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Oppenau in Baden-Württemberg:"Es wird vermutlich eine lange Suche geben"

Großaufgebot der Polizei in Oppenau

Ein Polizeihubschrauber startet vom Oppenauer Sportplatz.

(Foto: dpa)

Yves R. hat vier Polizisten entwaffnet und ist in den Wald geflohen. Die Einsatzkräfte haben trotzdem alles richtig gemacht, findet der Polizeipräsident - und nennt Details zur Fahndung und dem Flüchtigen.

Von Matthias Kohlmaier

Tag drei in und um Oppenau im Schwarzwald - und die Suche nach dem Flüchtigen Yves R. dauert an. Der 31-Jährige hat am Sonntag vier Polizisten entwaffnet und ist seitdem auf der Flucht. Immerhin ein bisschen Alltag hat sich die Kleinstadt in Baden-Württemberg am Dienstag zurückgeholt: Die Schulen sind wieder geöffnet, nachdem sie montags geschlossen waren. "Der Ort soll wieder zur Normalität zurückfinden", sagte Bürgermeister Uwe Gaiser am Montagabend. Mit der Polizei sei ein Sicherheitskonzept abgestimmt worden. Eltern dürften aber selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken wollten oder nicht.

Ruhig ist es in Oppenau aber natürlich dennoch nicht. Am Dienstag sind immer noch mehr als 200 Polizisten im Einsatz und durchkämmen, unterstützt von Suchhunden und Polizeihubschraubern, die Gegend sowie die umliegenden Wälder. In der Nacht wurde bereits ein Haus im Raum Offenburg überprüft. Es war einer von zahlreichen Hinweisen über einen möglichen Aufenthaltsort des Flüchtigen, dem die Polizei nachgegangen ist. Gefunden haben die Beamten den 31-Jährigen dort jedoch nicht.

"Es wird vermutlich eine lange Suche geben", fürchtet Offenburgs Polizeipräsident Reinhard Renter. Gemeinsam mit dem leitenden Staatsanwalt aus Offenburg, Herwig Schäfer, und Oppenaus Bürgermeister informierte er am Dienstagnachmittag die Öffentlichkeit über Fahndung, Täter - und die Tat, zu der Renter klare Worte fand: "Die vier Kolleginnen und Kollegen haben alles richtiggemacht. Das Leben ist unser wichtigstes Gut." Häme oder Kritik an den Polizisten könne er nicht nachvollziehen. Sie hätten eindeutig "Erfahrung genug, um zu wissen: Wann geht's zurück und wann geht's nach vorne." R. habe sich am Sonntag erst äußerst kooperativ verhalten und nach dem Eintreffen der Kollegen bei der Waldhütte Pfeil und Bogen, Munition sowie einen Speer ausgehändigt. Erst als ein Polizist ihn durchsuchen wollte, zog er unvermittelt eine Waffe und zwang die Einsatzkräfte, ihre Dienstpistolen abzulegen und sich von der Hütte zu entfernen.

Seitdem ist der Mann auf der Flucht, die Ermittler gehen davon aus, dass er sich noch in den Wäldern um Oppenau aufhält. Dort hatte er, seit Herbst 2019 wohnungslos, bereits seit Längerem hauptsächlich gelebt. "Der Wald ist sein Wohnzimmer", sagte Renter. Die Kollegen in voller Amokausrüstung im Umfang von 20 Kilogramm - das Sondereinsatzkommando trägt bis zu 40 Kilogramm pro Einsatzkraft - hätten es da natürlich schwer, im unwegsamen Gelände vorwärtszukommen und den Flüchtigen zu stellen. "Komplett durchsuchen kann man so ein Gebiet ohnehin nicht, das gibt die Topographie nicht her", sagte Renter.

An der Gefährlichkeit des Flüchtigen zweifeln die Behörden derweil nicht. Der Mann wurde schon 2009 in Pforzheim rechtskräftig verurteilt, wie die Staatsanwaltschaft bestätigte. Er hatte 2008 mit einer Armbrust auf eine gute Bekannte geschossen und diese dabei schwer verletzt. Wegen gefährlicher Körperverletzung wurde er damals zu dreieinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Seitdem ist ihm das Tragen von Waffen verboten. Darüberhinaus hat er mehrere weitere Vorstrafen, unter anderem wegen Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz sowie wegen Diebstahls und Sachbeschädigung. Erst 2019 wurde R. wegen unerlaubten Umgangs mit Sprengmitteln und Waffen zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt - diese Bewährung läuft laut Staatsanwalt Schäfer noch.

Bereits seit Jahren hatte sich R. offenbar immer weiter aus der Gesellschaft zurückgezogen. In Oppenau war er laut Bürgermeister Gaiser als "seltsame Person" und "Einzelgänger" bekannt. Der SWR berichtet, dass der 31-Jährige zuerst noch in einem Gasthaus in der Kleinstadt gelebt habe. Er soll aber seine Miete nicht gezahlt haben, weswegen seine Wohnung zwangsgeräumt worden sei. Diese Information eines in dem Haus beschäftigten Kochs bestätigte auch der damalige Vermieter der Nachrichtenagentur AFP. R. habe demnach fünf Jahre in der Dachgeschosswohnung des Gasthofs gelebt. Danach zog er sich offenbar in den Wald zurück.

Eine Ermittlungsrichterin beim Amtsgericht Offenburg hat mittlerweile einen Untersuchungshaftbefehl gegen R. erlassen, unter anderem wegen des dringenden Verdachts der besonders schweren räuberischen Erpressung. Darauf steht ein Strafmaß von fünf bis 15 Jahren Haft. Auch ein europäischer Haftbefehl liegt vor, sollte sich der Mann über die nahegelegene Grenze nach Frankreich absetzen. Ein politisches Motiv für die jetzige Tat schließt Staatsanwalt Schäfer immerhin aus: Es gebe keine Belege für eine Zugehörigkeit R.'s zum rechtsradikalen Spektrum oder der Reichsbürgerszene.

© SZ/dpa/mkoh/lot
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