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Mysteriöse Post:Sesam, öffne dich nicht

Packages of unidentified seeds which appear to have been mailed from China to U.S. postal addresses are seen at the WSDA in Olympia

Diese Päckchen mit Samen unbekannter Herkunft werden im Washington State Department of Agriculture (WSDA) in Olympia, Washington, untersucht.

(Foto: WSDA/Reuters)

Weltweit bekommen Menschen Päckchen mit Pflanzensamen zugeschickt, Absender unbekannt. Die Behörden stehen vor einem Rätsel und raten vorsichtshalber: Bitte nicht einpflanzen!

Von Moritz Geier

Das Rätsel kommt per Post, und es kommt in allerlei Formen: Mal sind es runde braune Pflanzensamen, mal flache weiße, mal kleine schwarze. Immer stecken sie in kleinen Plastiktüten, fein säuberlich verpackt, immer in Postsendungen unbekannten Absenders, mal aus China, mal aus Singapur, Taiwan oder anderen Ländern.

Weltweit bekommen Menschen derzeit solche Päckchen, die meisten sind in den USA in den Briefkästen gelandet, Tausende sind es, in verschiedenen Bundesstaaten. Auf SZ-Anfrage bestätigt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auch mindestens zwei Fälle in Deutschland: Eine Frau habe ein Paket mit Samen aus Singapur erhalten und sich an die Behörden gewandt. Die Samen soll nun der Pflanzengesundheitsdienst in Bayern untersuchen. Das zweite Paket stamme angeblich aus Laos.

Was hat es mit den rätselhaften Postsendungen auf sich? Das US-Landwirtschaftsministerium warnt auf seiner Webseite davor, die unbekannten Samen einzupflanzen. Es könne sich, sagte der Landwirtschaftskommissar von Kentucky, Ryan Quarles, in einem Twitter-Video, um invasive Arten handeln, sie könnten unbekannte Pflanzenkrankheiten einschleppen, dem Viehbestand schaden oder die Umwelt gefährden. "Wir haben noch nicht ausreichend Informationen, um zu wissen, ob es sich um einen Scherz handelt, einen Streich, Internetbetrug oder einen landwirtschaftlichen Bioterrorakt."

Bedrohung für die heimische Pflanzenwelt?

Als invasiv werden Pflanzen- oder Tierarten bezeichnet, wenn sie die Eigenschaft haben, sich an neuen Orten stark auszubreiten, und dabei das heimische Ökosystem gefährden, weil sie andere Pflanzen oder Tiere verdrängen und so die biologische Vielfalt angreifen. Ein Beispiel in Deutschland ist der mittlerweile etablierte Götterbaum, der aus China stammt, sich besonders nach dem Zweiten Weltkrieg in deutschen Städten ausbreitete und "Trümmerbaum" genannt wurde. Dem Naturschutzbund Deutschland zufolge sind allein in Deutschland mindestens 168 Tier- und Pflanzenarten bekannt, "die nachweislich negative Auswirkungen haben - oder haben könnten".

Nicht nur deswegen haben die verdächtigen Postsendungen internationale Ermittlungen ausgelöst. Erste Erkenntnis: Rechtliche Bestimmungen für den Warenversand wurden gezielt umgangen, etwa die in der EU geltende Pflanzengesundheitszeugnispflicht, nach der der Pflanzenschutzdienst eines Ursprungslands amtlich bescheinigen muss, dass eine Ware frei von gefährlichen Schadorganismen ist. Auf Päckchen, die in den USA ankamen, fand sich Medienberichten zufolge häufig der Vermerk, es handle sich um Ohrringe oder anderweitige Schmuckgegenstände, in einem der deutschen Fälle war die Versandtasche laut Landwirtschaftsministerium als "zollbefreite Ware" gekennzeichnet.

Die zweite Erkenntnis: Die Samen, die Experten bereits identifiziert haben, sind recht gewöhnlich. Das US-Landwirtschaftsministerium hat 14 Arten erkannt, darunter Senf, Kohl, Hibiskus, Rosen, Minze oder Lavendel.

Eine Betrugsmasche im Internetversandhandel?

Beim US-Landwirtschaftsministerium vermutet man daher eine Straftat, die nichts mit biologischen Schadorganismen zu tun hat: Internetbetrug. Man habe keine Beweise, schreibt die Behörde in einem Statement, dass es hier um etwas anderes gehen könnte als einen "brushing scam", also eine Masche im Internetversandhandel, mit der Verkäufer versuchen, Verkaufszahlen und Bewertungen zu frisieren. Kurz erklärt: Je mehr Bestellungen ein Verkäufer im Internet hat, desto prominenter erscheint er auch bei Suchanfragen auf den Seiten der Versandhändler. Kriminelle täuschen daher Bestellungen vor und schließen diese mit dem Versand meist leerer Pakete und gefälschten Kundenbewertungen ab - der Vorgang geht damit in die Verkaufsstatistik ein.

Zu dieser Theorie könnte passen, dass offenbar eine Vielzahl der betroffenen Paket-Empfänger zuvor Pflanzensamen im Internet bestellt hatte, das ergaben zumindest Ermittlungen im US-Bundesstaat Alabama. Ob die Täter möglicherweise durch ein Datenleck an ihre Adressen gekommen sind, ist unbekannt - genauso wie der Ursprung der Pakete: Wie der Guardian berichtet, stamme zum Beispiel eine Sendung aus Taiwan nicht zwingend wirklich aus Taiwan, sondern einem noch nicht identifizierten Drittland. Und einem Sprecher des chinesischen Außenministeriums zufolge seien auch chinesische Absenderinfos gefälscht.

Indes berichteten lokale US-Medien über einige Pflanzenfreunde, die unbekannte Samen bereits im April erhalten hatten und diese, nichts ahnend, längst eingepflanzt haben. "Sie sind wie verrückt gewachsen", sagte eine Frau aus Arkansas dem Nachrichtensender 5News, die Pflanze habe große weiße Früchte getragen und orange Blüten, ähnlich einer Kürbispflanze. Eine andere Frau aus Texas hatte ihre Samen auch eingepflanzt - gewachsen sei aber bis heute nichts.

© SZ/nas

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