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Prozess in Spanien: "Nimm dieses kleine Mädchen als Geschenk an!"

  • Am Dienstag hat in Madrid der Prozess gegen einen 86-jährigen Arzt begonnen.
  • Er war laut Staatsanwaltschaft während der Franco-Diktatur am staatlich organisierten Raub von neugeborenen Säuglingen beteiligt.
  • Die Kinder wurden Adoptiveltern übergeben, die in den Geburtenregistern aber als leibliche Eltern ausgewiesen waren.

Ein Blatt hat Eduardo Vela übersehen, als er vor zwei Jahrzehnten die Dokumente zum Geburtenregister der Klinik San Ramón in Madrid verbrannte. Diese eine unscheinbare Papierseite aus dem Jahr 1969 wurde ihm zum Verhängnis, denn sie belegt sein offenkundig kriminelles Treiben, für das er nun, fast ein halbes Jahrhundert später, vor Gericht steht. Am Dienstag hat in Madrid der Prozess gegen ihn begonnen. Der heute 86 Jahre alte Arzt im Ruhestand war nach Meinung der Staatsanwaltschaft während der Franco-Diktatur (1939-1975) am staatlich organisierten Raub von neugeborenen Säuglingen beteiligt. Den Müttern wurde erklärt, ihr Kind sei leider tot zur Welt gekommen. Die Kinder wurden Adoptiveltern übergeben, die indes in den Geburtenregistern als leibliche Eltern ausgewiesen waren.

Das Dokument, auf das sich die Anklage stützt, trägt Dr. Velas Unterschrift. Es weist aus, dass eine damals 46-jährige Frau eine gesunde Tochter zur Welt gebracht habe. Diese Tochter mit dem Namen Inés Madrigal hat den Fall ins Rollen gebracht. Sie wurde nämlich von ihrer vermeintlichen Mutter zum 18. Geburtstag aufgeklärt, dass sie ein Adoptivkind sei. Nach dem ersten Schock entschloss sie sich, nach ihrer leiblichen Mutter zu forschen, wobei die Adoptivmutter half. Von dieser stammte der entscheidende Hinweis auf die Klinik San Ramón. Sie gab später zu Protokoll: "Mir wurde gesagt, dass die Mutter das neugeborene Mädchen nicht annehmen will." Dass damals eine Adoption ein Verwaltungsakt war, der mindestens sechs Monate dauerte und mehrere Gutachten erforderte, habe sie nicht gewusst. "Ich habe dem Arzt und den Nonnen im Krankenhaus geglaubt, dass alles seine Ordnung habe." Der Arzt - vermutlich war es Dr. Vela - habe ihr gesagt: "Nimm dieses kleine Mädchen als Geschenk an!"

Dem von den Behörden genehmigten Kindesraub lagen ideologische Motive zugrunde: "Sündigen Müttern" sollten die Kinder weggenommen werden, damit diese durch fromme und dem Regime genehme Adoptiveltern eine gute christliche Erziehung bekommen. Als sündig galten nicht nur "gefallene Mädchen", alle ledigen Mütter, sondern auch Frauen aus dem linken politischen Milieu, das unter Franco blutig verfolgt wurde: Aktivistinnen der verbotenen sozialistischen und kommunistischen Gruppierungen oder die Ehefrauen von Aktivisten.

Diese Zwangsadoptionen verstießen zwar auch zur Zeit der Franco-Diktatur gegen das Gesetz, deshalb wurden die Vorgänge geheim gehalten, nur wenige Beamte wussten davon; inwieweit höhere Kreise der katholischen Kirche eingeweiht waren, darüber können Historiker nur spekulieren. So wie es zur Gesamtzahl der betroffenen Säuglinge nur grobe Schätzungen gibt, sie reichen von 30 000 bis 300 000. Sicher ist, dass mit dem Tod Francos 1975 keineswegs Schluss war, es wurden Fälle noch von Anfang der Neunzigerjahre nachgewiesen. Mehrere Ärzte hatten offenbar ein Geschäftsmodell aus der Praxis der Franco-Zeit gemacht: Sie vergaben die Säuglinge an zahlungskräftige Ehepaare, deren Kinderwunsch unerfüllt geblieben war. Ein Baby kostete ungefähr so viel wie ein Kleinwagen.

"Ich habe nach den Gesetzen meines Glaubens gehandelt"

Großen Anteil an der Aufklärung hat der Verband der Betroffenen, "SOS Bebés robados" (geraubte Babys). Dort haben sich mehr als 400 Spanier zusammengeschlossen, die von Adoptiveltern großgezogen worden sind. "SOS Bebés robados" hat mittlerweile die Daten und auch Zeugenaussagen von mehr als 2000 Menschen gesammelt und überdies eine DNA-Datenbank eingerichtet. Die Berichte von Adoptivmüttern, die zur Aussage bereit waren, zeugen von einer weit verbreiteten makabren Praxis: Den unliebsamen Müttern, die frisch entbunden hatten, wurde ein toter Säugling gezeigt. Ein Madrider Krankenhaus bewahrte zu diesem Zweck ein tot geborenes Kind in einer Kühltruhe auf, bei Bedarf wurde der kleine kalte Körper herausgeholt.

Dr. Vela ist keineswegs der Erste, dem deshalb der Prozess gemacht wird: Vor fünf Jahren machte die Untersuchung gegen die Nonne María Gómez Valbuena vom Orden der "Töchter der Barmherzigkeit" Schlagzeilen, sie soll an Dutzenden Fällen beteiligt gewesen sein. In einer ersten Anhörung erklärte sie: "Ich habe nach den Gesetzen meines Glaubens gehandelt." Ansonsten schwieg sie. Die greise Ordensfrau starb, bevor das Hauptverfahren eröffnet wurde.

Die Aufarbeitung ist überaus schwierig, denn als das Thema vor zwei Jahrzehnten erstmals groß durch die Medien ging, haben viele Krankenhäuser offenbar schnell ihre Archive gesäubert. So auch die Klinik San Ramón, in der Dr. Vela diese Aufgabe übernahm, dabei aber nicht gründlich genug vorging. Ihm drohen im Falle eines Schuldspruchs elf Jahre Gefängnis wegen Urkundenfälschung, Falschaussage und Beihilfe zum Kindesentzug. Vela selbst bestreitet jede Beteiligung daran: "Ich habe niemandem irgendein kleines Mädchen geschenkt." Auch verbinde er nichts mit dem Familiennamen Madrigal.

Inés Madrigal hatte Glück: Sie konnte ihre leiblichen Eltern ausfindig machen, sie versteht sich mit ihnen und ihren drei Geschwistern, von denen sie als erwachsene Frau erfuhr, sehr gut. Auch blieben die Bande zu ihrer Adoptivmutter bestehen, die, davon ist Inés Madrigal überzeugt, in gutem Glauben gehandelt habe.

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