bedeckt München 30°

Nanga Parbat:Mit dem Geheimdienst auf den Gipfel

Der Nanga Parbat nach dem Anschlag

Militär und Geheimdienst bemühen sich um die Sicherheit am Nanga Parbat.

(Foto: dpa)

Reinhold Messner will keine Expeditionen mehr auf den Nanga Parbat leiten, so lange das nur unter Schutz von Geheimdienst und Militär möglich ist. Die Sicherheitsvorkehrungen an dem Achttausender sind nach dem tödlichen Anschlag vom Juni verschärft worden. Doch nicht alle Extrembergsteiger hält das ab.

Reinhold Messner kennt die Tücken am Nanga Parbat, er hat fünf Mal versucht, den Achttausender zu besteigen. Zwei Mal ist es ihm geglückt. Doch als er in diesem September das Basiscamp Diamir im Westen des Berges erreichte, lernte er noch eine ganz andere Seite des Berges kennen. "Man kann den Schrecken noch förmlich riechen", beschreibt Messner seine Eindrücke vom höchst gelegenen Terror-Tatort der Welt.

Am 23. Juni haben Killer am Nanga Parbat zehn ausländische Bergsteiger und einen einheimischen Führer ermordet. Nun ist erstmals ein Filmteam, begleitet von Reinhold Messner, am Tatort gewesen. Der deutsche Regisseur Andreas Nickel arbeitet an zwei Filmen über den Himalaja, sie sollen im nächsten Jahr ins Fernsehen kommen. Einer beleuchtet die Geschichte der Besteigungen des Nanga Parbat, im anderen wirkt Messner als Reiseleiter vor der Kamera mit und erkundet den Himalaja von Ost nach West. Dabei geht es vor allem um die einheimischen Bergvölker und deren Kultur. Der Film soll herausarbeiten, welchen Einflüssen die Menschen über die Jahrhunderte ausgesetzt waren und wie sie heute leben.

Drei Wochen lang war das achtköpfige Filmteam nun in Pakistan unterwegs, Messner ist schon zurückgereist nach Südtirol und berichtet am Telefon, was er fühlte, am Fuße des Nanga Parbat, wo die Bergsteiger mutmaßlich von Taliban ermordet wurden. Es müsse einen furchtbaren Widerhall der Schüsse gegeben haben zwischen den hohen Bergwänden, sagt er. Die Killer waren damals von Zelt zu Zelt gegangen, die Bergsteiger mussten niederknien und wurden dann, einer nach dem anderen, erschossen. Sie kamen aus China, Nepal, Litauen, der Slowakei und der Ukraine. Ein Opfer war offenbar ein amerikanischer Staatsbürger chinesischer Herkunft.

"So etwas hat es in der Geschichte der Bergsteigerei noch nie gegeben", sagt Messner. Geblieben ist im Camp nur der Müll, natürlich kümmerte sich nach den Morden niemand mehr darum. Messner will nun mithilfe seiner Stiftung saubermachen lassen.

Bezwinger des Nanga Parbat

Regisseur Nickel erzählt in Islamabad davon, wie er die Geschichte der Nanga-Parbat-Besteigungen nachzeichnen will - bis zum 23. Juni 2013, dem Tag des Terroranschlags. Der erste Versuch wurde vom Briten Albert Mummery unternommen, er starb am Berg im Jahr 1895. Zahlreiche deutsche Versuche folgten in den Dreißigerjahren und schließlich, im Jahr 1953, triumphierte der Österreicher Hermann Buhl als erster Bezwinger des Nanga Parbat. "Es war phantastisch, dass wir noch zwei Pakistaner gefunden haben, die damals bei der Buhl-Expedition dabei waren", sagt Nickel. Dank der pakistanischen Armee konnte sein Team auch viele Luftaufnahmen machen, bei denen aufwendige Technik alle Erschütterungen des Helikopters im Film ausgleicht.

Und wie wird es weitergehen am Nanga Parbat? Der Berg kostete auch Reinhold Messners Bruder bei der viel diskutierten Expedition im Jahr 1970 das Leben. Die Statistik sagt: Einer von fünf Bergsteigern kommt von den Expeditionen nicht mehr lebend zurück. Und nun auch noch der Terror. Das schreckt nicht alle ab. Immer extremer werden die Versuche, sich zu beweisen. Messner weiß von mindestens drei Vorhaben, den Berg im Winter zu besteigen, was bisher noch niemandem gelungen ist. Das Risiko, auf Taliban zu stoßen, mag weitaus geringer als im Sommer sein, vielleicht geht es sogar gegen null, aber ansonsten spricht nichts für eine Besteigung im Winter.

Der pakistanische Staat arbeitet daran, das Leben der Bergsteiger nach dem Anschlag abzusichern. Messner sagt dennoch, dass er in den kommenden Jahren keine Expedition am Nanga Parbat leiten wolle. Wenn die Besteigungen nur noch mit geheimdienstlicher Überwachung und militärischem Schutz möglich seien, dann würden sie für ihn ihren Reiz verlieren. "Ich will nicht in einer Orwell'schen Welt bergsteigen gehen", sagt Reinhold Messner. Die nötigen Freiräume kann es aus seiner Sicht erst dann wieder geben, wenn Pakistan befriedet ist. Und das dürfte noch dauern.

© SZ vom 02.10.2013/leja

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite