" (Bebés robados) dokumentiert. Manches spricht dafür, dass Vela nach dem Ende des Franco-Regimes einfach weiter machte, für Geld, viel Geld. Und er war nicht der einzige.

Es gab offenbar bis in die neunziger Jahre an manchen Krankenhäusern einen illegalen und lukrativen Handel mit Säuglingen. Es sind Fälle zu Protokoll gegeben worden, bei denen Müttern kurz nach der Entbindung tote Säuglinge gezeigt worden sind mit der Behauptung, es handele sich um das Neugeborene der Frauen. In einem Krankenhaus wurde in einer Tiefkühltruhe sogar ein Baby-Leichnam für diese Zwecke bereitgehalten.

Der Fall des Dr. Vela war keineswegs der erste, der die spanische Justiz beschäftigte: Vor fünf Jahren machte die Nonne María Gómez Valbuena vom Orden der "Töchter der Barmherzigkeit" Schlagzeilen, ihr wurde die Beteiligung an mehreren Dutzend Fällen vorgeworfen. Bei der Befragung durch den Staatsanwalt erklärte sie: "Ich habe nach den Gesetzen meines Glaubens gehandelt." Ansonsten schwieg sie. Die hochbetagte Nonne starb vor Eröffnung des Hauptverfahrens.

Inés Madrigal zeigte sich befriedigt über das Urteil. Sie hatte als Nebenklägerin, was nach spanischem Recht möglich ist, 13 Jahre Gefängnis für Vela verlangt, aber auch gegenüber den Medien erklärt: "Ich will den alten Mann nicht hinter Gitter bringen." Ein Urteil solle vielmehr ein Signal der Ermunterung sein für alle, die als Säuglinge geraubt worden waren und nun weiterhin nach ihren leiblichen Eltern suchen. Die Gesellschaft "Geraubte Kinder", die eine DNA-Datenbank eingerichtet hat, geht von mindestens 30.000 Fällen aus.

Ihre Adoptivmutter, die ihr bei den Bemühungen der Aufklärung zu Seite stand, ist vor zwei Jahren während des Verfahrens im Alter von 93 Jahren gestorben. Ihre eigenen, leiblichen Eltern hat Inés Madrigal bis heute nicht gefunden.

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