Prozess um Göttinger Transplantationsarzt 150 Patienten weniger auf der überprüften Warteliste

Professor Doktor Tobias Beckurts ist Chefarzt der Chirurgischen Klinik der Augustinerinnen in Köln und Mitglied der Prüfungskommission der Bundesärztekammer, die die Manipulationen am Klinikum Göttingen untersuchte. Er hat selbst jahrelang transplantiert. Und er sieht viele Grenzfälle, wo man transplantieren kann. Aber an einem Punkt kennt er kein Pardon: Ein Alkoholiker muss sechs Monate trocken sein, bevor er für ein neues Organ infrage kommt. "Das hat sonst keinen Sinn, ein Alkoholiker wird sein neues Organ durch Alkohol genauso schädigen wie sein eigenes." Die Karenzzeit habe zudem einen guten Effekt: Manche Leber erholt sich in der Zeit, sodass nicht mehr transplantiert werden muss. Doktor O. hatte zu Beginn des Prozesses eingeräumt, er habe einer Frau eine neue Leber eingepflanzt, die zwei kleine Kinder hatte. Die Frau hatte laut Anklage bis kurz vor der Operation getrunken. Es blieb offen, ob O. auch operiert hätte, wenn er von dem Alkoholmissbrauch gewusst hätte.

Aktenlage Erschreckende Einblicke in unser Gesundheitssystem Video
Prozess um Transplantationsskandal

Erschreckende Einblicke in unser Gesundheitssystem

Hat Dr. O. Blutwerte seiner Patienten manipuliert, damit sie für Spenderorgane bevorzugt wurden? Darum geht es im Transplantations-Prozess, der an diesem Montag in Göttingen fortgeführt wird. SZ-Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger erzählt im Videointerview, wie sie den Angeklagten wahrnimmt und warum der Fall schon jetzt gravierende gesellschaftliche Auswirkungen hat.

Am Dienstag sagte eine Frau aus, die im Auftrag von Doktor O. die Daten in den Computer der Organspendezentrale Eurotransplant eingab. Sie sagte, manchmal sei ihr etwas eigenartig vorgekommen. Dann habe sie bei Doktor O. nachgefragt. Der habe ihr gesagt: "Frau Schmidt, davon verstehen Sie nichts." Einmal habe sie zur Antwort bekommen: "Bleiben Sie entspannt, wir wollen doch Menschen helfen." Doktor O. habe sie und ihren Kollegen immer wieder auflaufen lassen.

Warteliste war nach Überprüfung deutlich kürzer

Nach der Inhaftierung von Doktor O. wurde die Warteliste für Transplantationspatienten im Klinikum Göttingen überprüft. Von den an die 150 Patienten seien viele gestrichen worden, derzeit stünden nur noch 27 Patienten auf der Liste, sagte der Leiter des Transplantationsbüros. Viele Patienten hätten dort nichts zu suchen gehabt.

Einer dieser von der Warteliste genommenen Patienten ist nun gestorben. Und die Verteidigung von Doktor O. hat Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft möge prüfen, ob die Streichung ursächlich war für den Tod und ob es noch mehr Tote gebe. So würde sich der Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft gegen Doktor O. richtet, gegen das Klinikum kehren: dass es den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen habe. Die Staatsanwälte prüfen, halten die Anzeige jedoch für "taktisch motiviert".