bedeckt München 24°

Norwegen nach dem Breivik-Urteil:Zeit für eine schmerzhafte Diskussion

Die norwegische Gerichtsbarkeit hat ihre Schuldigkeit getan. Sie hat beim Prozess gegen Anders Behring Breivik vorbildliche Arbeit geleistet. Doch für die norwegische Gesellschaft darf das Urteil kein Schlusspunkt unter das schlimmste Verbrechen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sein. Sie muss sich nun bitteren Wahrheiten und drängenden Fragen stellen.

Gunnar Herrmann, Oslo

Norwegen hatte diesen Tag herbeigesehnt. Das Urteil gegen Anders Behring Breivik am Freitag markiert den Schlusspunkt des Prozesses, der das Land seit dem 22. Juli 2011 beschäftigt hat wie kein Ereignis seit dem Einmarsch der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg. Breivik war in dieser Zeit allgegenwärtig: in Zeitungen, im Fernsehen, in den Gesprächen der Menschen. Jetzt wird er, so die Hoffnung, wenigstens vorerst von der Bildfläche verschwinden.

Die Erleichterung darüber war am Freitag insbesondere den Angehörigen der Opfer und den Überlebenden der Anschläge anzumerken. "Wir hoffen, dass wir ihn nie wieder zu Gesicht bekommen" - solche Sätze waren oft in Oslo zu hören.

Der Wunsch wird sich wohl nicht ganz erfüllen. Aber die vorbildliche Arbeit der norwegischen Justiz hat zumindest dazu beigetragen, dass Breivik künftig nicht mehr ganz so interessant sein wird. Bis in die letzten Details hat das Verfahren seine Taten offengelegt. Jeder Mord, jede Verletzung ist in allen Einzelheiten im Gerichtssaal geschildert worden.

Der Strafprozess hat geleistet, war er leisten konnte

Und Breiviks Bemühungen, während des Prozesses Gerüchte und Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen, blieben vergeblich. Mit immer neuen Fakten entlarvten die Staatsanwälte seine Andeutungen über Terrornetze und Tempelritterbünde als plumpe Lügen. Breivik schrumpfte mit jedem Verhandlungstag, am Ende blieb nicht mehr als ein einsamer Mörder übrig. Er hat jetzt nichts Geheimnisvolles mehr an sich.

Auch die letzte Frage, ob er zurechnungsfähig war oder nicht, hat das Gericht mit seinem Urteil beantwortet. Damit hat der Strafprozess geleistet, war er leisten konnte.

Die juristische Auseinandersetzung mit Breivik hatte in den vergangenen Monaten auch etwas Einendes. Im Gerichtssaal gab es einen klaren Gegensatz zwischen dem Wir der norwegischen Gesellschaft und dem Killer auf der Anklagebank, der diese Gemeinschaft in dem Moment verlassen hatte, als er voriges Jahr die Lunte seiner Autobombe anzündete.

Aber dieser Gegensatz war auch eine Illusion. Denn Breivik ist Norweger. Er verbrachte sein ganzes Leben in diesem Land. Er plante dort seine Anschläge, kaufte dort seine Mordwaffen, fand dort in politischen Debatten Bestätigung für seine rechtsextremen Wahnideen. Warum bemerkte keiner, was in ihm vorging? Warum wurde er am 22. Juli 2011 nicht früher gestoppt?

Ende der Einigkeit

Solche Fragen stellen sich unabhängig davon, ob man Breivik für unzurechnungsfähig hält oder für schuldfähig. Und ein Strafprozess kann sie nicht beantworten. Das kann nur die Gesellschaft. Das Urteil wird ein Wendepunkt in der Debatte um die Attentate Breiviks sein. Der Täter tritt ab. Jetzt muss es um Ursachen und Hintergründe der Tat gehen.

Urteil im Prozess gegen Breivik erwartet

69 Menschen ermordete der Attentäter Anders Behring Breivik im vergangenen Jahr auf der kleinen Insel Utøya im Tyrifjord. Zum Gedenken an die Opfer des Massakers haben Menschen Rosen ins Wasser geworfen.

(Foto: dapd)

Wie die Debatte ablaufen könnte, lässt sich bereits erahnen. Eine von der Regierung beauftragte Untersuchungskommission hat vor einigen Wochen schwere Vorwürfe gegen Polizei und Regierungsbehörden erhoben. Kurz darauf kamen die ersten politischen Forderungen, darunter der Ruf nach strengeren Waffengesetzen oder mehr polizeilicher Überwachung. Vereinzelt wurde aber auch der Rücktritt des Ministerpräsidenten gefordert.

Von der Einigkeit, die Norwegen nach den Anschlägen so eindrucksvoll zeigte, war nicht mehr viel zu spüren. Und das ist gut. Nur in einer Auseinandersetzung, die gegensätzliche Interessen und Meinungen berücksichtigt, lassen sich die richtigen Lehren aus den Anschlägen ziehen.

Es wird eine schmerzhafte Diskussion. Aber wenn Norwegen sie genauso sachlich und offen führt wie den nun beendeten Prozess, dann stehen die Chancen gut, dass die norwegische Demokratie am Ende stärker, sicherer und stabiler wird. Breivik wollte mit seinen Morden genau das Gegenteil erreichen.

© SZ vom 25.08.2012/jobr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite