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Nach Silvester in Köln:Die Nachbarn fürchten sich vor einem Insektennetz

Kurz nach den Anschlägen von Paris kam eine alte Nachbarin vorbei, um uns Folgendes zu erzählen: Die Frau im Haus nebenan habe ihr berichtet, wie sehr sie sich fürchte, weil sie eine schwarze Flagge in unserem Fenster gesehen hatte. Wegen unserer Hautfarbe waren wir eindeutig Muslime und wollten mit unserer "schwarzen Flagge" jemandem eine Botschaft übermitteln. Die schwarze Flagge war in Wirklichkeit ein Netz, das die Küche vor Insekten schützen sollte.

Unsere Nachbarin, die ein wenig zerstreut ist, hatte vergessen, dass wir Atheisten sind, und fragte sorgfältig nach, was wir über die Anschläge von Paris dachten. Erst als sie unseren Horror und unsere Abscheu ob der Ermordung von Zivilisten erfahren hatte, war sie zufrieden und ging.

Ich weiß, unsere Nachbarin ist eine Schwatzbase und trägt ihr Herz auf der Zunge. Aber plötzlich betrifft es mich, was andere Leute über mich sagen. Ich weiß nicht, was ich mehr fürchten soll - die Gegenwart so vieler Flüchtlinge, die zu einer Religion gehören, vor der ich davongerannt bin, um mein Leben zu retten. Oder das wachsende Unbehagen in der Gesellschaft über Flüchtlinge im Allgemeinen.

Die Rechte schafft Ausreden für Gewalt

Noch verstörender ist das, was die deutsche Rechte tut: Sie destabilisiert die Lage in der Gesellschaft und schafft Ausreden für Gewalt. Angriffe auf Flüchtlinge kamen noch nie so häufig vor wie nach den Silvesterereignissen. Deutsche Männer (Rechte, Pegida, AfD, NPD und überdrehte Jugendliche), die auf den Straßen patrouillieren, machen die Sache nicht besser.

Werden geflüchtete Frauen und Kinder den Preis zahlen für die Verfehlungen einiger weniger männlicher Mit-Flüchtlinge? So ist es in Stockholm geschehen. Werden die stolzen deutschen Männer auch Frauen und Kinder schützen, wenn diese Flüchtlinge sind?

Eine große Paranoia hat sich in den Köpfen sowohl der Flüchtlinge als auch der Einheimischen festgesetzt. Einer fürchtet den anderen und umgekehrt. Das Gefühl der Unsicherheit wächst, Gerüchte schüren das Feuer.

Es stimmt, der riesige Zustrom von Flüchtlingen ist eine große Krise, und auch ich wusste zunächst nicht, was ich dazu sagen sollte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Menschenleben in Gefahr sind. Journalisten und Menschenrechtler, Frauen und Kinder aus Iran, Irak, Saudi-Arabien, Syrien, Bangladesch, Pakistan und vielen afrikanischen Ländern, die vor Verfolgung, Todesstrafe und Gefängnis in ihrer Heimat geflüchtet sind, müssen in ihrer Heimat die Hölle fürchten (oder gleich den Tod). Es wäre besser, wenn der Zustrom der Flüchtlinge und das System ihrer Integration besser kontrolliert würden. Recht und Ordnung müssen gewahrt bleiben.

Mit all den Kriegen im Nahen Osten und in Asien ist die Welt ein fruchtbarer Boden geworden für Terroristen und Hassprediger. Rassismus erodiert ganz unverhohlen die Vorstellungen von Moral. In der Hoffnung, dass nicht der Hass Deutschlands Gesicht zeichnet, wünsche ich mir, dass die Politik das vorherrschende Unbehagen in der deutschen Gesellschaft besser angeht, als sie es bisher getan hat.

Meera Jamal, 33, pakistanische Journalistin.

© SZ vom 23.02.2016/jly
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