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Natascha Kampusch wehrt sich gegen Gerüchte:"Warum soll ich demütigende Sachen preisgeben?"

Zweifel an der Einzeltäter-These, Gerüchte über einen Kinderpornoring - und eine vermeintliche Schwangerschaft: Der Fall Natascha Kampusch lässt Österreich nicht los. Gerade in jüngster Vergangenheit wurden intime Details der Entführung öffentlich diskutiert. Nun hat sich das Opfer selbst zu Wort gemeldet.

Die Leidensgeschichte der Natascha Kampusch scheint kein Ende zu nehmen. 2006 entkam die damals 18-jährige Österreicherin ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil, nach acht qualvollen Jahren Gefangenschaft in einem Kellerverlies. Der Fall wurde vielfach untersucht und diskutiert - doch in Kampuschs Heimat reißen die Verschwörungstheorien nicht ab, öffentlich werden intime Details ihrer Entführung diskutiert. Nun hat sich das Opfer selbst zu Wort gemeldet.

Kampusch gibt ORF Interview

Natascha Kampusch im Gespräch mit dem TV-Journalisten Christoph Feurstein: Dem ORF-Reporter hatte die heute 24-Jährige bereits ihr erstes Fernsehinterview nach Ende ihrer Gefangenschaft gegeben.

(Foto: dapd)

Im Gespräch mit dem ORF-Journalisten Christoph Feurstein - dem sie bereits 2006 ihr erstes Fernsehinterview gegeben hatte - wehrte sich die heute 24-Jährige gegen die zahlreichen Gerüchte. Weder habe es weitere Täter gegeben, noch sei sie von ihrem Entführer schwanger gewesen, sagte Kampusch in einem am Montagabend gesendeten TV-Beitrag. Die aktuellen Debatten nannte sie "empörend" und fügte hinzu: "Es ist eine enorme psychische Belastung, es verletzt."

Kampusch war 1998 als Zehnjährige von dem Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführt und acht Jahre lang in dessen Haus bei Wien gefangen gehalten worden. Nach der Flucht des Opfers im Jahr 2006 tötete sich Priklopil selbst.

"Es geht nicht um Opferschutz"

Sie habe nie Mittäter gesehen, betonte Kampusch. Mit dem Freund Priklopils, dem diese Rolle unterstellt wird, habe sie nach der Flucht mehrmals telefoniert, um zu erfahren, ob er schon länger Bescheid wusste. Die Aussage eines damals zwölfjährigen Mädchens, das die Entführung einige Sekunden beobachtete und dabei angeblich zwei Männer sah, erklärte sich Kampusch mit einer Einbildung im Schockzustand.

Kampusch betonte, sie sei auch niemals von ihrem Kidnapper schwanger gewesen. Eine gefundene Haarlocke stamme nicht von einem Baby, sondern von ihr. Der Entführer habe ihr immer wieder den Kopf rasiert und sie habe eine Locke der abgeschnittenen Haare aufbewahrt.

Zum Interesse an zahlreichen Details ihrer Gefangenschaft sagte sie: "Es macht einfach neugierig, was da wohl passiert ist; darum geht es, nicht um Opferschutz oder dass man etwas aufklärt." Spekulationen um einen angeblichen Pornofilm, den ihr Entführer mit ihr gedreht haben soll, oder gar einen ganzen Kinderpornoring, seien absurd. Zu Vorhaltungen, sie spare in ihren Berichten vieles aus, sagte Kampusch: "Jeder hat ein Anrecht auf Privatsphäre, und ich muss nicht alles erzählen. Gewisse Dinge sind sehr persönlich und haben auch nicht wirklich etwas mit diesem Verbrechen zu tun, und warum soll ich dann demütigende Sachen preisgeben?"

Fall wird vermutlich neu aufgerollt

Die aktuellen Diskussionen wurden angeheizt, weil der Vorsitzende eines parlamentarischen Ausschusses in Wien nicht an einen Einzeltäter glaubt. "Aus meiner Sicht ist der Fall nicht abzuschließen", sagte Werner Amon, manche Aussagen von Kampusch könnten zwar aus ihrer Sicht richtig sein, aber trotzdem nicht stimmen.

Ende März will der Ausschuss seine Ergebnisse vorlegen. Nach Berichten einzelner Zeitungen wird er empfehlen, den Fall noch einmal aufzurollen. Die Ermittler vom Bundeskriminalamt und der Justiz reagierten verständnislos. "Intensiver kann man einen Fall nicht ausermitteln".

Verschwörungstheorien um den spektakulären Fall kursieren schon länger. Dazu gehören etwa Zweifel am Selbstmord des Entführers Priklopil - allerdings ohne, dass es bisher einen wirklichen Beleg gäbe. Kürzlich wurde bekannt, dass ein Polizist auf eigene Faust ermittelt und illegal von einer Grundschülerin DNA-Proben genommen hatte, um zu beweisen, dass Kampusch die Mutter des Kindes ist. Ein seriöses Gutachten widerlegte das jedoch.

Im ORF stritten am Sonntagabend Politiker, Juristen und Experten in einer Talk-Runde über das Thema, warfen sich Ahnungslosigkeit vor und beschimpften sich. Demnächst wird zudem der Lebens- und Leidensweg von Kampusch verfilmt. Der verstorbene Filmproduzent Bernd Eichinger schrieb ein Drehbuch nach Kampuschs Autobiografie "3096 Tage".