Prozess gegen Ghislaine Maxwell:Der Beginn eines Albtraums

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Maxwell-Prozess

In dieser Skizze aus dem Gerichtssaal nimmt Ghislaine Maxwells Verteidigerin Laura Menninger (links) die Zeugin "Jane" ins Kreuzverhör.

(Foto: Elizabeth Williams/dpa)

Die erste Hauptzeugin hat gegen Jeffrey Epsteins ehemalige Partnerin Ghislaine Maxwell ausgesagt. Die Frau nennt sich vor Gericht "Jane". Sie berichtet von sexuellen Übergriffen, als sie erst 14 Jahre alt war.

Von Christian Zaschke, New York

Am zweiten Tag des Prozesses gegen Ghislaine Maxwell sagte das erste mutmaßliche Opfer aus. Der Name der Frau ist dem Gericht und den Anwälten, nicht aber der Öffentlichkeit bekannt. Im Gericht trat sie am Dienstag unter dem Pseudonym "Jane" auf. Jane schilderte, dass sie im Jahr 1994 im Alter von 14 Jahren vom Millionär Jeffrey Epstein sexuell missbraucht worden sei und dass Maxwell eine wesentliche Rolle in der Anbahnung dieses Missbrauchs gespielt habe.

Maxwell muss sich in dem Verfahren in New York gegen den Vorwurf verteidigen, Epstein zwischen 1994 und 2004 minderjährige Mädchen zugeführt zu haben, auf dass dieser sich sexuell an ihnen vergehe. Sie streitet die Vorwürfe ab.

Die Staatsanwaltschaft wird in den kommenden Wochen vier Zeuginnen präsentieren, die alle angeben, als Minderjährige von Epstein missbraucht worden zu sein, und dass Maxwell dabei eine aktive Rolle spielte. Wie die Verteidigung diese Aussagen unterminieren will, war am Dienstag erstmals zu beobachten.

Maxwells Anwältin Bobbi Sternheim ging auf Janes Vorwürfe im Detail nicht ein. Sie wies darauf hin, dass die Zeugin als Erwachsene als Schauspielerin und Sängerin gearbeitet habe. Sie habe in Filmen gespielt, in Sitcoms und in Werbefilmen. Aktuell spiele sie in einer Soap Opera im Fernsehen. "Sie ist ein Profi darin, Rollen zu spielen", sagte Sternheim.

Die Verteidigung argumentierte, Jane habe bis 2019 keinerlei Interesse an einer Strafverfolgung Epsteins gezeigt. Im August jenes Jahres war Epstein erhängt in der Zelle eines Gefängnisses in Manhattan gefunden worden, nachdem er einen Monat zuvor wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger festgenommen worden war. Jane, so die Verteidigung, spekuliere nun darauf, eine Entschädigung in Millionenhöhe aus dem Fonds zu erhalten, der für die Opfer Epsteins eingerichtet wurde. "Als das Geld da war, hat sie ihre Meinung geändert", sagte Sternheim.

Eine ähnliche Strategie hatte auch die Verteidigung des vormaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein versucht, der im vergangenen Jahr in New York wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung verurteilt worden war. Seine Opfer waren größtenteils Schauspielerinnen. Die Verteidigung wies ausführlich darauf hin, dass die Zeuginnen beruflich Rollen spielten. Die Jury überzeugte das nicht. Weinstein wurde zu 23 Jahren Haft verurteilt, es war ein Urteil, das als wegweisend gilt.

Ein Albtraum, der viele Jahre lang dauern sollte

Jane erzählte am Dienstag im Gericht, dass sie im Jahr 1994 in einem Camp für begabte Kinder in Michigan gewesen sei. Sie habe an einem Picknick-Tisch gesessen, als ein Mann und eine Frau vorbeispaziert seien: Es habe sich um Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell gehandelt. Epstein habe erzählt, dass er begabte Kinder fördere. Im Verlauf des Gesprächs sei klar geworden, dass sowohl Epstein und Maxwell als auch Jane in Palm Beach in Florida wohnten. Man habe Telefonnummern ausgetauscht. Staatsanwältin Pomerantz sagte: "Was Jane nicht wusste, war die Tatsache, dass dieses Treffen der Beginn eines Albtraums war, der viele Jahre lang dauern sollte."

Der Zeugin zufolge habe Maxwell sich als eine Art große Schwester gegeben. Maxwell war damals Anfang 30. Epstein habe mit ihr über ihre Zukunft geredet, er habe ihr verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt. Er könne sie bei Talent-Agenturen vorstellen, habe er zum Beispiel gesagt. Die Beiden, Epstein und Maxwell, hätten sie mehrmals in Florida getroffen, zum Beispiel seien sie mit ihr ins Kino gegangen. Das Anwesen Epsteins in Florida habe Jane laut ihrer Aussage zu dieser Zeit einmal pro Woche besucht.

Eines Tages habe Epstein sie mit zum Poolhaus des Anwesens genommen. Er habe sich auf eine Couch gesetzt, seine Jogginghose runtergezogen und sie auf sich gezogen, während er masturbierte. "Ich erstarrte vor Angst", sagte Jane am Dienstag vor Gericht, "ich hatte noch nie einen Penis gesehen."

Die Verteidigung versucht, diese Schilderungen als Fiktion abzutun. In Epsteins Haus in Palm Beach sei über Musik und über die schönen Künste gesprochen worden. Nichts Falsches, nichts Schlechtes sei passiert.

Die Staatsanwaltschaft sagte hingegen am Dienstag: "Dieser Mann und diese Frau hatten es auf sie abgesehen."

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